Ich finde, dass ein paar Aussagen nicht ganz zutreffend, bzw. zu einseitig sind.
Tyra - wie würdest Du denn das Beispiel der Ausgangsfrage bewerten? Kann man da was machen? Ist es zu spät? Ist der Betroffene selbst schuld, weil er sich vorher keinem anvertrauen konnte?
Bei einigen kann man sehr große Verbesserungen erzielen, bei anderen nicht. Einige lernen sehr schnell, haben sowas wie erleuchtende Momente und machen rasche Fortschritte..andere krebsen langsam voran, erwarten zu viel, verlieren leicht die Geduld und brechen zu schnell ab, wieder andere sperren sich, arbeiten nicht mit aus Schiss vor Veränderung oder der eigenen Courage oder weil sie einfach nicht die Hürde über die Schamgrenze schaffen und in sich selbst und in ihrem Leid/Trauma stecken bleiben....
Bei mir entsteht bei diesem Absatz der Eindruck einer wertenden Aussage:
Entweder lernt man schnell und schafft das oder man gibt sich nicht genügend Mühe (denn das bedeuten die Aussagen "krebsen" "sperren" "nicht mitarbeiten" "Schiss" "zu hohe Erwartungen" für mich). Wenn man sich nicht genügend Mühe gibt, dann steckt man halt in seinem Trauma fest - dumm gelaufen, oder wie?
Das widerspricht meiner eigenen Erfahrungen, den Erlebnissen von traumatisierten Menschen, die ich kenne und der einschlägigen Traumaliteratur. Da gibt es tatsächlich Leute, die sich abstrampeln ohne Ende, die Therapie in Anspruch nehmen, die Täter angezeigt haben, die kämpfen und kämpfen und sich wirklich jegliche Mühe geben, ihr Leben in den Griff zu bekommen und die trotzdem immer wieder auf die Schnauze fallen.
So ist halt das Leben...es wird immer Gewinner oder Verlierer und jeder bestimmt ein stückweit für sich selbst mit auf welcher Seite man landet.
Ja, es gibt immer Verlierer oder Gewinner. Und manchmal gibt es einfach Menschen, die sich bemühen und kämpfen und trotzdem auf der Verliererseite landen. Oder auch die, die eigentlich gar nichts tun müssen und gewinnen.
Pures Schicksal oder dem Schicksal hilflos unterworfen sein gibt es meiner Ansicht nach nicht...es sei denn man will das, verhält sich passiv...hat ja oft auch gewisse Vorteile...aber oft leider auch mehr Nachteile. Ich denke auch nicht dass irgend ein Mensch/Täter so viel Macht hat das Leben anderer nachhaltig zu zerstören...es sei denn ein Opfer glaubt fest und unerschütterlich an diese Macht und manifestiert/festigt sie damit, womit man natürlich auch das eigene Leid manifestiert.
Wenn man 10 Jahre alt ist, sind die eigenen Ressourcen und der Blick für die Möglichkeiten relativ beschränkt. So ein Kind durchaus als machtlos zu bezeichnen, oder?
Jetzt kann man sagen, dass dieses Kind ja erwachsen wird und als Erwachsener dann auch in der Lage sein sollte, was dagegen zu tun. Das würde ich auch erstmal so sagen. Aber manches zerstört ein Kind wirklich nachhaltig - ein dauernder Missbrauch beispielsweise. Es gibt Dinge, die prägen sich sehr tief in die Seele eines Menschen ein - die bekommt man da nicht so leicht wieder raus. Die Krux daran ist oft, dass es dabei ein Teufelskreis ist. Ich muss eine Hürde übersteigen, um Hilfe zu bekommen, aber eigentlich brauche ich Hilfe, um die Hürde zu übersteigen.
Von aussen betrachtet hat der missbrauchende Vater über die nun 30jährige Tochter wirklich keine Macht mehr. Für die Tochter ist das ganz anders, auch wenn ihr Verstand ihr eben das sagt. Das ist übrigens ein wichtiger Punkt in Traumata.
Ja, manchmal ist es wirklich einfacher, passiv zu sein und sich zu bemitleiden. Ich kenne das auch durchaus ab und an von mir. Dennoch würde ich (und tue ich) viel dafür, dass es mir besser geht. Im Gegensatz zu Dir hat mir bisher aber jeder FACHMANN gesagt, dass bestimmte Dinge NIE aufhören werden. Sie werden besser, ich kann lernen damit umzugehen, aber sie gehen nicht weg. Bestimmte Verletzungen meiner Psyche sind unheilbar. Wie eine Narbe.
Und es gibt Ereignisse in meinem Leben, die mich nachhaltig prägen, die ich nicht abschütteln kann - natürlich auch positive. Die eigene Geschichte lässt sich nicht abstreifen, sie prägt meine Persönlichkeit und gerade Erlebnisse in der Kindheit tun das besonders intensiv. Somit hat ein Täter aus der Kindheit zwar keine konkrete Macht mehr, aber er hat definitiv das Leben dieses Menschen tief beeinflusst - vor allem wenn es sich um einen Familienangehörigen handelt, denn diese spielen ja noch bedeuterene Rollen im Leben eines Kindes.
Wodurch werden den Kinder zu den Menschen, die sie sind? Ein Teil ist angeborene Persönlichkeit, ein Teil ist Erziehung und Prägung. Der Teil, der dann im Erwachsenenalter noch verändert wird, ist da eher gering.
Welche Erfahrungen hat denn unser Beispiel gemacht? Er kommt auf die Welt mit ohnehin schon eingeschränkten intellektuellen Möglichkeiten, die dazu führen, dass er langsamer und schwerer lernt.
Dann erfährt er statt Liebe Gewalt und zwar von den Menschen, die er eigentlich am nötigsten braucht - seinen Eltern.
Und er lernt, dass er sich auf andere Menschen nicht verlassen kann, weil sie ihm auch nicht helfen. Er lernt, dass er allein ist, dass er sich nicht wehren kann und dass ihm andere weh tun dürfen.
Ich erinnere mich gut an meinen entscheidenden Moment damals dies erkannt zu haben..damit (bzw mit dieser Erkenntnis und daraus resultierenden Verhaltensänderung hin zu aktiver Mitbestimmung, Grenzsetzung etc.) konnte ich meinen damaligen Täter rasch entthronen sozusagen und damit auch das Leid abbauen. Mein damaliges Trauma habe ich ganz gut verarbeitet...heute ist es lediglich noch so was wie ein manchmal etwas juckender Pickel am Hintern, der jedoch nicht mehr groß stört in meinem Leben.
Du sprichst es ja selbst an. Zum einen hast Du etwas auf den Weg mitbekommen, was nicht jeder mitbekommt: Resilienz (eine Art innere Kraft, auch widrigen Umständen zu trotzen). Das ist ne super Voraussetzung, die leider nicht allen gegeben ist.
Dann bezweifle ich, auf Grund deiner Erzählungen hier im Forum und meiner persönlichen Kenntnisse in Bezug auf Traumata, dass Du überhaupt je traumatisiert warst. Infolgedessen ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich das für dich alles sehr leicht darstellt. Damit möchte ich Deine Erlebnisse keineswegs herunterspielen, sie haben lediglich mit Deiner Psyche nicht das ausgelöst, was bei Traumatisierten ausgelöst wird - das ist für Dich natürlich sehr gut. Um mit Deiner eigenen Quelle zu sprechen: Deine Gewalterlebnisse waren noch im Bereich deiner eigenen Belastungsgrenze (die durch die Resilienz höher ist als bei anderen Menschen)
Im Übrigen unterscheidet sich in Deinem Fall auch offensichtlich das Täterprofil von den Täterprofilen der meisten anderen hier. Denn die meisten Täter hier lassen sich nicht von 14jährigen zur Raison bringen. Die lassen sich noch nicht mal von Lehrern, Jugendamt oder Polizei zur Raison bringen - das heißt viele Opfer hier stehen nicht dem Typ Deines Vaters gegenüber, sondern einer viel stärkeren (mental) udn gerisseneren Person.
Ich freue mich für Dich, dass Du Deinen Weg so gut machen konntest, ich habe aber immer wieder das Gefühl, dass Du Deine Geschichte gar nicht so gut verarbeitet hast, wie Du hier angibst. Aber auch Dir könnte man sicher helfen, wenn Du nur willst
😉