Guten Morgen euch Allen,
jetzt habe ich endlich ein bisschen Zeit zu antworten. Ich weiß gar nicht so richtig, wo ich anfangen soll.
Ich kann meine Tochter in der Hinsicht verstehen, dass sie die Diagnose nicht wahrhaben will. Gewisse Zweifel habe ich ja selber. Da ich in der Pflege arbeite, ist mir bekannt, dass auch immer mal wieder Fehldiagnosen gestellt werden bzw. von den Ärzten zu spät eine Behandlung eingeleitet wird.
Ich habe dem Neurologen ausführlich die Symptome meiner Tochter geschildert. Er hat dann auch ein Gespräch mit ihr geführt, um sich davon ein Bild zu machen. So sagte er im Anschluss daran schon mal, dass es keineswegs so sei, dass meine Tochter manchmal verzögert reagiere beim Antworten. Sie mache auf ihn einen sehr wachen Eindruck und habe im Gespräch sehr konzentriert gewirkt. Ich dachte mir, okay, das war aber jetzt nur eine Momentaufnahme... Die unerklärlichen Stürze in der Kindheit, ihre stark verlangsamte Motorik und die Vergesslichkeit finde er jedoch bedenklich. Er sagte ausdrücklich, dass im EEG keine Absencen provoziert werden konnten. Als sie aber während der Untersuchung hyperventilieren sollte, zeigte sich über längere Zeit eine erhöhte Anfallsbereitschaft. Die aufgetretenen Muster seien mit Absencen "vereinbar".
Auch wenn mögliche Zweifel berechtigt sind, so bin ich dafür, dass meine Tochter das verordnete Medikament nimmt. Wenn es keine Veränderung geben sollte, kann man es immer noch in Absprache mit dem Neurologen absetzen. Sobald sich die Lage etwas beruhigt hat, werde ich versuchen, mit ihr noch mal ein sachliches Gespräch zu führen. Sollte sie sich weiterhin gegen die Diagnose sträuben, werde ich den Vorschlag machen, sich eine Zweitmeinung einzuholen.
Ich selbst habe ähnliche Probleme wie meine Tochter, wenn auch nicht so ausgeprägt. Vor Jahren habe ich mich von einem Psychiater auf ADS hin untersuchen lassen. Ich war auch schon als Kind immer sehr langsam und träumte oft vor mich hin. Der Psychiater war etwas unsicher, meinte aber abschließend, dass bei mir "eher kein ADS vorliege". Das EEG war unauffällig. Allerdings habe ich in unregelmäßigen Abständen eine Migräne-Aura und habe gelesen, dass Epilepsie und Migräne mit Aura eng verwandte neurologische Erkrankungen sind.
Mein Ex-Mann hat oft mit den Problemen meiner jüngeren Tochter gehadert und oft sehr ungeduldig auf ihre Langsamkeit und Träumerei reagiert. Manchmal warf er mir, dass ich sie zu sehr verhätschele und ihr zu viel abnehme und sie deswegen so sei. Zwei Kinderärzte haben mich beruhigt und gesagt, dass manche Kinder sich eben langsamer entwickeln und meine Tochter ein normal intelligentes Mädchen sei. Ihre Lehrer dagegen, die sie mehrmals in der Woche erlebten, sprachen da ganz anders. Da hieß es, sie sei ein "Hans guck in die Luft", verpeilt und habe Lernschwierigkeiten, was aber ihrer Ansicht auch mit fehlender Motivation zusammenhänge. Ihre Klassenlehrerin, die es wirklich gut mit meiner Tochter meinte, sagte, sie hoffe, meine Tochter werde eine Nische im Berufsleben finden.
Auch ich habe es wirklich nur gut gemeint, als ich meine Tochter für ein soziales Jahr in dem Pflegeheim, wo ich arbeite, untergebracht habe. Sie ist ein eher unorganisierter Mensch und ich dachte, Büroarbeit würde ihr zu mehr Organisationstalent verhelfen. Dem ist leider nicht so. Sie verliert schon über wenige Unterlagen auf dem Schreibtisch den Überblick und kann keinen Stapel Unterlagen kopieren, weil sie schon nach zehn Blättern den Überblick verliert laut eigener Aussage. Meine Tochter erzählte mir, dass man ihr oft den Vorwurf macht, ihr gewisse Dinge schon zweimal erklärt zu haben, doch sie könne sich nicht daran erinnern. Was ICH allerdings auch seltsam finde. Wenn ich ihr irgendwelche Aufgaben auftrage, führt sie sie immer problemlos aus. Vielleicht ist sie manchmal einfach blockiert, wenn sie unter Druck gesetzt wird.
Das Problem ist, dass meine Tochter nicht weiß, was sie beruflich machen soll. Sie hat keine Interessen. Bei der Berufsberatung vom Arbeitsamt sagte sie mal, dass sie gern etwas mit Tieren machen wolle. Ich habe ihr daraufhin geraten, einen Einblick zu bekommen, indem sie sich eine ehrenamtliche Tätigkeit in einem Tierheim sucht. Was sie dann aber nicht gemacht hat. Meine ältere Tochter hat eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten bei der Stadtverwaltung gemacht und wollte ihrer Schwester behilflich sein, dort einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Das wurde mit den Worten "Ist mir zu langweilig" abgelehnt. Dieses Desinteresse und teilweise unrealistischen Vorstellungen ärgern mich. Mit 16 sprach sie davon, Journalistin werden zu wollen. Dabei müsste sie dafür studieren, doch ihre Lehrer haben davon abgeraten, sich noch durch das Abitur zu quälen. Außerdem ist meine Tochter eher scheu und introvertiert und dieser Beruf würde gar nicht zu ihrer Persönlichkeit passen.
Da sie nach dem Wochenende bei ihrer "Freundin" nicht mit mir gesprochen hat, habe ich sie gestern angesprochen, weil mich das eisige Schweigen belastet hat. Sie hat zuerst abweisend reagiert, mir dann aber erzählt, dass sie seit zwei Monaten einen Freund hat, der 37 (!) ist. Ganz ehrlich bin ich aus allen Wolken gefallen und habe gefragt, warum sie sich nicht einen gleichaltrigen Freund suche. Das war wahrscheinlich schon ein Fehler, denn sie reagierte sofort pampig und meinte, das sei doch wohl ihre Sache. Natürlich beschäftigt es mich, da meine Tochter recht naiv ist, aber ich habe mir die Frage verkniffen, ob sie für Verhütung gesorgt habe. Ich habe echt Angst, dass sie bald nach Hause kommt und mir mitteilt, dass sie schwanger ist.
Natürlich weiß ich, dass ich loslassen muss und sie ihren Weg gehen muss. Doch wie soll ich eine erwachsene Person in ihr sehen, wenn sie teilweise immer noch wie ein kleines Mädchen ist? Ich mache mir nach wie vor große Sorgen um sie.