Lieber Andreas,
es kommt auf die Brille oder auch auf die Perspektive an, durch die Materialismus betrachtet wird.
Ich versuche meine Sicht mit einem Bild zu beschreiben: Ein lauffähiger Mensch kann laufen... was an sich gut ist.
Er kann aber nicht fliegen. Das Gesetz der Schwerkraft erklärt, warum das so ist.
Er kann fliegen und andere Ziele erreichen, als der laufende Mensch, wenn er über ein flugfähiges Vehikel verfügt.
Spiritualität mit "flugfähigem Vehikel" zu übersetzen, ist ein hinkendes Beispiel. Aber vielleicht verstehst Du trotzdem, was ich meine.
Materialismus als grundsätzliche Negatives anzusehen halte ich für falsch.
Materialismus ist nicht grundsätzlich negativ - Materialismus begrenzt lediglich den Menschen.
Du sagst richtig, dass er Teil der menschlichen Natur ist, warum sollen wir ihn dann ablegen?
Ich denke, das Problem liegt nicht im Ablegen-Wollen sondern eher im Ablegen-Können.
Materialismus im Sinne des "Haben wollen" ist Triebfeder der menschlichen Entwicklung.
Ja, das ist richtig. Und wie sieht die weltweite Situation der bisherigen Entwicklung aus?
Einzig kann es darum gehen Materialismus nicht über zu bewerten. Es gibt mehr, vor allem zwischenmenschliche Werte. Soweit stimme ich zu.
Für mich geht es darum Menschlichkeit mit Materialismus abzuwägen. Der Trieb mehr zu haben und mehr zu werden ist legitim wenn man dabei teilt, hilft, liebt und kurzum menschlich ist.
In der Realität stellt sich oft die Frage, in welchem Verhältnis geteilt und nach welchen Kriterien geholfen wird.
Glaube hingegen lehrt vor allem Stillstand - das "sich zufrieden geben".
Ich weiß jetzt nicht, welchen Glauben Du meinst.
Das haben Kirchen seit je her benutzt um Menschen ruhig zu halten. Euer Leid ist nicht so schlimm, denn ihr werdet im Jenseits belohnt. Ertragt alles, tut nichts.
Ich brauche aber keinen Glauben um zu erkennen, dass es mehr gibt als Materialismus.
Ich halte es für falsch wenn du nicht-religiösen Menschen pauschal Materialismus und Blindheit für Frieden und Gerechtigkeit nahelegst.
Ich ordne nicht-religiösen Menschen pauschal Materialismus zu. Jedoch unterstelle ich auf keinen Fall Blindheit für Frieden und Gerechtigkeit. Im Gegenteil.
Jeder rational und materialistisch denkende Mensch will für sich Frieden und Gerechtigkeit. Darauf lässt sich immer aufbauen wenn Menschen sich treffen. Oft war es doch gerade religiöser Eifer der Kriege ausgelöst hat.
Krieg wird eben meist nicht durch Materialismus ausgelöst sondern durch immaterielle Werte wie Angst. Dazu zählt durchaus auch die Angst vor einem fremden Glauben und das nicht-Verstehen. Einen materialistischen Türken verstehe ich, einen muslimischen Türken schon weniger. Schau doch mal wie viel Angst in Deutschland umhergeht in Sachen Islam.
Ich habe den Eindruck, dass Du Religiosität mit Gott-Bezogenheit in einen Topf schmeisst. Religionen sind in meiner Sicht ebenso materialistisch wie Ideologien.
Nebenbei bemerkt: Spiritualität ist nicht nur im Christentum zu finden, sondern allgemein auch im Islam, im Buddhismus oder Hinduismus.
Ich greife nochmal Deine nachfolgenden Aussagen auf:
Glaube hingegen lehrt vor allem Stillstand - das "sich zufrieden geben". Das haben Kirchen seit je her benutzt um Menschen ruhig zu halten. Euer Leid ist nicht so schlimm, denn ihr werdet im Jenseits belohnt. Ertragt alles, tut nichts.
Ich weiß jetzt nicht, wo Du genau solche Aussagen gelesen oder gehört hast. Ich denke, Du hast sie ggf. falsch wiedergegeben.
Vielleicht liest Du mal genau das NT. Dann wird Dir auffallen, dass das Eine das Andere nicht ausschließt. Im Gegenteil, eine Veränderung, die für den Menschen gut ist, wird ausdrücklich einbezogen.
Jesus sagte: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Und Jesus erzählte auch das Beispiel vom "barmherzigen Samariter". Aus der Sicht von Jesus war der im Sinne Gottes unterwegs, der dem überfallenen Menschen half und dies sogar uneigennützig. Stünde nur der Satz "mein Reich ist nicht von dieser Welt" im NT, dann könnte man daraus ableiten, dass das Schicksal der Menschen egal ist. Das Gleichnis vom "barmherzigen Samariter" aber zeigt deutlich auf, dass die Probleme und Nöte der Menschen eben nicht egal sind.
Dieses "mein Reich ist nicht von dieser Welt" ist ein Hinweis, worauf das Handeln gerichtet ist, wo das Ziel liegt.
Es besagt aber nicht, dass menschliche Schicksale egal sind. Für christliche Spiritualität kann ich sagen, dass die Nöte der Menschen zentrales Handeln dessen ist, worum sich Christen kümmern bzw. zu kümmern haben, solange sie hier leben. "Sich um den Nächsten kümmern" gehört zu dem Weg, den Willen Gottes zu tun.