Liebe Tyra, liebe Vienne,
ich habe mich eben richtig gefreut, von Euch zu lesen. Ihr habt beide absolut Recht mit Euren Auffassungen. Trotzdem: ich bin - wie ich glaube - im Moment fast täglich mehr verwirrt. Ich habe sehr viel bisher im Internet über Narzißmus gelesen, aber heute stand mir auf deutsch gesagt das Maul offen. Ich hatte mir ein Buch bestellt - Narzißmus, das innere Gefängnis. Es wird einem anhand eines Märchens, das des Eisenofens der Grimm-Brüder (kannte ich vorher auch gar nicht) erläutert, was das ist, wie es entstand und was man dagegen tun kann (so weit bin ich aber noch nicht). Regelrecht erschüttert war ich, als ich zu dem Kapitel der Partnerwahl kam. Ich dachte, er schreibt von mir! Offenbar ist es so, daß der Narziß sich Leute wie mich aussucht (und ich wohl solche wie ihn). Ich hab wohl früher (Beziehung Mutter) auch schwer "einen weggekriegt". Deshalb bin ich ja zum zweiten Mal in Therapie. Ich habe extreme Verlassensängste und es ist durchaus vorgekommen, daß ich heulend und bettelnd!!! vor ihm saß, mich bloß nicht zu verlassen. Das ist doch wunderbar für ihn. Besser kanns gar nicht sein. Damit hebe ich ihn in den Himmel, er braucht mein Verhalten, andererseits verabscheut er es. Na das ist ja mal ne richtig nette Sackgasse. Ich werde am Montag das Buch schultern und mit zu meinem Gespräch nehmen.
Im Moment ist es so, daß wir alles so machen wie vorher - nur: wir sind getrennt! So er. Er kann keine Beziehung mehr mit mir führen, geht nicht. Tja, muß ich wohl wieder betteln was? Ist das ne verfahrene Kiste. Woher soll ich denn das Selbstbewußtsein nehmen, zu sagen, zieh Leine? Schaffe ich nie.
Dann hat mich des weiteren erschreckt, zu lesen, daß ich durch meine eigenen Erfahrungen gar nicht anders kann, als immer mich um alles von anderen zu kümmern, nur damit die auch lieb zu mir sind (meine Mutter straft mich heute noch ab, wenn ich nicht funktioniere, wie sie das will - ich bin nicht mal bei ihr aufgewachsen). Das lädt ja förmlich zum Mißbrauch ein. Dann hab ich mir noch so einen Menschen ausgesucht, der andere ausnutzt, sich mit deren Gefühlen gar nicht auseinandersetzen kann. Ja das merke ich auch oft, er kann sich nicht (oder will auch gar nicht, warum auch) in mich hineinversetzen. Und ich dachte noch von mir, daß ich ja gaaaaanz toll bin, mich mit seiner Krankheit auseinanderzusetzen und wenigstens zu versuchen, da was zu retten. Mist, ich kann ja gar nicht anders!
Die Frage nach dem guten Freund: er hat zwar einen, aber ich habe nicht so einen guten Kontakt zu ihm. Er wird auch nicht annähernd ne Ahnung von dem haben, was eigentlich los ist. Ich hab auch schon überlegt, mit ihm zu sprechen, nur wie soll ich das anfangen? Wenn mein Freund meine Freundin anrufen würde und ihr sowas erzählen würde, würde sie ihm nie glauben, weil sie weiß, daß wir offen und ehrlich sind und wenn ich mich blöd verhalten habe, sage ich ihr das auch oder sie mir. Bei den beiden läuft das anders, da zeigt er nur sein charmantes, witziges, humorvolles, an vielem interessiertes Gesicht. Das kann ich wohl vergessen. Seine Eltern stehen mir bei, mit ihnen stehe ich auch in Kontakt. Ich hab sie letzte Woche ja besucht und mir ihre Aufzeichnungen (seit 1991!!!), die sie, immer wenn wieder was vorgefallen war, gemacht haben, durchgelesen. Danach war ich auch erstmal ziemlich fertig, obwohl ich nichts neues gelesen hatte. Ich habe das Gefühl, ich vertiefe mich hier in was, was ganz schön gewaltig ist, aber auch auf mich bezogen, vielleicht komme ich dadurch meiner eigenen Problematik etwas näher. Es vergeht irgendwie gerade kein Tag, an dem ich nicht irgendeinen von meist Schauern begleiteten aha-Effekt habe.
So für heute muß ich Schluß machen. Ich freue mich, wieder von Euch zu hören und melde mich, sobald ich kann, spätestens nach meinem Therapeuten-Gespräch.
Liebe Vienne, ich hoffe, bei Dir geht alles gut? (Ich werde gleich mal schauen, was bei Dir so Neues steht.
Verrwirrt