Farben sind etwas real existierendes. Der Farbenblinde weiß das auch. Er kann es praktisch erfahren, dass andere Menschen (alle Menschen) aufgrund ihrer Farbkenntnis anders reagieren. Jeder hält an einer roten Ampel.
Spiritualität, Gott, Religion und co sind Glaube. Man kann sie nicht beweisen. Der Atheist weiß also nicht, dass es mehr gibt. Er sieht nur eine Menge Menschen die sich teils vollkommen irrational und verschieden (weil verschiedene Glaubensrichtungen) verhalten und sich gegenseitig widersprechen.
Das Problem der Existenz verschiedener Religionen kann ich nicht mindern. Aber wie der Farbenblinde erkennt, dass angeblich Farben sehende Menschen anders reagieren, so kann auch ein Atheist andere Denk- und Einstellungen bei spirituellen Menschen feststellen. Es muss ihn nur interessieren. Vielleicht muß sich der Suchende auch ein bißchen wie ein Nugget-Sucher verhalten, der über längere Zeit an einem Fluß Steine wäscht, bis er Gold gefunden hat.
Für den Atheisten ist Glauben auch nicht unbedingt ein Mehrgewinn. Im Gegenteil: Der Atheist soll Zeit und Aufwand in eine Sache stecken, die für ihn von Anfang an eine nicht beweisbare Theorie ist. Der Atheist ist möglicherweise zufrieden und glücklich und sieht seine Zeit in anderen Dingen besser investiert.
Das kommt der Realität ziemlich nahe. Abgesehen von schlechten Erfahrungen gibt es vermutlich zwei Einstellungen, die den Menschen hindern, sich um religiöse Fragen zu kümmern. 1) Selbstzufriedenheit - Bequemlichkeit 2) Das Festhängen im Materialismus
Es ist wie mit einem Restaurant. Was macht es für einen Sinn, über die Qualität der Küche zu diskutieren, wenn der Mensch satt ist oder nur zuhause essen mag.
Ich glaube nicht, dass die materialistische Welt der Hauptgrund ist für weniger Spiritualität ist. Ich denke, dass Freiheit, Bildung und Emanzipation zum Schwund der Gläubigen führen.
Kirchenmitgliedschaft oder das Pflegen religiöser Bräuche wird oft mit Gläubig-Sein verwechselt. Wenn Menschen in der Kirche nicht satt werden, füllen sie sich aus anderer Quelle. Ich nehme zunehmend wahr, dass sich Menschen aus hauptsächlich zwei Gründen beklagen: Sinkende Qualität bzw. Probleme zwischenmenschlicher Beziehungen (siehe Familien, Paarbeziehungen) und die Schere zwischen Arm und Reich.
Die Sphäre der Gefühle verorte ich - weil körperlich - im Materialismus. Den Gefühlen wird allgemein eine größere Bedeutung zugesprochen, als es Menschen gut tut. Aufgrund von Gefühlen treffen Erwachsene wichtige Entscheidungen. Daher ist es auch für mich verständlich, wenn der Egoismus zu oft stärker ist, als es für alle Beteiligte gesund ist und daher Beziehungen zerbrechen oder geschädigt werden.
Unter der Schere Arm-Reich leiden fast alle Menschen. Wie ich es sehe, leben wir in einem Wertesystem, welches dem Haben sowie dem Habenwollen keine Grenzen setzt, sondern die Gier nach Haben fördert und den Habenden schützt.
Und das führt uns mit jedem Tag näher an Katastrophen heran, die sich jeder Vorstellung eines einzelnen Menschen entziehen. Der Materialismus, unser allgemeines gesellschaftliches Wertesystem, hat wenig Interesse an Aufklärung.
Wie ich gestern in einer Reportage erfuhr, entsprechen die Co2-Emissionen von großen 20 Containerschiffen den Emissionen aller Autos auf der Welt p.a.. Tatsächlich gibt es 60.000 Containerschiffe. Vor Krieg und anderen Existenzbedrohungen flüchten Menschen nach Europa und bleiben an den Grenzen hängen. All das und vieles mehr macht das materialistische Wertesystem möglich. Wer will da sagen "es wird alles gut" ?
Und ich finde es sehr schön, dass man heute die Freiheit genießt auch nicht glauben zu dürfen ohne dafür diskriminiert zu werden wie es früher in Mitteleuropa war. Der emanzipierte und gebildete Mensch darf und soll nachdenken und darf dann auch zum Ergebnis kommen, dass es (entgegen einer kirchlichen Obrigkeit) keinen Gott gibt. Jeder darf seinem Glauben und auch Nicht-Glauben nachgehen.
Ja, diese Entscheidungsfreiheit finde ich auch gut. Es stellt sich nur die Frage, wozu der Mensch seine Entscheidungsfreiheit nutzt. Wenn nicht viel mehr als Selbstzufriedenheit herumkommt, dann ist das zumindest für mich völlig unbefriedigend. Ein selbstzufriedener Mensch hat wenig Interesse, an den Umständen etwas zu ändern. Und das - so befürchte ich - ist der Untergang.
Wenn ich einen Nutzen des Christentums anführen darf, dann sehe ich diesen Nutzen in einer Aufklärung, dass das gesellschaftliche Wertesystem zum großen Teil minderwertig ist. Früher wehrte sich der Europäer gegen monarchistische Diktaturen, dann wehrte er sich gegen politische Diktaturen - aber auch jetzt befindet er sich nur in einer neuen Diktatur, die ich als viel schlimmer empfinde, als alle vorhergehenden Diktaturen: Die Diktatur des Materialismus. Und diese Diktatur hat sich der Mensch in seiner Freiheit der Entscheidung selbst geschaffen. Wir können uns noch nicht einmal beschweren, denn es gilt: "Der Diktator ist in Dir."