@ Werner,
du hast Recht dass man alle Täter nicht über einen Kamm scheren kann. Was ich geschrieben hatte war eher ein allgemeines Täterprofil oder sagen wir Entwurf zu dem Persönlichkeitsprofil von Gewalt-Missbrauchstätern . Natürlich gibt es individuelle Besonderheiten aber in den Grundansätzen funktionieren Gewalttäter so ungefähr wie ich schrieb. Warum sie so (geworden) sind wie sie sind ist individuell unterschiedlich.
Was die Einsicht Mist gebaut zu haben lange nicht da ist ist meiner Ansicht nach einem Selbstschutzmechanismus zu verdanken, so eine Art Verdrängung. Bei Soldaten ist es überlebensnotwendig diese Schuldgefühle zu verdrängen, sonst könnten sie ihren Job nicht machen. Sie werden in ihrer Ausbildung darauf gedrillt, maipuliert und so einer Art Gehirnwäsche unterzogen moralische Bedenken beiseite zu schieben und erlernen so eine Art Kriegsmoral die sich von der Moral in Friedenszeiten unterscheidet. Bei den meisten Soldaten (außer den Psychopathen und ausgefuchsten Sadisten unter ihnen) geraten diese Moralen nicht selten nach Kriegsende, also Jahre später in Konflikt und es kommt zu traumatischen Effekten, psychischen Belastungen. Bei denen das nicht so ist würde ich argwöhnisch gucken.
Das mit dem Hirndefekt ist mir bekannt, die Vermutungen von Neurobiologie, Psychologie dass traumatische Erlebnisse die Emphatieempfinden blockieren oder aber Störungen, Läsionen od.ä. im präfontalen Mittelteil des Kortex, da wo das Sozialverhalten gesteuert wird.
Funktioniert dieser Hirnbereich aus was für Gründen auch immer nicht "normal" zeigen solche Menschen weder Mitgefühl noch Reue, das Sozialverhalten ist stark verändert und eingeschränkt.
hier ein Link zu Beispielen die ein Neurobiologe anführt:
António Damásio ? Wikipedia
Ich weiss einiges aus der Kindheit meines Vaters, das hatte ich über seine Schwestern (= meine Tanten) und auch durch ihn erfahren. Sein Vater war ein tyrannischer und gewalttätiger Mann, den er selbst jedoch nicht erlebt hatte, da er als Nachzüglerkind als seine Geschwister bereits so gut wie erwachsen waren auf die Welt kam und die größeren Brüder von ihm den Vater rausgeschmissen hatten. Die Mutter war ein devotes graues Mäuschen, eine sehr liebe Frau, die so wie ihre Kinder (außer mein Vater) von ihrem Mann schwerst misshandelt wurde.
Lt. Erzählung meines Vaters hat sein Vater als er so um die 10 Jahre alt war entführt und auf Rundreise nach England mitgenommen...er war damit sein Held...ein Vorbild..offenbar auch in Hinsicht auf ungezügeltes Dominanzverhalten. Die gesamte Familie meines Vaters zerfiel, einige der Geschwister hatten nie wieder Kontakt...da scheint vieles gelaufen zu sein was nicht mehr gekittet werden konnte über das man nur mutmaßen kann. Mein Vater war verwöhntes Nesthäkchen (das seiner Aussage nach Gewalt nie erlebt hat) gewesen der es gewohnt war das sein Wille ausschlaggebend war.
Meine Mutter war Haussklavin in ihrem Elternhaus gewesen (Mutter = meine Oma) kokssüchtige Bohemieme die einen unter ihrem Stand stehenden Stahlarbeiter geheiratet hatte und frust-aggressiv war)hatte ein unterentwickeltes Selbstwertgefühl und fühlte sich geschmeichelt über die Aufmerksamkeiten meines Vaters. Sie lernte ihn mit 14 Jahren kennen und sie heirateten recht früh...Mein Vater war niemals der Typ brutaler Schläger oder so...eher ungerechter Despot dem es normal vorkam zu herrschen und das auch mit Gewalt. Allerdings hat bei ihm schon das schlechte Gewissen irgendwo funktioniert und ich vermute es war so eine Art Erlösung für ihn dass ihn da irgendwann jemand räsoniert hat bevor er immer mehr eskaliert wäre. Irgendwie hat er immer nach einer Grenze gesucht, aber meine devote Mutter konnte oder wollte aus Angst sich dadurch bei ihm unbeliebt zu machen (was sie jedoch auch so bereits war....)die ihm offenbar nicht geben. Für meine Mutter war er ihr viertes verwöhntes Kind dem sie alles durchließ..er konnte einfach machen was er wollte und war ihr Gott, wusste alles, konnte alles....sone Art Idolatrie dich ich nicht so recht nachvollziehen konnte...Hörigkeit halt. Das gab meinem Vater viel zu viele Freiheiten insbesonder in Hinsicht auf die "Erziehungsmittel". Auch meine Mutter hatte in ihrer Kindheit Gewalt durch ihre Mutter erfahren, sie fand sowas normal...sie selbst schlug ebenfalls, oder meldete "Straftaten" der Kinder an den Oberherrscher der dann die Bestrafung vollzog..irgendwie pervers das System und oft auch grausam.
Nun ich denke das eine Läsion im Hirn meines Vaters unwahrscheinlich ist, er eher an eine Art Narziß und Misanthrop, der über den Tellerrand seines Selbst hinaus wenig für andere Menschen empfindet und der da er nie Grenzen erfuhr, seine Erziehung darin bestand sich selbst zu erziehen, mit Jugendfreunden halbkriminelle Tätigkeiten in den Nachkriegszeiten durch zu führen und er sowas wie ein vernünftiges Sozialverhalten nie gelernt hat. Die Beziehung zu meiner Mutter, einer passiven, devoten Frau hat dann noch ihren Teil dazu getan.
Naja...also einige Erklärungen habe ich da halt schon gefunden aber ich denke letztlich entschuldigen diese die Taten meines Vaters nicht. Insbesondere bei meiner mittleren Schwester die alles in sich verschlossen hatte, auch ihre Ängste damals hat das einigen Schaden angerichtet.
Da du den Fritzl Fall erwähntest...wurde nicht kürzlich gegen seine Frau Anklage erhoben? Das erinnert mich indirekt an meine Mutter, die Rolle einer duldenden Frau die alles was der Herr so macht hinnimmt. Dabei denke ich dann oft: bekloppte patriarchale christliche Tradition und Erziehung die immer noch bis in die heutige Zeit ihre Spuren in der Psyche und dem Verhalten der Menschen hinterlassen hat. Ist meine Privatwertung..höchst unwissenschaftlich...
😉
Auch diese Tradition hat natürlich ihren Anteil daran warum mein Vater so war/ist, wie er ist oder meine Mutter so war/ist wie sie war/ist.
Die Frage die sich mir öfters stellt ist: ist der Anspruch kritisches Hinterfragen, Selbstreflexion von seinen Mitmenschen ein zu fordern zu hoch? An sich würde ich die Schulung in solchen Dingen gleich ab Kindergartenalter einführen
Damit eine Gesellschaft funktioniert braucht es natürlich Menschen die funktionieren und an sich ist es ja so dass eine Gesellschaft Menschen die sich aufopfern, viel leisten, wenig Ansprüche stellen...also mit gewissem Sklavenhabitus gut gebrauchen kann.
Gewalt ist sowas wie ein Anthroplogikum denke ich...gehört zur menschlichen Natur und an sich profitiert eine Gesellschaft auf gewisse Art und Weise von der gewaltinduzierten Unterdrückung von Menschen mit.
Die Frage die sich dabei stellt ist ob man immer alles was Traditionen oder Gesellschaft vorgibt und von einem abverlangt immer mitmachen sollte...und ob es Möglichkeiten gibt alternative Wege ein zu schlagen.
Tyra