Sie hat sich in der Zwischenzeit mehrere Male entschuldigt. Ich kann es nicht annehmen.
Gerade ist aber alles, also wirklich alles mit einer Wucht da, dass ich keinen einzigen guten Gedanken gerade für sie haben kann. Keinen einzigen.
Gestern schrieb sie mir, ich solle Verantwortung für meine Dinge übernehmen und sie habe meine Mails ungelesen gelöscht und würde mir in den kommenden Tagen abschließend schreiben. Ich solle Therapie machen.
Darüber bin ich dann ausgetickt. Es steht ihr nicht zu. Es steht ihr einfach mal nicht zu. Nichts davon. Wie kommt sie dazu, mir vorzuwerfen, ich würde die Dinge nicht zu mir nehmen, die zu mir gehören? Ausgerechnet sie? Was weiß sie denn, wie ich mit meinen Kindern umgehe und wie wir über die Dinge sprechen. Davon weiß sie nichts. Sie hätte genug damit zu tun, sich um ihr eigenes Zeug zu kümmern als ausgerechnet mir Vorwürfe zu machen.
Ich habe ihr das geschrieben, mich verabschiedet und ihre Emailadresse gesperrt.
Als Schlagworte habe ich noch aus Euren Beiträgen (und aus der PN, lieben Dank): Reue und Veränderung, Familienwissen und Familienaufstellung, Schuld, Tod der Mutter. Das finde ich sehr wertvoll und werde es später kommentieren. Erst einmal muss ich den roten Schleier vor den Augen wieder wegkriegen.
Es ist in meinen Augen wie ein geistliches "Naturgesetz". Je mehr Menschen schlechte Entscheidungen treffen, je schwerer fällt es ihnen, gute zu treffen. (und umgekehrt ist es ebenso). Durch die häufigen schlechten Entscheidungen gewöhnen wir uns an sie. Wir können aber nicht mit der Vorstellung leben, dass wir böse sind. Also nennen wir das Schlechte gut, finden eine logische Erklärung, eine Dekoration, die alles verschönert. Und natürlich brauchen wir dann einen Sündenbock, mindestens aber einen Mitschuldigen.
Ich glaube, es wird oft unterschätzt, dieser Prozess des Schuld-Aufdeckens. Mir kommt es vor, dass es oftmals zugehen muß wie bei einem traumatischen Prozess. Lediglich bei einem traumatischen Prozess schaue ich bei mir, welches Erlebnis in der Vergangenheit mir z.B. Angst einjagte und verletzte, mich heute noch negativ beeinflusst. Und dann gibt es bei der traumatisierten Person oft auch so eine Art Selbstschutz, die eine Erinnerung an damals verhindern will.
Genau so - lediglich mit umgekehrten Vorzeichen - ist es n.m.M. auch bei dem Prozess des Schuld-Aufdeckens.
Auch hier muß der schuldig Gewordene gesund werden wollen, von Schuld loskommen wollen. Auch hier ist es oft so, dass der Leidensdruck groß genug sein muß, damit sich die betroffene Person darum kümmern will, die eigene Schuld loszuwerden. Und dann ist es wichtig zu erkennen, dass die von eigener Schuld betroffene Person von ihrer Schuld
nicht freikommt, indem sie jemandem die Schuld zuschiebt.
Für meinen Teil denke ich dabei immer an zwei Dinge:
1) Aus eigener Kraft kommen schuldig Gewordene oft nicht aus dieser Spirale wieder raus. Der schuldig Gewordene hat meist keine gute Perspektive. Wer geht schon zu Gericht und klagt sich selbst an??
😕
Und würde er zu Gericht gehen, dann würde der Staatsanwalt ihm verdeutlichen, dass er nicht nur gegen das Gesetz A verstoßen hat, sondern auch gegen den Paragraphen X und Y.
2) Die Vergebung gibt es nie umsonst. Immer, wirklich immer gibt es jemanden, der für die Schuld bezahlt hat. Es gibt immer ein Opfer. Und als Schuldiger begebe ich mich in die Hand des Opfers. Für Menschen, die stark sein wollen, ist das ein ganz besonders schwerer Schritt. Vergebung ist besonders dann wirksam, wenn der Schuldige mit echter Reue erfüllt ist.
Bei dem Begriff Reue ist mir, als ob der Schuldige sagen würde "ich will mit mir bzw. mit dem Destruktiven in mir nichts mehr zu tun haben". Es erinnert mich an eine Amputation z.B. des Arms.
3) Der Schuldige braucht eine Perspektive... was wird werden?
Ich vergebe gerne. So gelange ich aus der Opferrolle in die Position des Staatsanwaltes oder Richters. Das tut meinem Selbstwertgefühl gut. Der Gedanke, dass ich selbst auch nicht unschuldig durch das Leben gehe, macht mich freiwillig klein. Liebe die vergibt, die vergebende Liebe, macht mich groß. Ich denke, ich kann sie nur annehmen, wenn meine Hände von Schuld gewaschen und somit frei wurden. Manche Menschen suchen Liebe, wollen geliebt werden - und wundern sich, wenn es nicht klappt. Ich denke, es hat auch oft damit etwas zu tun, dass "die Hände" noch nicht frei sind von eigener Schuld. Der Gedanke, dass da "jemand" ist, der mir seine volle Liebe in die Hände drücken will, beflügelt mich, das Schlechte loszulassen, damit ich das Gute anpacken kann.