Hallo charizard,
erstmal: Ich finde es großartig, wie sehr du dich um deine Schwester kümmerst, dich um Infos bemühst, zu einer Beratung gehst!! 🙂
Und ihr tut mir so sehr leid ...
Ich habe nicht die Kompetenzen, mir so etwas wie eine Strategie, die euch möglicherweise helfen würde, zu überlegen - in Beratungsstellen wissen sie auf alle Fälle sehr viel mehr.
Dein Vater hat deine Schwester nicht gefragt, ob sie den Hiqab tragen will. Er will mehr und mehr kontrollieren - d. h. er will eben gerade nicht wissen, wie es dem Rest der Familienmitglieder geht, oder? Er will herrschen, so wie ich das verstanden hab. Gibt es irgendeinen Hinweis darauf, dass es ihn interessiert, wie es euch geht und was ihr wollt?
Wenn nein, dann hätte ein Gespräch mit ihm, bevor die Angelegenheit eskaliert ist, mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts gebracht.
Du schreibst, ihr seid konvertiert. Aus welcher Konfession oder Religion in welche? Hatte dein Vater ein oder mehrere Probleme, bevor ihr konvertiert seid? Kann es sein, dass dein Vater das Gefühl hatte, dass er "die Kontrolle" über etwas verliert oder so, bevor er so streng geworden ist?
Es gibt oder gab in Berlin einen sehr bekannten türkischen Psychotherapeuten, Kazim Erdogan, der eine ebenso bekannte, erste türkische Männergesprächsgruppe in Deutschland gegründet hat, aber es kann sein, dass er jetzt altersbedingt nicht mehr viel in der Richtung machen kann. Er hat einen Verein gegründet, "Aufbruch Neukölln". Es soll in ein paar anderen Städten ebenfalls solche Männergesprächsgruppen für Muslime geben. Du kannst ja mal googeln und dir möglicherweise dort Tipps geben lassen; vielleicht weiß der "Aufbruch Neukölln" mehr. Ich meine, du könntest dir vielleicht Infos darüber besorgen, dass es eben nicht nur die eine muslimische Sicht auf einen Sachverhalt gibt, sondern viele, und das könntest du deinem Vater sagen, wenn er euch mit seiner engen Sichtweise konfrontiert. Und dass es männliche Muslime gibt, wahrscheinlich nur eine Handvoll, aber es gibt sie, die über ihre Probleme regelmäßig sprechen (es gibt im Netz Berichte über die Gruppe und über Erdogan), und dort werden auch die eigenen Werte und Ideale ab und zu kritisch hinterfragt. Viele Haltungen und Werte, die in vielen muslimischen Familien als "echt muslimisch" gelten, sind anscheinend einfach Traditionen eines Landes oder einer Region. Ist im Christentum ja genauso. Aber das weißt du vielleicht besser als ich.
Lass dir von niemandem ein schlechtes Gewissen einreden, dass du deine Eltern nicht ehrst oder auf die Ehre nicht achtest oder deine Familie verrätst, wenn du über familiäre Probleme sprichst! Oder dass du sogar ein schlechter Mensch bist!! Die "Familienehre" ist ein uraltes Konstrukt, das vermutlich aus dem Patriarchat stammt, nicht aus dem Islam. Nehme ich an. Das Patriarchat macht Menschen im Großen und Ganzen unglücklich; was dagegen hilft, sind die Wissenschaften, in dem Fall die Psychologie. Laut Bindungstheorie (John Bowlby), mehr als 50 Jahren Bindungsforschung und bindungsorientierter Erziehung werden die Kinder dann am glücklichsten, haben das meiste Selbstvertrauen und zeigen die besten Leistungen, wenn in der Familie die Bedürnisse (nicht unbedingt alle Wünsche) aller Familienmitglieder erfüllt werden (u. a. Karl Heinz Brisch, Nicola Schmidt). Jesper Juul (Europas bekanntester Familientherapeut) schrieb, dass einer der vier Grundpfeiler einer funktionalen Familie die Gleichwürdigkeit aller Familienmitglieder ist. Nicht Gleichberechtigung, das geht natürlich nicht, aber unter Einbeziehung der Bedürfnisse von allen. Je älter, desto mehr Gleichberechtigung für die Kinder und Jugendlichen.
Die Familie meiner Mutter war vom Christentum geprägt, die meines Vaters von früher ausgeprägtem, später latentem und teils unverarbeitetem Nationalsozialismus. Beides Ideologien. Nach außen: gutbürgerliche Familien, alles da, was man haben und sein sollte. Nach innen: dysfunktionale Familien, in denen keine Liebe vorhanden war. Den Nationalsozialismus habe ich immer gehasst, seit ich 14 war. Mit dem Christentum habe ich mich lange auseinandergesetzt, habe auch profitiert davon, bin aber letztendlich aus der Kirche ausgetreten, weil ich das meiste davon nicht glauben konnte. Ich glaube heute, dass es Gott gibt, aber ich denke, dass es dazu nicht unbedingt eine Religion braucht. Jeder sollte das suchen dürfen, was zu einem passt.