Meine Erfahrung ist auch, dass (leider) viele Kinderärzte keine große Ahnung von ADHS haben und das fängt schon bei der Diagnose an. Man untersucht das nicht vorrangig körperlich, sondern es werden Fragebögen zum Verhalten ausgefüllt. Und zwar von allen möglichen das Kind umgebenden Menschen. Bei uns waren es Lehrerinnen, sogar noch ehemalige Kindergärtnerinnen, Sporttrainer und natürlich wir Eltern. Man beschreibt - angeleitet über Fragen -, wie sich das Kind in bestimmten Situationen verhält und auch Auffälligkeiten. Der Kinderarzt sichtet diese Infos dann und überweist mit einer Verdachtsdiagnose weiter an sachkundige Stellen wie z. B. sozialpädiatrische Zentren - die sind nicht selten an Kliniken angebunden. Und dort beginnt dann ein seeeehr aufwändiger und langwieriger Verifizierungsprozess über mehrere Monate, an dessen Ende man eben weiß, ob das Kind betroffen ist oder nicht. Dass wir diese Diagnose erhalten haben war für uns ein absoluter Segen, denn wir wussten dann, woran wir waren und konnten unser Kind fördern. Anfängliche Probleme im Sozialverhalten (sie war extrem schnell beleidigt, reagierte sehr impulsiv, indem sie sich der Situation entzog, war aber auch ein echter Zappelphilipp) wurden signifikant besser. (Sich nicht lange konzentrieren zu können ist in dem Alter allerdings auch ein Stückweit normal.) Da die Diagnose in der Grundschulzeit erfolgte musste sie zwar ein bisschen etwas aufholen, aber ab dann fluppte es; der OGATA-Lehrer sagte, sie sei ein anderer Mensch; viel gechillter. Immer wieder würde ich dafür plädieren, sehr früh die Diagnose anzustoßen. Du wirst wissen, ob ihr tatsächlich über Monate immer wieder beim Fachmann wart, so läuft nämlich die Abklärung von ADHS.
Wir haben uns umfassend informiert und dann auch für eine Medikation entschieden. Das war rückblickend die allerallerbeste Entscheidung, die wir hätten treffen können. Das sehen nicht nur wir als Eltern so, sondern auch unser Kind, das mittlerweile erwachsen ist
Als Eltern entschuldigt man viel mehr bei seinem Kind als es Außenstehende tun und tendiert auch oft dazu, etwas schönzureden. Nur kannst du deinen Sohn eben nicht unter einer Glocke halten. Zu Hause hilfst du ihm, in der Gesellschaft muss er alleine klar kommen - und zwar auch schon als Kind. Er muss lernen, sich im Außen zurecht zu finden. Wenn er Anlaufschwierigkeiten hat, solltest du die Unterstützungsangebote nutzen und keine falsche Scham haben. Ansonsten entgleitet euch euer Sohn womöglich, erhält nicht die Chancen, die er erhalten könnte und ab einem gewissen Alter habt ihr dann auch keinen Einfluss mehr.
Ich habe ein paar Beiträge gelesen, in denen du von Respekt gegenüber deinem Sohn schreibst, dass er alleine entscheiden darf und machen, was er will. Das sehe ich einfach superkritisch, weil er in seinem zarten Alter noch gar nicht in der Lage ist zu entscheiden, was ihm gut tut. Er lernt, dass er ein kleiner Prinz ist. Es wird schon schwer genug werden, ihn von Handy, Fernseher, Tablet & Co wegzukriegen. Eine tolle Möglichkeit zur Umgewöhnung stellt der Sport dar. Wenn er eine Sportart früh lernt hat er gute Chancen, auch gut darin zu werden. Das stärkt das Selbstbewusstsein und macht darüber hinaus noch Spaß. . Dazu ist Sport gesundheitsförderlich und du nutzt den noch vorhandenen natürlichen Bewegungsdrang deines Kindes; Bewegung ist ein toller Ausgleich zum langen Sitzen in der Schule, das ja sukzessive mehr werden wird. Und er lernt ein besseres Sozialverhalten, da er Teil eines Teams ist und sich anpassen muss. Wenn er in der Schule über die Strenge schlägt und aneckt, könnte ihm der Sport super helfen, sich besser zu kontrollieren. Trainer sind Respektspersonen, dennoch den Kindern sehr verbunden. Der stielt ihn dann schon richtig ein, ohne dass eurem Prinzen ein Zacken aus der Krone fällt. Da würde ich anfangen. Für kleine Jungs ist - klassisch - z. B. Fußball ein Magnet. Eine Vereinsmitgliedschaft kostet auch nicht die Welt. Macht er so etwas?