Hallo SalmaPlus,
"dein" Thema ist auch meins... Ich bin zwar weder selbst (sichtbar) behindert, noch habe ich Kinder, aber ich habe einen behinderten Cousin, um den ich mich früher viel gekümmert habe und bin auch so im Lauf meines Lebens immer wieder mit Menschen mit Behinderung - teils näher, teils ferner - in Berührung gekommen. Z. B. war eine Gastmutter bei einem Schüleraustausch von 2 Wochen, als ich 14 oder 15 war, blind. Blinde bzw. sehbehinderte Menschen habe ich im Leben öfter getroffen, teilweise wurden daraus gute Bekanntschaften.
Mit 16 habe ich mich außerdem mit einem Mädchen (B.) angefreundet. Sie saß schon seit der frühen Kindheit im Elektrorollstuhl (fortschreitende Muskelerkrankung). Damals habe ich im Ausland gelebt - und dort war das mit der "Inklusion" (ich hasse das Wort) ganz anders. Dort gab es "Inklusion" gar nicht, musste es nicht geben, weil es gelebt wurde. Im Alltag, ganz normal. Wenn ich mit meiner Freundin im Einkaufszentrum shoppen bin, sind jedes einzelne Mal mind. 4-5 Leute aufgesprungen und haben die Tür aufgehalten. Nicht aus Mitleid, sondern aus ganz normalem Miteinander. Sie haben dann auch mit uns kurz gequatscht, ganz normaler Smalltalk, wie zwischen "freundlichen Fremden" üblich. Nichts mit Scham, nichts mit Unsicherheit, nichts mit Getuschel oder gar Wegrennen... Das hat mich zuerst total verunsichert. Ich dachte, die schauspielern nur, bis ich mitbekommen habe, nein, die sind so. Dort ist das anders. Nicht jede Gesellschaft ist gleich - manche sind unserer deutschen um Lichtjahre voraus...
Lange Rede kurzer Sinn: Ich verstand mich auch gut mit der Mutter von B. Sie war auch ihre Hauptpflegeperson, so dass wir auch zu dritt oft unterwegs waren in späteren Jahren, als die Krankheit schlimmer wurde. Einmal haben wir uns unterhalten, wie es bei "sozialen Sachen" so in Deutschland ist. Da habe ich es dann mal erzählt: dass man (meine Erfahrung!) höchstens (damals!) alle paar Jahre mal einen Mensch im Rollstuhl in der Innenstadt sieht, und genau so oft jemand mit Blindenstock usw. (Ich kürze die Unterhaltung ab...) Sie meinte dann irgendwann: "Weißt du, Penny, bei uns war es auch nicht immer so, wie es jetzt ist. Vor 20 Jahren war das auch anders. In 20 Jahren seid Ihr dann wahrscheinlich da, wo wir heute sind."
An das Gespräch musste ich immer wieder denken... Es sind mehr als 20 Jahre um. Und wir sind noch nicht mal ansatzweise irgendwo in der Nähe von dem dem, was damals schon für B. und ihre Mutter normal war....
Seit ich wieder hier lebe(n muss - so empfinde ich es oft), komme ich - nach den Erfahrungen "dort" - oft und schnell an meine Grenzen, wenn ich "Bullshit" höre... Vor ein paar Jahren hatte z. B. eine jetzt ehemalige Chefin einen Unfall, der sie vom Hals abwärts gelähmt zurückgelassen hat. Wir hatten uns auch privat, wie bei einer guten Bekanntschaft, ab und zu mal auf einen kurzen Kaffee oder zum Kino getroffen. Auch mit (dann) Elektrorollstuhl sind wir wieder los... Einmal in einen Dekoladen, der Lieblingsladen der Chefin. Und was passiert??
Verkäuferin kommt (wirkte auf mich wie im Stress)
Meine "Chefin": "Haben Sie *dies und das* noch da (weiß nicht mehr, was es genau war)?"
Verkäuferin schaut mich an und gibt mir die Antwort....
Da muss ich echt schauen, dass ich Land gewinne... Wir haben da die ganze Zeit schon herumgeschäkert, da war klar, die Frau im Rollstuhl ist nicht auf den Kopf gefallen. Und trotzdem geht die Verkäuferin über sie hinweg und antwortet mir.
Was das in meiner "Chefin" ausgelöst hat, die die Behinderung "erworben" hatte, das sollte sich jeder vorstellen können... Es war zum Schreien!
Auch mit einem blinden Mann war ich eine Zeit lang befreundet. Der hat immer erzählt, dass er sich mit jemand getroffen hat, z. B. an der Ecke vor irgendeinem Gebäude verabredet, und plötzlich aus dem Nichts, da er ja nichts sah, am Arm gepackt und über die Straße gezogen wurde. Von Wildfremden. Ohne zu fragen. Wo er gar nicht hin wollte. Was es für ihn erschwerte, weil er ja zurück musste, aber sich erst mal neu zurechtfinden musste, weil er gar nicht darauf vorbereitet gewesen war. Da geht mir so die Hutschnur hoch!! Und das, hat er erzählt, passierte ihm selbst öfter, aber auch vielen anderen Blinden, die er kannte...
Ich glaube schon, dass man etwas verändern kann. Aber ich glaube mittlerweile auch, dass so etwas in die Schulen gehört. Empathie, meine ich. Man kann Rollenspiele machen, wo man selbst erleben kann, wie es ist, wenn man beleidigt wird usw. Man kann Menschen einladen und so die (teilweise wortwörtlich) "Berührungs"-Ängste abbauen. Aber zackzack wird sich unsere Kultur/Gesellschaft leider nicht verändern...
Und zum Wort "Inklusion". Das verstehen meiner Erfahrung nach die meisten als vorgegebene Regeln. Die werden vom Staat auferlegt und die müssen dann befolgt werden, weil man das so macht. Jemand, der eine Behinderung hat, muss einen Job bekommen, der zu ihm passt. Derjenige muss an Hobbys teilnehmen können und dafür braucht er vielleicht bestimmte "Hilfsgegenstände". Etc. Aber Inklusion fängt doch mit viel kleineren Dinge an: anlächeln, wenn man in den Laden kommt und jemand mit Behinderung geht gerade raus, genau so, wie man jemand ohne Behinderung anlächeln würde... Oder erst mal begrüßen, wenn man als Blinder an der Ecke steht, und fragen, ob er Hilfe möchte...
Ich verstehe wohl, dass man Angst haben kann, unsicher sein kann - war ich früher auch. Aber man kann ja evtl. auch mal versuchen, die Angst nicht gewinnen zu lassen. Sich über bestimmte Behinderungen zu informieren z. B., mit Menschen mit Behinderung online in Kontakt gehen. Und z. B. am Rollstuhlfahrer vorbeizulaufen und die eigene Angst vor dem eigenen Unvermögen aushalten, anstatt auf die andere Straßenseite zu gehen... Der Behinderte ist meiner Meinung nach nämlich meistens nicht das Problem, sondern die eigene Angst und Unsicherheit des Gegenübers.