Nein, zumindest aus meiner Sicht gibt es einen kleinen, wenn nicht sogar großen Unterschied zwischen Sex und Liebe. Du darftst mich gerne einen Korinthenkacker nennen, aber das bin ich dann halt.
Sex ist nicht mehr als rein mechanischer und biochemischer Prozess, Liebe jedoch etwas anderes und sehr viel mehr.
Tsunami,
manchmal finde ich nervig, zugegeben. Dann aber schätze ich Deine Ausdauer, mit der Du hinter die Dinge kommen willst. Gleichwohl, ich bin mir nicht sicher, ob uns nicht Experten auf dem Gebiet letztlich nachweisen können, dass alles, was wir gerne so idealistisch als Liebe verstehen, im Grunde seinen Ursprung hat in biochemischen Vorgängen.
Da lernen sich zwei Menschen kennen und entbrennen innerhalb kürzester Zeit füreinander. Das berühmte Phänomen "Schmetterlinge im Bauch" beschreibt dieses Geschehen etwas profan. Kommen dann noch gemeinsame Interessen dazu, ähnliche politische, philosophische oder auch religiöse Übereinstimmungen, entwickelt sich eine Bindung, die lange halten kann.
Beide entwickeln eine Verantwortung für das, was sie sich miteinander erarbeiten. In jungen Jahren lernte ich in der Soziologie, dass die stabilsten Ehen in der bäuerlich-ländlichen Bevölkerung geschlossen werden. Den schlagkräftigsten Beweis für diese These lieferten meine eigenen Eltern.
Es gab auch bei ihnen immer wieder mal Soll-Bruch-Stellen und manchmal fürchtete ich, dass unsere Familie auseinanderfliegen könnte. Je älter sie wurden, umso mehr verringerte sich diese Gefahr. Sie waren einander so vertraut in all ihren Stärken und Schwächen. Kurz nach dem Krieg lernten sie sich kennen. Mein Vater war gerade aus dem Krieg zurückgekommen, mit nichts. Meine Mutter entkam dem Untergang eines bekannten Schlachtschiffes, das sie ursprünglich aus dem Osten wieder in den Westen bringen sollte, weil sie im letzten Moment auf dem Landweg nach Hause geschickt wurde.
Wieder zurück, standen sie vor dem Nichts. Vaters Eltern waren beide während des Krieges gestorben. Dann bauten sie sich ihr neues Zuhause, kauften ein Haus und gründeten eine Familie. Ja, es gab Phasen, in denen ich fürchtete, sie könnten sich trennen. Aber dann fanden sie immer wieder Zugang zueinander. Bis zum Schluss. Ich erinnere mich noch heute mit großer Bewegung und wirklicher fröhlicher Erinnerung ihrer Goldenen Hochzeit, die groß gefeiert wurde.
Schon am Morgen dieses Tages zogen hunderte von Mitbewohnern aus unserem Ort vor dem Elternhaus auf, überbrachten ihre Glückwünsche. Ein Chor sang, ein Posaunenchor intonierte Choräle.
Abends dann der Ausklang in einem Gasthof.
Sie waren sehr bewegt, dass ihnen so viele Menschen gratuliert hatten und Glück gewünscht. Mein Vater feierte noch seinen 81. Geburtstag. Wenige Wochen später starb er unerwartet.
Meine Mutter organisierte seine Beerdigung sehr routiniert, kümmerte sich mit Unterstützung enger Freunde um den Ablauf. Bei der Trauerfeier wirkte sie erstaunlich gefasst, während ich Mühe hatte, meine Fassung zu wahren, als ich die Trauerliturgie für Vater hielt.
Kurze Zeit später, Mutter besuchte mich in meinem Wohnort. Wir saßen zusammen, sprachen. Dabei überreichte sie mir ein gerahmtes Bild meines Vaters aus seinen letzten Tagen. Plötzlich rann ihr das Wasser aus den Augen, dicke Tränen rollten über ihre Wangen.
"Ach, Großer", hörte ich sie, "da wird Dein Vater morgens wach, wir reden noch miteinander und dann macht er die Augen einfach zu."
Es war verrückt, aber in diesem Moment hatte ich tiefe Gewissheit, dass sie ihn geliebt hatte. Mutter lebt ja noch und ist inzwischen 89. Ich war ja nicht dabei, wenn sie ihre ganz nahen Augenblicke hatten. Dennoch sage ich mit Überzeugung, dass sie sich geliebt haben.
Und dafür bewundere ich sie, solange ich lebe. Mir ist dieses Meisterwerk nicht gelungen, nicht vergönnt gewesen. Ich habe mit Liebe immer auch Verlässlichkeit verbunden. Das war mir in der Form nicht gegeben. Ich wurde verlassen, was tiefe - auch plausible Gründe hatte. Dennoch schmerzt es.
Burbacher