Hallo an Euch,
mein Vater hat sich vor acht Monaten das Leben genommen. Ich bin 32 Jahre alt.
Es ist sehr schwer, diese ganzen Emotionen die plötzlich Auftauchen zu sortieren und unter Kontrolle zu halten. Inzwischen geht es schon etwas besser.
Ich habe einen Bruder und eine Mutter und jeder von uns dreien geht damit von der ersten Sekunde anders um. Die Beiden gehen regelmässig zum Friedhof. Ich tue es nicht so häufig. Die Beiden schwelgen gerne in Erinnerungen, werden aber auch immer wieder sehr traurig. Ich hingegen versuche mich nicht zu sehr runterziehen zu lassen. Stossweise kommen Momente in denen ich zutiefst bestürzt bin.
Meine Mama hat sich einer Gruppentherapie angeschlossen. Sie wollte eine Therapie machen und ich war sehr glücklich darüber, dass sie sich in diese Richtung öffnet. Es ist manchmal allerdings schwer zu erkennen, ob eine längere Therapie mit anderen Betroffenen irgendwann nicht ins Negative schwingen kann und man aus diesem Trauer-"Sog" noch schwerer wieder rausfindet.
Ich denke für uns alle war das Wichtigste zu wissen, dass wir wissen warum er es getan hat (auch wenn dies nie unsere eigene Entscheidung gewesen wäre) und dass er es so wollte. ER wollte es. Wir lieben ihn und akzeptieren es. Müssen wir tun. Denn auch wir müssen den Frieden in uns wiederfinden der gewiss nie wieder derselbe sein kann.
Als Aussenstehender ist es auch nicht einfach mit solchen Emotionen umzugehen. Es muss sehr schwer sein. Ich kann nur für mich sprechen und sagen, dass es auf jeden Fall viel bedeutet, dass es Menschen gibt die für einen da sind. Es hat mir sehr geholfen, auch nicht ständig drüber sprechen zu müssen. Wenn es allerdings hoch kam und ich aus dem Weinen nicht mehr rauskam wurde ich auch nicht gebremst und man hat mir zugehört ohne zu versuchen mich in meiner Meinung zu beeinflussen. Man hat mich auch zum Glück in dieser Zeit nicht gefragt, wie es mir geht. Denn solche "Standard-Sprüche" sind da sehr verletzend. Genausowenig kann man dann hören "Alles wird wieder gut". Klar wird es das. Doch der Schmerz ist zu gross und es braucht Zeit. Bei dem einen mehr bei dem anderen weniger.
Ich finde jeder Mensch, dem es sehr schlecht geht braucht jemanden der ihm zuhört. Ihn zu bedrängen halte ich nicht für richtig. Wenn jemand nicht sprechen möchte darüber, muss man das auch akzeptieren. Als Freund einfach da sein, und der Rest muss sich entwickeln. Natürlich ist jede/r Betroffene anders...
Manchmal ist es auch schwierig Nähe anzunehmen, weil man zu verletzt ist.
Ich wünsche mir für jeden Menschen auf der Welt dem es nicht gut geht, dass die Kraft da ist die Zeit zu meistern und sie wieder "gut werden" zu lassen. Und den Freunden und Mitmenschen wünsche ich genausoviel Kraft und Geduld. Es braucht Zeit.