Meines Erachtens ist dieses Lebens tatsächlich ziemlich sinn- und nutzlos. Wozu gibt es uns? Warum gerade mich? Und meist wünsche ich mir, ich wäre einfach nie geboren worden. Ich will keinen Selbstmord machen, jedenfalls meist nicht. Ich will einfach nie dagewesen sein.
Aber dieser Gedanke ist auch sinnlos, weil ich nunmal da bin. Und damit ist mein Sinn des Lebens, dieses Leben so schön wie möglich zu gestalten, so glücklich wie nur möglich zu sein. Nach diesem Ziel richtet sich alles andere aus. Genau wie Du denke ich, dass alles eine Aufwand-Nutzen-Rechnung ist. Wenn ich merke, ich ziehe aus irgendwas keinen Nutzen oder der Aufwand ist für den erzielten Nutzen zu groß, dann lass ich es sein. Und zwar ganz egal, was das für irgendwen bedeutet.
Ich erziele z.Bsp. einen großen Nutzen für mich, wenn ich mich mit meiner Großmutter beschäftige. Sie ist schon alt und kann nicht mehr, wie sie gern möchte. Am liebsten wäre sie tot. Mir hat sie in einer Zeit, in der es für mich schwer war, oft geholfen. Sie hat mich geliebt und mir das Gefühl gegeben, dass ich so wie ich bin gut bin. Damals war ich nur bei ihr wirklich zu Hause. Ich konnte sein, einfach nur sein und wurde dafür geliebt. Ich glaube, dass ich deswegen ein solches Glück empfindet, wenn sie lacht und für einen Moment vergisst, dass ihr sämtliche Glieder den Dienst versagen. Und wenn sie so aus voller Seele lacht, dann macht sich auch ganz tief in mir ein Lachen breit und ich bin glücklich. Dann hat es sich gelohnt, dass ich durch die Stadt gefahren bin, um für sie einen Rollstuhl auszuleihen, mit dem ich sie dann eine Stunde durch das frühlingshafte Berlin fahre.
Damit ich dieses Gefühl mir verschaffen kann, brauche ich dieses „hinderliche, schwache Anhängsel“ namens Mitgefühl. Ich muss mit ihr fühlen, um zu erspüren, was sie braucht und glücklich macht. Manchmal schaff ich es, manchmal auch nicht. Da meine Großmutter nicht rein logisch funktioniert, sondern eher ein gefühlsbetonter Mensch ist, nutzen mir meine logischen Fähigkeiten nicht viel.
„mathematik ist unfähig, zu lügen. und sie ist der pure verstand, pure logik, reine realität. ich lege wert darauf. nach meinem weltbild existiert realität nur in der mathematik. wahrheiten hingegen gibt es viele, jede anders, jede individuell. unser gehirn produziert uns eine und das kann ich bei mir ausschließen, wenn ich mich auf mathematische beschreibung der welt beziehe.“
Du hast Recht, aber es ist auch wichtig zu erkennen, dass Du mit Deiner mathematischen Beschreibung der Welt eben nicht die Realität der anderen erkennst. Wenn man mit anderen Menschen umgeht, dann muss man leider akzeptieren, dass auch Deine mathematische Beschreibung der Welt nur eine Realität von vielen ist. Und dass sie im Umgang mit den meisten Menschen keine große Rolle spielt.
Ganz abgesehen davon sind doch die Facetten der Wahrheit das wirklich interessante. Wenn verschiedene Menschen ein und die selbe Situation beschreiben und sie dabei ganz unterschiedlich aussieht, dann ist das nicht nur lästig, sondern auch interessant und belustigend. Und nur wenn man sich die Mühe macht, diese verschiedenen Wahrheiten nachzuvollziehen, erfährt man mehr über diese Menschen.
Sich auf diese logische Beschreibung der Welt zu versteifen hat meines Erachtens nicht nur was mit großer Intelligenz zu tun, sondern auch etwas mit der Unfähigkeit die Wahrheiten der anderen zu erspüren und nachzuvollziehen.
Und Du bewunderst, was mich belustigt und bestätigt, die emotionale Intelligenz Deines Freundes. Eigentlich belächelst Du seine Fähigkeiten, wie Mitgefühl. Und Du belächelst sie nichtmal amüsiert, sondern abwertend (zumindest wenn sie bei anderen als bei Deinem Freund auftreten). Aber bei Deinem Freund genießt Du, dass er intuitiv begreift, was Du brauchst, obwohl das ziemlich unlogisch ist.
Versuchst Du auch intuitiv herauszufinden, was Dein Freund gerne mag? Was empfindest Du, wenn Du ihn glücklich machst? Ist das was ihn glücklich macht, über irgendwelche logischen Gedankengänge zu ermitteln?
Du sagst, Dein Freund wäre keine Intelligenzbestie und Du bräuchtest und wolltest auch keine. Mir scheint, er ist doch eine. Es gibt eben nicht nur die logische Intelligenz, sondern auch die emotionale. Das ist eine, die Du (glaube ich jedenfalls) nach Deinem Erlebnis in jungen Jahren ad acta gelegt hast und seit dem um Gottes willen nicht mehr ans Licht lässt. Du redest Dir ein, dass Dir Gefühle nur hinderlich wären und stürzt Dich voll auf die logische Intelligenz. Aber inzwischen merkst Du rein intuitiv und gegen Deinen ausdrücklichen Willen, dass Dir was fehlt.
Ich wünsche Dir viel Offenheit für Deine Reise in die Welt der wunderbaren Emotionen, die manchmal hinderlich, lästig und unangenehm sein können.