Heute ist ihr Geburtstag, wahrscheinlich bin ich deswegen wieder so durch den Wind.
Diese sind immer besonders schwierige Tag, Tag an dem mit einem oder allen Familienmitgliedern eine heile Welt gelebt wurde. Es scheinbar nichts anderes Bestand hat, wie das was grad gefeiert wird. Nicht nur Geburtstage auch andere Feiertage an denen erinnert wird, dass es einen großen Wunsch gibt, nämlich den Wunsch eine heile Familie zu haben, eine heile Welt….
Und durch den Tod meines Vaters gab es eben einigen Kontakt. Sie sind schon seit Jahrzehnten getrennt, trotzdem dachte ich, ich sollte es ihr sagen, als es dem Ende zuging. Dann ging es plötzlich sehr schnell. Sie hat es nicht fertig gebracht, mir auch nur ein einziges gutes Wort zu schreiben. Es ging mal wieder nur um sie, wie betroffen sie sei.
Jetzt gibt es den Nachlass zu regeln und ich brauche Dokumente. Ich bin froh, wenn es vorbei ist.
Der Tod deines Vaters hat noch einmal deutlich gemacht, wie wenig sie nach Außen offen ist, wie sehr sie noch selbst gefangen ist und doch sollte dies nicht dazu führen, den Schmerz der anderen zu übersehen. So hat es dir noch einmal deutlich gemacht, dass sie dich mit all deinem Schmerz nicht sieht, vielleicht nicht sehen kann. Doch zeigte es dir auch, dass es dir weh tut, wenn sie so ist und du musst dich nicht in Situationen bringen, die dir nicht gut tun, die dir Schmerzen bereiten, auch nicht wenn es die eigne Mutter ist. Eine Beziehung zwischen Menschen geht nur, wenn beide Seiten bereit sind auch den anderen zu sehen….
Es ist übrigens nicht so, dass ich mich grundsätzlich gegen Therapie stelle. Ich war nur so empört, dass alles, was ihr zu dem Ganzen einfiel, war, ich solle doch Therapie machen und meine armen Kinder damit in Ruhe lassen.
Sie war es auch, die mir immer eingetrichtert hat, man müsse die Dinge mit sich selbst abmachen und solle seine Umwelt damit nicht belasten. In dem Gespräch mit meiner Tochter kam das irgendwie zur Sprache und sie fand das so grausam. Da ist mir erst einmal bewusst geworden, wie recht sie hat.
Dinge mit sich selbst ausmachen führt aber eher dazu keine neuen Wege zu finden, etwas in sich hinein zu fressen und dann in einem unpassenden Moment zu explodieren oder an Schmerzen zu leiden, krank zu werden
Andererseits sind meine Kinder gerade erst erwachsen und als sie jünger waren, wäre es wirklich falsch gewesen, sie damit zu belasten. Oft sagen es die Menschen, die sich ihrer Vergangenheit nicht stellen wollen/können, weil sie den Schmerz nicht aushalten mögen/können, der sie dann treffen würde oder es wirkt noch ein Sprechverbot, welches nicht durchbrochen werden kann. Nur wenn wir offen damit umgehen, also offen insoweit zu gucken, wer muss und wer darf davon wissen, was war, gerade um eine Wiederholung zu vermeiden. Warum können Menschen so weiter machen, wie sie es gelernt hatten und wie sie es immer taten, weil niemand etwas sagt, weil es mit sich selbst ausgemacht wird, weil von Generation zu Generation genau ein solches Verhalten nie den eigenen Schmerz anzunehmen umso die kommende Generation schützen zu können. Weil die Menschen ja oft nicht nur schlecht und böse, sondern auch manchmal gute Seiten haben und die Hoffnung, sie werden sich ändern und mehr ihre guten Seiten ausleben oder eben es nicht auch an andere ausleben….
Doch für Veränderung braucht es eine Auseinandersetzung, braucht es neue Ansätze. Dies geht durch das direkte oder auch indirekte thematisieren…
Ein Gespräch mit deiner Tochter hatte nun stattgefunden, es gab einen Anlass, wenn ich richtig gelesen hatte und so war es sicher auch gut, dass du offen warst. So könnt ihr für euch gucken wie ihr zukünftig damit umgeht. Es ist schwierig, einerseits soll die andere Person nicht belastet werden, anderseits hat sie auch ein Recht darauf zu wissen.
Wir haben keine Kinder, doch die Geschwister und als uns klar wurde, welcher Gefahr diese ausgesetzt werden, wenn sie unbeaufsichtigten Kontakt haben zu den Eltern, mussten wir was tun, so schwer es auch war, doch wir mussten zumindest den Müttern dieser Kinder mitteilen, zu was die Eltern in der Lage sind, ob es genützt hat oder vielleicht schon zu spät? Wir wissen es nicht…
Doch du weißt es war zu spät und doch mag es hilfreich sein für die Aufarbeitung…
Darum vielleicht doch noch gut. So gibst du deiner Tochter aber auch die Möglichkeit sich offen mit dem auseinander zu setzen, was für sie vielleicht unbegreiflich ist, so weiß sie sie kann fragen und du wirst so gut es dir möglich ist antworten. Du hast ihr damit auch die Erlaubnis erteilt zu sprechen…
Ich habe große Angst, sie könne sterben, bevor ... ja, bevor was? Manchmal wünsche ich mir, sie würde sterben, damit ich mich nicht mehr damit beschäftigen muss. Dass das Quark ist, weiß ich selbst. Trotzdem ist das manchmal so.
Diesen Kampf, den führten wir auch. Doch dann wurde sie schwer krank und es sah aus als würde sie nicht mehr lange leben. Unsicher, ob wir noch was mit ihr zu bereden hatten entschieden wir sie zu besuchen, es wurden noch andere Gäste erwartet, darum auch zeitig angereist. Doch es stellte sich dann heraus, wir hatten uns nichts mehr zu sagen – gar nichts mehr. Das einzige was gesprochen wurde, war über das Wetter und über den Besuch der erwartet wurde. Doch es waren auch von dem letzten Kontakt bis zu diesem etwa 10 Jahre vergangen, 10 Jahre in dem wir damit lebten, wir haben über das was einst war nicht zu sprechen, wir sollen es vergessen. Der Tod aber ist nicht das Ende der Auseinandersetzung, doch nach dem Tod geht jetzt erst manches aus- und anzusprechen, was davor gar nicht möglich war und auch jetzt noch fast unmöglich ist….
Wichtig ist zu erkennen, warum und wofür ist der Kontakt wichtig oder warum ist es wichtig ihn nicht zu haben. Das eine wie das andere kann stimmig sein und genau dies ist es was es so schwer macht eine Entscheidung zu fällen. Doch hier war die Unruhe, das Chaos und das was jeder Kontakt, jeder Gedanke auslöste, der Grund für die Entscheidung. Zu lange suchten wir sie, versuchten sie zu erreichen, doch alles was wir bekamen war …
Schau einfach wie es für dich ist.
Ich habe meine ganze Familie verloren. Nur meine Kinder sind noch meine Familie. Und sie müssen ihr eigenes Leben leben. Müssen frei sein, ihre Wege gehen, sich selbst mit Zeug herumschlagen.
Wir waren eine so große Familie. Ich hatte etliche Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel und dann noch die Tanten, die ich gar nicht zuordnen konnte, meine Großeltern und das halbe Dorf. Alles weg. Im Sommer gibt es ein Familientreffen. Wir sind eingeladen. Aber das kann ich nicht. Weder meine Tochter noch ich setzen uns in fröhlicher Runde mit ihnen an den Tisch. Zwischendrin die Täter, die immer noch überall willkommen sind.
Ja leider ist es so, oft sind es die Täter die inmitten der Gemeinschaft weiterleben und so leben können, als wäre nichts geschehen und selbst wird man zum „schwarzen Schaf“ gemacht, weil doch nun die „heile Welt“ einen Makel bekommt. Und es ist leider ganz oft so, dass der in die Wunde sticht auch den Eiter, der sich darin befindet abbekommt. Doch um frei zu sein und ein gesundes Leben haben zu können, ist es wohl notwendig sich von einer ungesunden Lebensgewohnheit zu trennen. Wir können uns eine eigene „Familie“ aufbauen, ein gesundes Umfeld suchen und in ihm leben. Ja es schmerzt so vieles aufzugeben und manche Menschen mit denen es auch Freude zu erleben gab zurückzulassen, zu erkennen viele halten lieber zu einem kaputten System, als sich auf einen unbekannten Weg zu machen, aber manchmal halten auch Kontakte, doch oft nur, wenn auf einen Teil dessen was einen grad sehr beschäftigt ausgespart wird. Doch ob das gut ist und ob es zur eigenen Heilung beiträgt? Nicht für alles gibt es ein klares Ja oder klares Nein, vielleicht muss doch ab und an mit einem Vielleicht gelebt werden?
Schlimm ist auch, dass ich das meinen Kindern weggenommen habe. Es belastet auch ihre Beziehung zu den Leuten, logischerweise. Sie entscheiden zwar selbst, zu wem sie welchen Kontakt halten, sind aber nicht unbeeinträchtigt.
Ich weiß nicht, ob es ein wegnehmen ist, oder doch ein Schutz für sie, sich so zu entscheiden. Denn auch deine Kinder werden vielleicht mal Kinder haben und ob es dann nicht doch eher ein Schutz ist als mit den Kindern in einem Umfeld zu verbleiben, wo auf sie immer ein Auge geworfen werden muss, wo sie nicht einfach frei zu jedem können? Deine Kinder können jetzt entscheiden, wie wollen sie mit einem solchen Umfeld umgehen, wollen sie darin bleiben oder wollen sie sich ein anderes Umfeld aufbauen. Ja sie haben die Wahl, sie können für sich entscheiden.
Ja, das ist ein ganz schöner Sermon geworden. All das, was mich so beschäftigt. Vor Jahren, als eine andere große Krise endlich endete, habe ich mich gewundert, warum mir das Leben nicht gelingt. Nach außen bin ich scheinbar erfolgreich, aber so langsam finde ich das alles nicht mehr lustig.
Anstrengend würde ich es bezeichnen, doch diese Anstrengungen lohnen sich. Das Leben verändert sich, das Umfeld verändert sich. Vieles was einst mit Kampf verbunden war, wird zur Selbstverständlichkeit und doch darf es, dann auch wieder verändert werden, wenn es nicht mehr passt.
Wunderst du dich heute noch oder verstehst du jetzt mehr, was dein Leben alles ausgemacht hatte und heute noch beeinflusst? Doch dies alles kann nach und nach verändert werden und dann kann das Leben leichter gelingen. Hier gibt es immer mal Phasen, in denen dies zu erkennen und zu spüren ist, dies tut gut und dann wissen wir, warum wir uns mit all dem Schweren im Leben beschäftigen und warum es sein muss und gut ist. Vielleicht gibt es auch bei dir solche Phasen? Phasen die gern länger und anhaltend sein dürfen.
GlG
Mittendurch