So, nach dem Lesen der Postings hier nochmal ein paar Anmerkungen:
Ich sehe das so: das eigene Leben ist das absolut wichtigste, das man hat.
Das stimmt nicht. Das Leben ist es nicht, es ist die Würde und Selbstbestimmtheit. Unzählige Menschen sind bereit (gewesen), zu sterben, solange der Tod nur selbstbestimmt ist.
Es ist definitiv feige, dass man nicht kämpft und stattdessen aufgeben will. Vor allem wenn es Menschen gibt die einen lieben, wie gesagt.
Feige? Was heißt denn "feige"? Ich zitiere mal Wiki: "
Feigheit ist zunächst die vorwerfbare (kritisch gesehene) Neigung, sein Handeln durch Angst oder Furcht bestimmen zu lassen. Sie wird als seelischer Zustand beschrieben, in dem sich jemand aus Furcht vor einer Gefahr, einem Verlust, Schmerz oder Tod nicht stellt und aus der Sicht Dritter als ehrlos erweist."
Der Suizident stellt sich dem Tod. Mutig und furchtlos geht er in den eigens gewählten Tod (du siehst, auch entgegengesetzt kann man pathetisch werden, das hatte früher im alten Rom und sogar schon in der Bibel Tradition - mit einer der Gründe, vermutet man, dass in Japan so viele Suizide geschehen, denn dort gilt der Suizid (Harakiri) gerade als ehrenvoll.)
Sie hat auch oft keine Lust mehr gehabt - aber immer gesagt, dass das Leben ein Geschenk ist und man eben dafür kämpfen muss.
Es ist KEIN Geschenk, wenn ich es nicht ablehnen kann. Dann ist es eher eine aufgezwungene Bürde, eine Belastung.
Aber ich für meinen Teil denke, dass wir es denen, die nicht mehr leben dürfen schuldig sind, weiter zu atmen, zumal dann, wenn es keine äußeren Einflüsse gibt, die das verhindern.
Nein, niemand ist irgendwem etwas schuldig. Schon gar nicht den Toten. Woher sollte eine so geartete "Schuld" denn stammen? Aus der Zufälligkeit, dass der andere als Erster zB einen Schritt auf den Zebrastreifen gemacht hat, erfasst wurde und ich nicht? Nee?
Aber es gibt auch für die meisten Dinge eine Lösung! - eine die das Leben mit einbezieht, nicht das Sterben...
Nein, das ist mir zu oberflächlich. Denn das Leben definiert sich erst in Abgrenzung zum Tod - den Tod ausklammern zu wollen in einer Welt, in der wir jeder jede Sekunde sterben können, ist mE absurd.
Insgesamt fällt mir (nicht nur hier) auf, dass bei Suizid sofort die Wertungen einsetzen:
"Der ist krank, der darf sich umbringen"/ "Leid muss man auch mal aushalten" / "Der hat kein Recht, sich das Leben zu nehmen" / "Das Leben ist ein Geschenk" usw.
Wieso, frage ich mich, passiert es in einer aufgeklärten Gesellschaft, dass wir es einfach nicht akzeptieren können, wenn jemand - für uns scheinbar grundlos - sagt, er möchte nicht mehr leben?
Warum (mit Verlaub) labern wir ihn dicht, wollen ihn abhalten, bedrängen ihn, erklären, mahnen, ziehen auf, weisen ungefragt hin auf tausend Dinge usw?
Ich denke, wenn einer unserer Spezies, einer von uns, keinen Lebenswillen mehr hat, dann weckt das in uns den Instinkt, ihn vom Leben überzeugen zu müssen, weil es uns unbewusst widernatürlich vorkommt und uns auf einer tieferen Ebene anspricht: Er berührt in dem Moment unser persönliches Selbstverständnis, das darauf gepolt ist, weiterzumachen und das Leben als höchstes Gut zu betrachten.
Im Übrigen fehlen mir hier in der Betrachtung die Alterssuizide - eine zunehmende Zahl an Fällen. Suizide von Menschen (man schaue die Kunden von Kusch an), die einfach alt sind. Die 90 sind und nicht mehr wollen. Warum soll man denen was vom schönen Pflegeheim erzählen, warum soll man ihnen Palliativmedizin versprechen und die Vorteile der terminalen Sedierung loben?
Warum akzeptieren wir nicht, dass die Intensivmedizin so weit ist, unser Leben unglaublich auszudehnen und dass diese Ausdehnung nicht in jedem Fall gewünscht ist?
Und warum akzeptiert es die Gesellschaft total, wenn einer eine notwendige Behandlung verweigert und stirbt, nicht aber, wenn er durch "Suizid" sterben möchte?
Wieso sind wir beim einen paternalistisch, beim anderen nicht?
Fragen über Fragen...
🙂