Das klingt danach, dass er total verzweifelt und überfordert ist.
Und irgendwie kann ich das auch nachvollziehen.
Eigentlich möchte er schon für Dich und Euer Kind da sein, aber im Moment kann er ja nicht mal für sich selber sorgen und das macht ihm natürlich grosse Angst.
Ich finde gut, dass Du ihn besuchen gehst.
Und ich würde die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass er irgendwann wieder so viel Vertrauen zum Leben, zu sich selbst und zu Dir aufbringen hat, dass er sich eine gemeinsame Zukunft als Familie vorstellen hat.
Daneben tust Du aber bereits schon genau das Richtige. Nämlich Plan B aufbauen, falls er sich doch nicht einkriegt. Machst Du super!
Für was ich aber nach wie vor keine mildernde Umstände finde ist die Sache mit der Ex. Wenn sie doch Borderlinerin ist und er sie so lange kennt, müsste er doch wissen, dass er nichts für sie tun kann und sie ihn nur runterzieht.
Ja, das klingt es wirklich. Ich habe mir heute wieder sehr viele Gedanken gemacht und als ich meine gestrigen Posts wieder las, erschienen sie mir so fordernd und völlig ungeduldig mit ihm. Mir tut das dann wahnsinnig leid. Ich will so nicht sein, aber ich bin irgendwie auch total überfordert und hätte mir gewünscht, dass wir da zusammen durchgehen. Es scheint aber so, dass jeder für sich alleine kämpfen und mit seinen jeweiligen Dämonen fertig werden muss.
Er hat das auch so gesagt, dass er sich gern kümmern würde, aber im Moment für sich selbst kämpfen muss. Das muss er ja wirklich, diese Reha ist kein Papenstiel. Und all das glaube ich ihm und es wäre vielleicht wirklich kein solches Problem für mich geworden, wenn nicht die dritte Partei auf den Plan getreten wäre. In dieser kurzen Zeit ist so wahnsinnig viel passiert, manche der Nachrichten, die sie mir geschickt hat, überdenke ich jetzt erst, weil ständig was anderes passiert ist und ich mit anderem beschäftigt war. Dazu kommt, dass er gewisse Dinge nicht kommuniziert. Damit kann ich schwer klar kommen, ich muss immer über alles reden. Ich versuche zu akteptieren, dass er das nicht so kann, aber in der Zeit, in der ich nichts von ihm höre, male ich mir manchmal die schlimmsten Dinge aus.
Ich mache mir ja auch solche Sorgen um ihn. Ich habe ihn jetzt fünf Wochen nicht sehen können und er meinte immer, dass das okay sei, weil er weiß, dass ich nicht so einfach zu ihm kommen kann und unsere Beziehung im Moment ohnehin schwierig ist. Auch sagte er, dass er es allein schon zu schätzen wissen, dass ich immer erreichbar bin, was auch stimmt, weil ich sofort reagiere, wenn ich etwas von ihm höre. Aber dann kam er mir heute damit:
"Ich bin schon fünf Wochen hier. Wenn ich dir wirklich so viel bedeuten würde, wärst du schon da gewesen, andere waren das. Stattdessen verschiebst du es immer wieder."
Das letztere stimmt gar nicht, ER hat abgesagt oder sich gar nicht mehr gemeldet, so dass ich keine Ahnung hatte, was ich tun sollte. Ein bisschen Bescheid wissen, wann ich in etwa kommen soll, muss ich schon, da das Programm der Reha straff ist und sie zum Teil auch in der dortigen Stadt unterwegs sind. Etwas später kam dann:
"Es tut mir leid, mir geht es einfach nicht gut im Moment. Würde mich doch sehr darüber freuen, wenn du kommst."
Mir kommt er irgendwie auch so verbittert vor und so ist er nicht, ich möchte nicht, dass er da so abdriftet, seinetwegen möchte ich das nicht. Gestern Abend postete sein Neffe ein älteres Foto vom Vater meines Kindes mit Freunden auf Facebook und schrieb dazu, dass er an seinen Onkel denke, dem es nicht gut ginge. Mich hat das so berührt, erstens der Zusammenhalt der Familie, aber dann auch das, was ich in diesem Foto sah - er ist so ein strahlender Mensch, der so viel für andere getan hat, schon mit seinem Beruf hat er praktisch sein Leben in den Dienst der anderen gestellt. Auch sein Unfall hat im weitesten Sinne damit zu tun und hätte nicht passieren müssen, wenn er sich nicht um andere so viele Gedanken machen würde.
Es klingt seltsam, glaube ich, aber ich habe dabei wieder bemerkt, wie verliebt ich in diesen Menschen noch immer bin. Und wenn ich dann auf die momentanen Fakten schaue, werde ich todunglücklich, allerdings ist es mir heute wieder gelungen, mich zu fangen und abzulenken.
Was die Ex angeht, das sehe ich auch so und es tut gut, das zu lesen, weil ich mich manchmal frage, es geht einfach hin und her in meinem Kopf, ob ich das zu streng sehe. Das finde ich eigentlich nicht, aber wenn man alles mit sich allein ausmachen muss, kommt man auf seltsame Überlegungen.
Er meint immer, er müsse für andere da sein und etwas für sie tun (was jetzt sicher auch unverständlich klingt, weil er sich mir gegenüber ja anders verhält im Moment) und er ist auch ein bisschen naiv, finde ich, was die Erkrankung seiner Ex angeht. Sie sei halt "cholerisch" meinte er mal recht lapidar, aber er wisse, wie er sie da beruhigen kann. Was nicht stimmt, sie ist völlig ausgerastet und hat ihm sogar gedroht IHN umzubringen. Er unterschätzt es, dass sie wirklich krank ist.
Noch etwas, das mir einfiel (ich bin etwas erkältet und schreibe sicher wieder wirr, das tut mir leid). Ich habe ihn wie gesagt fünf Wochen nicht gesehen und als wir mal länger telefonierten, sagte er mir, dass er ihr Fotos von sich geschickt habe. Mir nicht. Im Gegenteil, da meint er immer, er sähe so schrecklich aus - als ob ich nicht begreifen würde, dass man, wenn man krank ist, nicht gerade wie ein Filmstar aussieht, was sowieso egal ist. Neulich kam er damit, dass er frustriert sei, weil er im Moment unheimlich zunehmen würde und ich habe den Eindruck, dass er sich deshalb vor mir schämt. Ich konnte gar nicht verstehen, wie er sich deshalb in dieser Lage um soetwas wie Optik Gedanken machen kann. Das einzig wichtige ist für mich ist, dass er wieder gesund und glücklich wird. Ich sagte ihm das auch, aber es kam nicht wirklich an.
Nun ja, ich werde morgen jedenfalls definitiv fahren. Ich habe mir doch ein Hotelzimmer gebucht, irgendwie ist mir das lieber, für mich zu sein und ich rechne nicht damit, sehr lange zu bleiben, aber falls doch, kann ich vielleicht doch noch bei meiner Bekannten unterkommen für ein paar Nächte.
Ich bin ziemlich aufgeregt darauf, ihm zu begegnen. Irgendwie habe ich Angst davor. Ich habe an mir bemerkt, dass ich irgendwie Berührungsängste entwickelt habe, die ich vorher nicht hatte. Es gab einige Situationen im Krankenhaus, bei denen er recht schwierig wurde, sich nicht helfen lassen wollte und schon nicht wollte, dass ich die Hand berühre oder betrachte, die gelähmt ist. Aber auf der anderen Seite freue ich mich auch auf ihn und möchte ihn einfach nur umarmen und mit ihm zusammen sein. Es ist alles sehr zwiegespalten...