Lb. Nordrheiner,
Du schreibst:
"Mir kommt nicht erst seit gestern der Verdacht, dass Du negative Aspekte des Koran, der Hadithen, des Islam ignorierst oder schönreden willst. Wir leben in Deutschland seit vielen Jahren sehr friedlich mit deutschen Muslimen zusammen. Das könnte so bleiben. Es würde mich freuen. Nur bin ich mir nicht sicher, dass es so bleiben wird."
Hab Dank für deine Antwort. Nein, schönreden will ich gar nichts. Und ich ignoriere auch nicht, habe ich doch seit mindestens Ende der 70iger Jahre recht regen Kontakt mit muslimischen Familien gehabt. In meiner Schule gab es zur Hoch-Zeit ca. 350 junge Menschen aus muslimischen Familien.
Die ersten Probleme tauchten da etwa im Zusammenhang mit dem Sportunterricht auf, verweigerten doch vorzugsweise muslimische Väter den Töchtern die Teilnahme am Sportunterricht. Nicht nur, dass der Unterricht koedukativ stattfand, sondern auch die Art der Sportbekleidung war Stein des Anstoßes.
Hier hat die Schule so reagiert, wie es nach Recht und Gesetz geboten war und unentschuldigtes Fehlen mit der entsprechenden Zensur quittiert. Wir hatten allerdings auch mal eine Mutter, die mit ihrem Sohn alleine lebte und die einer speziellen christlichen Gemeinschaft angehörte. Sie fand es unsittlich und nicht bibelgemäß, dass ihr Sohn Sportbekleidung tragen sollte. Vor allem nahm sie Anstoß daran, dass der Junior im Anschluss an den Sportunterricht mit seinen Altersgenossen unter die Dusche geschickt wurde.
Zur gemeinsamen Dusche konnte die Schule ihn nicht verpflichten, wohl aber zum Sportunterricht. Der junge Mann hat mir Jahre später sein Martyrium geschildert, und er hat sich in einem langen quälenden Prozess aus der religiösen Tyrannei seiner Mutter befreit.
Ich selbst habe schon fast am Ende meiner Dienstzeit eine junge Muslima, die völlig in schwarz und mit nahezu verhülltem Gesicht aus meinem Unterricht verwiesen und auf das Maskierungs-Verbot hingewiesen.
Andererseits, ich berichte schon mal, hatten wir einen muslimischen Kollegen, der mit seinen Schülern zu Ende des Ramadan das Zuckerfest feierte und dazu die ganze Schulgemeinde einlud. Für uns alle, war es eine Selbstverständlichkeit dieser Einladung Folge zu leisten.
Das mich persönlich am meisten berührenste Ereignis war der plötzliche Tod eines unserer Schüler. Wir hatten ihn nach der 10. Klasse mit einem sehr guten Abschluss entlassen. Zurück aus den Sommerferien, erreichte uns die Nachricht, dass der junge Mann bei einem tragischen Unglückfall zu Tode gekommen war.
Was dann in unserer Schule geschah, bewegt mich noch heute. Unsere Schüler baten die Schulleitung um einen Raum, richteten einen Tisch her, auf dem sie ein Bild ihres toten Mitschülers platzierten. Sie stellten weiße Lilien daneben, legten einen Kreis mit Steinen um sein Bild. In den Kreis legten sie Briefe, die sie ihrem toten Freund und Mitschüler gewidmet hatten.
Der junge Mann wurde dann einige Tage später in seine türkische Heimat überführt. Bevor sein Sarg das Haus seiner Eltern verließ, versammelten sich etwa 100 unserer Schüler mit einer türkischen Kollegin und nahmen Abschied von ihrem Freund.
In der Schule erschien dann eine Sonderausgabe der Schülerzeitung, in der junge Menschen an ihn erinnerten, Bilder gemalt hatten, die sie ihm widmeten.
Nie wurde uns als Schulgemeinde so bewusst, wie sehr er zu uns gehört hatte. Das wirkte sich dann auch auf die Atmosphäre in unserer Schule aus.
Ja, Sahin war ein Muslim, und er war unser Schüler und unser Freund, um den wir trauerten.
Burbacher