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Allein, Isoliert, Ohne Aufgabe, am falschen Ort

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Hallo Liebe Gemeinde,

ich hoffe ihr erlaubt, dass ich einfach versuche meine Gedanken aus dem Kopf zu schreiben. Ihr müsst nicht darauf antworten, weil es eine gewaltige Textwüste werden wird. Der Zweck für mich ist vor allem das aus mir raus zu schreiben.
Ich habe das Gefühl mich ins Aus geschossen zu haben und finde nicht die Kraft, nicht den Mut aus dieser Situation herauszukommen.

Ein Skizze zu meiner Person:
Ich bin w, 29, Single, oder man könnte auch sagen alleine, am Ende des Lebensabschnittes Studium und schaue in ein schwarzes Loch wenn es um die Zukunft geht. Ich weis, das viele meiner Ängste fatalistische Gedankenkonstrukte sind, dass ich vieles negativ bewerte und zu sehr auf die Kritiker in meinem Kopf höre. Dennoch befreit mich dieses Wissen nicht, ich bekomme den nächsten Schritt nicht hin, den Schritt Verantwortung zu übernehmen.
Das Nichtgelingen feuert dafür die Kritiker in meinem Kopf umso mehr an. In zwei Wochen habe ich die Präsentation, die mein Studium beendet. Ich habe dann knapp 7 Jahre in den künstlerischen Berufen studiert. Im Laufe dieser 7 Jahre habe ich viel gelernt, Leidenschaften und Interessen entdeckt und gefördert, jedoch auf der anderen Seite mich psychisch sehr reduziert. Ich ging ins Studium als eine Frau, die zwar bereits emotionale Schwankungen hatte und hart mit sich selbst ins Gericht ging, die jedoch Interessen außerhalb des Berufswunsches hatte, Hobbys und einen Freundeskreis, als auch einen Partner. Die Beziehung ging im Laufe des Studiums zu Bruch, eine zweite vor etwas über einem halben Jahr. Der Freundeskreis hat sich über die Welt verstreut und ich war nicht in der Lage in der letzten Zeit (bin Studienbedingt vor eineinhalb Jahren umgezogen) an dem Ort an dem ich gerade wohne auch nur irgendeine Form von sozialem Netz aufzubauen. Ich fühle mich hier nicht wohl. In der Stadt in der ich wohne, in dem Zimmer in der WG, in dem Haus. In der Situation.

Ich fühle mich einsam mit den Dingen die ich tue, weil ich keine Rückmeldung erhalte. Ich traue mich nicht meine Sachen zu zeigen und zu präsentieren, weil ich sie selber nicht für besonders gut erachte. Irgendwie habe ich mit den Sachen die ich mache einen guten Abschluss erhalten, ich kann ihn aber selber nicht ernst nehmen. Auch eine Zulassung zu einem Aufbaustudium hab ich ohne Probleme bekommen, bin dafür umgezogen. Ich glaube dennoch nicht, dass meine Sachen einen "Wert" haben. In meinen Kopf gibt es die Dauerschleife, dass alle Optionen, die sich auftuen nicht für mich gelten. Ich bin ein Hochstapler in meinem Gedankenkonstrukt. Ich will unsichtbar sein...und gegen dieses Muster kämpfe ich seit Jahren an. Meine Beziehung ist seit einem halben Jahr beendet. Durchaus auch mit den Worten meines Partners: " Du bist nicht interessant für mich" Auch wenn ich Objektiv weis, dass da auf seiner Seite auch eine Sinnkrise reinspielt hat dieser Satz einen ungemeinen Effekt auf mich, immer noch, er ist quasi eine Bestätigung. Ich bin nicht interessant. Ich weis auch, das sich in dem Zustand nicht interessant werden kann für jemanden. Ich sehne mich sehr nach Nähe, mein Kopf will aber niemanden kennenlernen. Jede Person, die mir jetzt näher käme würde nur eine Lücke ausfüllen, die ich selbst ausfüllen muss. Jede Kraft die ich daraus ziehen würde, würde nur den Zustand überdecken, und jede Trennung, die früher oder später einträte, weil früher oder später auch der nächste Partner feststellt, dass ich alleine nicht interessant bin, zöge nur noch mehr Kraft von mir.

Ich möchte nicht alleine sein, ich möchte in der Lage sein wieder jemanden kennenzulernen. Ich möchte vollständig genug sein um wirklich einen anderen Menschen in mein Leben lassen zu können ohne dringend einen Menschen zu brauchen, weil ich es nicht mit mir alleine aushalte.

Ich sitze in meinem Zimmer und sieche vor mich hin. Starre in den Computer, lasse mein Hirn von Youtube auffressen. Mir geht es nicht gut. Es gibt zehntausend Baustellen, die ich ändern sollte, ich weis nicht wo ich anfangen soll, oder kann. Es überfordert mich.

Ganz weltlich drücken ein paar Schuhe: Bis jetzt unterstützt mich mein Vater finanziell. Er hat mir ein Ultimatum gesetzt, bis wann ich auf eigenen Beinen zu stehen habe, das ist in drei Monaten. Das ist auch gut und richtig so. Ich schäme mich, mit knapp dreissig noch abhängig zu sein, ich schäme mich nichts hinzubekommen, Verantwortung für mich selbst nicht übernehmen zu können.

Ich bin, durch die Situation meiner Eltern als Student in eine private Krankenversicherung eingetreten. Momentan bedeutet das: Ich zahle das doppelte an Beitrag, was ein gesetzlich versicherter Student zahlen würde und die Krankenversicherung hat eine Leistung ausgeschlossen, die ich sehr gerne in Anspruch nehmen möchte: Ambulante Psychotherapie. Ich habe, wie schon gesagt, seit Jahren Probleme mit meinem Kopf, ich komm nicht raus aus den Spiralen,die sich immer wieder latent oder auch ganz konkret um Selbstvernichtung drehen. Da aber Probleme im Kopf in den Augen meines Vaters nur ein Druckmittel und eine Ausrede für mein langes Studium sind, gibt es seiner Meinung nach auch keinen Bedarf für eine Behandlung.

Mit dreissig wird diese Versicherung noch teurer, ich kann nur durch ein Angestelltenverhältnis ( oder Eintritt in die KSK, aber das müsste ich auch erstmal schaffen), wechseln. In dem Tarif in dem ich bin und in dem ich als Arbeitsloser wäre ist keine Psychotherapie möglich. Ich mache gerade meinen Führerschein, den ich selbst bezahle, einen weiteren Posten, der über 50 Euro wöchentlich kostet kann ich nicht selbst tragen....
vielleicht hat mein Vater auch recht, ich jammere nur und brauche keine Hilfe...

Ich habe ganz akut keine Aufgabe, keinen Sinn für mich, aber auch die Möglichkeiten, das Weiterzumachen, was ich bis jetzt gemacht habe. Mich zerreists gerade sehr. Mein Druck aus dem Ort hier zu kommen ist groß. Wenigstens aus der WG, es gibt in dem Haus eine permanente Akustische Geräuschkulisse mit der ich nicht zurechtkomme. Als ich hierherzog sagte ich mir anfangs noch : Du kannst nicht nach zwei Wochen wieder umziehen. Es kostet Geld und Kraft. dann redete ich mir ein, dass mir niemand helfen würde und nun wohne ich seit eineinhalb Jahren hier und ich fühle mich zermürbt.

In meinem Kopf sieht es so aus:
In drei Monaten also, werde ich dreissig, mein Vater hört auf mich zu unterstützen, meine Kosten explodieren und ich habe nichts auf die Reihe gekriegt bis dahin, während Freunde in dem Alter heiraten, Kinder haben, den Partner fürs Leben getroffen haben, einen guten Job gefunden haben oder sogar schon eine Wohnung gekauft haben, habe ich es nicht mal geschafft mich für ein Praktikum zu bewerben, weil ich zu feige war, hab nichts, kann nichts verwertbares und bin allein.


Meine Eltern und ich haben unterschiedliche Lebensvorstellungen. Während meine Eltern das Modell "Sicher" ( und " Unglücklich, aber bald endlich in Rente") für sich wählten, möchte ich tatsächlich lieber "unsicher und dafür glücklich" leben. Emotionale Gesundheit und eine hohe Freiheit sind für mich starke Faktoren, Geld ein sehr geringer. Ich habe keine eigene Familie, keinen Partner und meine Eltern sind noch nicht so gebrechlich, dass ich sie pflegen sollte, ich möchte für mich solange Freiheit leben können wie das möglich ist. Mein Traum wäre soweit wie möglich eigenständig zu leben, also auch zu einem guten Teil Selbstversorgend. Verpflichtungen, vor allem Materielle ( Immobilien, Schulden wegen Anschaffungen, etc), möchte ich gering halten. Ich möchte das was ich mache gerne machen und solange ausführen können und mögen wie es mir möglich ist. Es sollte einen Sinn haben, ich möchte diesen Sinn auch wahrnehmen. Dieser Wunsch hat mich im Studium vom Pixelschubser zum Handwerker werden lassen.
Und dennoch, ich bin ein Heuchler, reden kann ich gut. Ich habe mich verlaufen auf dem Weg.
Meine Mutter leidet unter all meinen Entscheidungen, habe ich den Eindruck. Jedes Mal, wenn wir reden schaut sie mich leidend an, warnt mich: Du schießt dich ins Aus, du kannst nicht umziehen ohne Arbeit, das macht man nicht, du musst da bleiben, du bist zu fatalistisch etc. etc.. Wenn ich ihr erzähle, dass ich meine Habe , die ein kleines WG Zimmer füllt, soweit reduzieren möchte, dass sie in ein Auto passt, ich also mich frei bewegen kann, leidet sie. Ihr einziger Satz dazu ist, dass es ihr weh tut, dass ich Dinge von Oma und Opa dann auch weggeben würde. Ich sehe wie sie in einem Museum lebt, Emotionen an Gegenstände haftet. ich bin nciht der Mensch dafür, ich finde das ein Stück weit grußelig. Ich weis, dass ich nciht das Bild meiner Eltern leben kann, aber dieses kleine Beispiel ist eines von vielen aus diesem Muster, ich habe den Eindruck meinen Eltern schon fast alleine durch meine Existenz zu schaden, alles was ich überlege, plane, mache, scheint falsch, scheint schmerzhaft für sie. Wie kann mich das nicht beeinflussen?
Ich erzähle, ich möchte mich selbstständig machen mit dem was ich gerne mache, die Antwort ist: Aber das funktioniert doch nicht so einfach, das ist zu schwierig, ich will mich reduzieren, es tut ihr weh, dass ich Sachen weggebe. Ich möchte mich neu orientieren und in Fertigkeiten lernen die etwas mit Nachaltigkeit zu tun haben ( Konkret Permakultur), die Antwort ist: Wofür hast du studiert, du schießt dich ins Aus? Ich erzähle, dass ich ab Juli für vier, fünf Monate etwas zu tun habe, einen Ort zu wohnen und eine Aufgabe, die ich gerne mache, die Antwort ist: Und dann, was soll aus dir dann werden? was kommt dann danach? Sie wünschen sich ein geregeltes leben für mich und ich habe diese Sorge, dass alle anderen Lebensmodelle scheitern würden so sehr verinnerlicht, das sich keinen Mut habe.
ich habe all diese Zweifler schon seit langen in mir selbst übernommen, stelle mir permanent diese Fragen selber, hinterfrage alles, scheue mich vor allem.

Ich wollte hier weg, unternahm einen Anlauf nach Hamburg zu ziehen, dort sind Freunde. Ich kann nicht mal genau benennen, an was es gescheitert ist. Die Suche hat sehr viel Energie gefressen und ich hab mich letztendlich nicht getraut. Ich sollte noch ein Praktikum machen, ich traue mich nicht mich zu bewerben. Ich habe Angst vor der Ablehnung.
ich kriegs nicht hin umzuziehen. Bald geht dann auch das Geld aus, ich weis, dass ich Arbeit suchen muss. Ich habe Angst davor hier bleiben zu müssen, durch Arbeitslosigkeit, oder durch ein Arbeitsverhältnis, das mich hier bindet. Hier bleiben zu müssen ist für mich ins Aus schießen. Ich habe Angst davor nutzlos zu sein, nichts machen zu können, dass mit den Leidenschaften,die ich habe zu tun hat. Zeitarbeiter werden, einen Job machen, eben irgendwas arbeiten, umsonst studiert hab ich doch eh schon, bestätige die Vermutung meiner Eltern, dass das brotlos ist....versteht ihr was ich meine? Die Schiene "Sicher", mit dem Warten darauf, dass man irgendwann aufhören darf.
Ich sitze in einer Stadt im Osten, ich bekomme hier viele Leute mit, die nach dem Prinzip " Muss ja irgendwie", leben. Durch die Umstände und dem Wandel. Ich verstehe, dass sich das so ergibt, dass man vielleicht auch nicht immer so die Wahl treffen kann was man machen möchte, aber ich bin noch naiv. Naiv genug zu glauben, dass es man Glück für erstrebenswert halten kann.
Eigentlich glaube ich das nicht mehr, ich halte mich auch in diesen Dingen für einen Hochstapler, wenn ich mich reden höre.

Wie komme ich aus der Lage raus, wie bleibe ich dran? Wie höre ich auf mich permanent selbst fertig zu machen und zu kritisieren? Warum habe ich vor Allem Angst, traue mich nichts?
Ich habe keine Lebensfreude, bin unruhig, unter Druck. Gerade verschwende ich wirklich Lebenszeit und das fühlt sich nicht gut an. Der Mensch ändert für gewöhnlich spätestens dann was an seinem Verhalten, wenn der Leidensdruck groß genug ist. Ich weis nicht wie groß er denn noch werden muss, damit ich den Schuss höre. Hobbies hab ich keine mehr, ich erlaube sie mir auch nicht, in meinem Kopf hab ich keine Berechtigung für Interessen, wenn ich keine Verantwortung für mich übernehmen kann und noch vom Geld anderer Leute lebe. Mein Sichtfeld wir immer kleiner, ich werde immer unselbstständiger. Mehr und mehr Aufgaben, die ich auch schon mal ohne Probleme bewältigt habe scheinen unmöglich zu meistern.
Ich geh nicht mehr raus. Melde mich kaum noch bei Menschen, die ich gerne hab. Ich hab Angst vor den Fragen ( und was machst du jetzt? Hast du schon Arbeit? Wolltest du nicht umziehen?)
Ich hab keine Freude mehr an Dingen, esse irgendwelchen Müll, weil ich keinen Appetit mehr habe, Gefühlt nichts mehr schmecke, alles ist wie Pappe. Ich ergreife keine Chance mehr, lehne lieber ab. Ich will aus diesem Muster raus.

Ich möcht nicht existieren. Aber ich möchte nicht mehr vegetieren. Ich will leben.
Wie schaffe ich das?
 
Aus dem wo du wirklich raus musst: Aus einer Versicherung, die dir nichts nutzt aber deine Finanzen unnötig schmälert. Sieh doch mal ob an deiner Uni nicht eventuell eine psychologische Beratung stattfinden kann. Eventuell kann man dir dort wenigstens sagen wie du dir helfen lassen kannst.

(Ich halte das kurz, weil ich nicht denke, dass ich das irgendwie kommentieren muss, und Mitgefühl hilft ja nun auch nicht mehr).
 
Hallo liebe Gast-Schreiberin,

dein Vater meint, du brauchst keine Hilfe? Ich denke schon (sonst hättest du ja nicht hier geschrieben). Ich habe den Eindruck, du bist grundsätzlich voll in Ordnung und mit dir ist alles ok. Du hast jedoch eine großen Eimer voll Problem(e/chen) und in Summe wirken die erdrückend. So ein Eimer bzw. seine Wirkung zieht logischerweise weitere Probleme an und fertig ist der Teufelskreis.

Mir fällt auf, du hast sehr wenig Rückhalt. Klar, irgendwann musst du selbstständiger werden, aber doch nicht in dieser Situation. Was dir vermutlich auch sehr helfen würde, wenn dich einfach mal jemand in den Arm nehmen würde. Ansonsten brauchst du vermutlich nicht viel, vielleicht würde es schon reichen, wenn du jemand zu reden hättest. Du bist sehr intelligent und selbstreflektierend, vermutlich würde allein schon ein guter Zuhörer reichen. Falls nicht, dann brauchst du jemand der dir hilft, deine eigenen Gedanken zu sortieren und dich hin und wieder zu motivieren.

Was ich eher schlecht für dich finde, ist das Verhalten deiner Mutter. Klar, sie meint es nur gut, aber was bringt das, wenn es dich demotiviert oder gar runter zieht. Viel schöner wäre es doch z.B., wenn sie z.B. sagen würde "Selbstständig? Ok, wie kann ich dir helfen, was müssen wir zuerst machen?". Sie verhält sich leider entgegengesetzt und ruiniert deine Motivation. Vermutlich ist ihr das noch nicht einmal bewusst.

Insgesamt sind wohl auch deine Wünsche und Ziel unter die Räder gekommen. Ganz sicher sind die nicht weg, da steht wohl nur der große Eimer drauf. Was mir auch auffällt (und da bin ich ehrlich sogar ein bisschen entsetzt), du magst dich selbst nicht wirklich und beschimpfst dich sogar. Da hätte ich gleich den ersten Rat: Lass das bitte sein. Besser noch, fange bitte mal, dein positiven Seiten mehr in den Vordergrund zu stellen und dich mehr zu akzeptieren. Ich hab ja gerade einmal eine Nachricht von dir gelesen und könnte schon eine lange Liste mit tollen Eigenschaften erstellen. Will sagen, du hast enormes Potential, wäre prima wenn du dir dessen besser bewusst wirst.

Ansonsten empfehle ich dir viele kleine Schritte zu gehen. Das hat u.a. den Vorteil, immer wieder Erfolgserlebnisse einheimsen zu können, was dich automatisch motiviert. Und Rückschläge, so sie denn mal passieren sollten, sind ebenfalls klein. Du hast ja einen so großen Eimer, vielleicht würde es dir helfen, wenn du das mal visualisierst. Gleichzeitig könntest du diese Liste auch gleich als Motivationshilfe in Anspruch nehmen, dann nämlich wenn du dir immer mal wieder vor Augen führst, wie viel du schon geschafft hast.

Ach ja und ich halte auch nichts von privaten Krankenversicherungen. Ich würde an deiner Stelle (vorübergehend) einen halbwegs passablen Job annehmen und in die Gesetzliche wechseln "zu müssen". Nebenbei hast du so auch die Chance, neue Leute kennen zu lernen.

LG
 
Ich schreibe mal ein paar Gedanken auf, die mir beim Lesen in den Sinn kamen. Vielleicht ist ja etwas brauchbares für dich dabei:

Deine Verwendung des Begriffs "Wert" hat etwas stark objektives. So als hätten deine Werke einen Wert an sich, der irgendwie erfassbar und allgemeingültig wäre. Wenn du selbst den Wert deiner Werke als niedrig erkennst, andere dir aber dafür einen Abschluss oder Anerkennung geben, dann waren sie wohl geblendet. Im Umkehrschluss warst du dann eine Hochstaplerin, weil deine Werke nach mehr Wert aussehen, als tatsächlich in ihnen steckt. Ich kann deine Gedanken deisbezüglich nur dann plausibel finden, wenn ich den Begriff des Wertes in etwa so auslege.

Vielleicht wäre es besser, den Begriff als etwas rein subjektives zu konzipieren: Das, was du erschaffst und gestaltest, hat für jeden Betrachter einen ganz eigenen und einzigartigen Wert, da er jedesmal eine andere "Geschichte" erzählt.
Angenommen du malst ein Bild. Dich selbst erinnert das Bild möglicherweise an eine Empfindung, die du beim Malen gespürt hast. Oder die Art deiner Pinselführung (oder was auch immer) erinnert dich an eine Technik, die du noch immer nicht so gut beherrscht, wie du zu müssen glaubst. Nun existiert dein Bild im interpersonalen Raum und kann für jeden Beobachter etwas völlig anderes aussagen: Für den Professor spricht das Bild von grundlegender technischer Versiertheit und von gekonntem Einsatz der gelernten Stilmittel. Ein Vorzeigebild, für das er eine gute Note gibt. Ein anderer Betrachter wird durch die Farben an seinen letzten Strandurlaub erinnert. In ihm ruft das Bild das wohlig-warme Gefühl hervor, das er beim Berühren des Sandes gehabt hat. Er bezahlt einen hohen Preis dafür, eben das, was ihm das Bild in seiner Auslegung wert ist.

Man müsste also zu dem Schluss kommen, dass du über den Wert deiner Werke eigentlich garnicht verfügen kannst. Natürlich kannst du in gewissen Grenzen versuchen, den Geschmack der Masse zu treffen, wenn es so etwas gibt, oder bestimmte Techniken anzuwenden. - Aber grundsätzlich entsteht der Wert deines Geschaffenen erst nach der Fertigstellung und losgelöst von deinem Einfluss und vor allem auch deiner Verantwortung.

Nun können wir diese Konzeption etwas weiter spannen und auf die Gestaltung des Lebens als ganzes anwenden. Dazu ließe sich deine persönliche Art zu Leben ebenfalls als Kunstwerk, vielleicht als eine Art Selbstportrait auffassen. Und schon wird deutlich, wie weit die Deutungen deines Lebens bei dir und deinen Eltern auseinanderliegen. Und vor allem wie wenig Einfluss du auf das haben kannst, wie deine Eltern dein Leben beurteilein. Indirekt beschreibst du das Dilemma ja: Du könntest dein Leben nach ihren Maßstäben ausrichten. Aber dann wäre es nach deiner Betrachtung "sicher und unglücklich, warten auf die Rente". Wenn du hingegen das wählst, was für dich Freiheit und Unabhängigkeit bedeutet, dann werden bei deinen Eltern ganz gegenläufige Assoziationen wach. In einigen Fällen lässt sich so etwas im Gespräch klären. Dies setzt jedoch auf beiden Seiten eine hohe Bereitschaft voraus und kann unter Umständen erst nach einiger Zeit gelingen. Manchmal braucht es einige Zeit der Reifung, bis Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit zueinanderfinden.

Und auch beim Thema Partnerschaft lässt sich dieses Konzept möglicherweise anwenden: Du schreibst, dass du die Lücken in deinem Leben selber ausfüllen können musst und ein Partner nur Lückenfüller sein könnte. Natürlich weiß ich nicht, ob es sich hier um deine eigenen Überlegungen und Einsichten handelt. Aber dieses Gedankenkonzept des "sich selbst glücklich machen können müssen" erfreut sich im Moment einer allgemein großen Beliebtheit. Daher liegt für mich die Vermutung nahe, dass du dir dieses Konzept als Maßstab für dein Leben zu Eigen gemacht hast. Möglicherweise auch deshalb, weil es so wirksam vor neuen Verletzungen schützt. Nun liegt der konzeptionelle Fehler dieses Konzeptes nach meiner Auffassung allerdings in der Betrachtung eines neuen Partners als unindividueller Durchschnittsmensch, der über eine Statistenrolle im Drehbuch des eigenen Lebens nicht hinauskommen kann. Will sagen: Wer dein neuer Partner sein könnte oder wird, kannst du ja noch überhaupt nicht wissen. Du darfst darauf gespannt sein, wie die Chemie seines Charakters mit der deinigen zusammen etwas neues formt, was höchstwahrscheinlich derzeit noch außerhalb deines Erfahrungshorizontes liegen wird. Möglicherweise füllt er tatsächlich eine Lücke im Herzen, aber wie er damit umgeht und was er daraus machen kann, in welche Richtung sich das ganze dann entwickelt, das muss sich doch erst noch zeigen. Und wer hat eigentlich den Blödsinn erfunden, dass man erst alle seine Wunden geheilt haben muss, ehe man lieben kann? Oft ist es doch grade die besondere Persönlichkeit eines bestimmten Menschen, die alte Wunden endlich schließen kann.

Beste Grüße
tuny
 
Querdenker und Tuny, ich hab mich mittlerweilen angemeldet,
vielen vielen Dank, dass ihr euch mit der Textwüste auseinandergesetzt habt. Ich bin selbst darüber erschrocken, wie ich manches, vorallem mein eigenes Handeln auffasse. Oder wie stark diese Automatismen da zum Teil noch sind.
Meine Bewertung, oder allgemein die Auffassung von Wert setzt sich auch aus den Elementen zusammen, die da aus dem Umfeld meiner Eltern kommt. Ich denke beide Seiten waren selbst bis zu einem Zeitpunkt kreativ, bzw. weiß ich auch, dass es Malerei affine Menschen auf Seiten der Großeltern gegeben hat. Von meiner Mutter weis ich, dass sie es ab einem Punkt nicht weiter verfolgt hat, da sie sich für zu schlecht hielt. Sie hat sehr große Enttäuschungen in ihrem Leben verinnerlicht und wohl auch an mich übertragen. Was du ansprichst, Querdenker, diese negative Selbstaufassung, ich lese mich wie meine Mutter von sich erzählt hat. Mich erschreckt das gerade sehr. Meine Mutter hat im Streit mir als Kind gegenüber ab und zu die Ansicht fallen lassen, dass sie mit meiner Geburt ihr Recht auf Leben aufgegeben habe. Wieviel Überzeugung dort mit reinspielt, oder wieviel davon Wut auf sich selbst ist oder war, das kann ich nicht beurteilen. Das Verhältnis zwischen meinen Eltern und mir ist seit ich fünfzehn bin sehr angespannt. Ich war ein sehr wütender und emotional aufbrausender Teenager, meine Eltern waren überfordert mit mir in Kmbunation mit den Lebenssituationen, die wir zum Teil hatten. Ich bin dann auch recht zügig ausgezogen. Übriggeblieben ist ein Verhältnis des Nichtkommunizierens, oder des Einseitigen Kommunizierens.Dieser fast schon permanente Zustand von Hilflosigkeit. Der macht mich rasend. Meine Umgebung ist hilflos mit mir, ich bin mittlerweilen selbst hilflos mit mir. Ich will eigentlich keine konkrete Hilfe seitens meiner Eltern, ich will eigentlich nur ein Ok. hören. ICh habe oft das Gefühl Sender zu sein. Zu senden, aber keine Reaktion zu empfangen. Oder wenn eine Reaktion stattfindet, ist sie negativ.. Sodass ich mich als Sender automatisch Frage , ob was mit dem Sender nicht stimmt... Automatismen sind das Problem hier. Automatismen beinhalten, dass ich mich selbst schnell in diese Negative Wahrnehmung meiner Selbstund meiner Umwelt reinkatapultiere. Und je weiter ich mich da rein drehe, desto unrealistische empfinde ich alles, desto handlungsunfähiger werde ich. umso aussichtsloser und bedrohender fühlt sich alles an. Automatismen beinhalten auch, dass ich keine Chance ergreife, stillstehe, weil es ist ja eh alles nicht für mich. Ich kenne diese Wesenszüge eigentlich. Die Strategie wie ich mich da bremsen kann bevor ich mich soweit reindrehe, die habe ich noch nicht verinnerlicht. Ich empfinde mich als sehr gespalten zwischen Kopf und Hand und deswegen es auch als sehr schwierig mir selbst gegenüber nachsichtig zu sein, wenn ich, wie eben die letzten Wochen nur schwer mit alltäglichen Dingen und Aufgaben, Zielen vorankomme und nicht handle, obwohl der Kopf weis, dass Handlung nötig ist. Es fällt mir schwer mich zu mögen. das ist auch der Punkt den ich meinte, Tuny. Du hast recht, dass ich nicht erst perfekt sein muss, um jemanden zu finden. Doch dieser Punkt ist schon wichtig, ich möchte mich selbst mögen können und mich nicht nur durch einen Partner als geliebt empfinden.
Über die Probleme zwischen meinen Eltern und mir hatte ich schon in einer Therapie gesprochen, ich hatte die Hoffnung da eigentlich mit weitergekommen zu sein. Aber das Grundeis auf dem ich gerade aufgeschlagen bin lehrt mich, dass da einiges wohl noch eine große Rolle spielt.

Wirklich vielen Vielen Dank für die Hilfe beim Reflektieren!
 
Hallo Mariel,

mir geht vieles durch den Kopf, wenn ich deine Zeilen lese. Einige Dinge, die du schreibst, kommen mir bekannt vor. Ich hab damals Archtitektur studiert, hatte schon während des Studiums Probleme, meine Arbeiten zu präsentieren, weil ich einfach daran gezweifelt habe, dass sie gut sind. Im Arbeitsleben ging es dann weiter. Was damit endete, dass ich nun etwas ganz anderes mache, wo meine Leistung nicht so sehr von subjetiven Meinungen abhängig ist.

Tja, was kann ich dir raten? Psychologische (und kostenlose) Unterstützung bekommst du auch bei verschiedenen Beratungsstellen, z.B. von der Diakonie oder Caritas. Ob du dein Studium weiterführst, kannst du vielleicht auch in einer Studienberatung besprechen. Wenn du zu dir finden willst, könntest du auch ein Freiwilliges Soziales Jahr oder ähnliches machen, ich kenne mich da mit den Möglichkeiten nicht so aus. Wenn es dir nur ums Abnabeln von deinen Eltern geht, kannst du dir einen (Neben)-Job suchen. Neue Leute in deiner Stadt kannst du auch über das Stadtmagazin finden, da gibt es immer Gruppen, die sich treffen. Oder du annoncierst selbst und machst eine Gruppe auf mit Leuten, die ein Interesse mit dir teilen. Eine neue WG wirkt vielleicht auch schon Wunder. Und wenn du wirklich nach Hamburg willst, wirst du das schaffen!

Deine Voraussetzungen sind doch gar nicht so schlecht: du bist intelligent, hast studiert, kannst gut schreiben, hast bisher super Unterstützung von deinen Eltern bekommen. Du musst die positiven Energien nur noch in die richtigen Bahnen lenken.

Viel Glück! LG, Anne
 
Ich kenne diese Art zu reflektieren. Sie ist nicht ganz sinnlos, aber um ehrlich zu sein: weiter gekommen bin ich immer dann, wenn ich Dinge eher simpel und in kleinen Portionen angegangen bin. Das wird bei Dir gerade nicht möglich sein, da sich eine riesen Umwälzung vor Dir auftürmt.

Das ist aber auch ein Ergebnis davon, dass man es sich ansammeln lässt.

Du hast einfach folgende unbewältigte Dinge vor Dir:
- Wohnsituation
- Umzugswunsch wegen sozialem Umfeld
- Krankenkasse
- Behandlungswunsch Therapie
- Geld verdienen müssen
- im Grunde unbewältigtes und sehr sehr schlechtes berufliches Handicap (Kunst machen, aber nicht zeigen mögen)

Das folgende ist jetzt sicher sehr provokant, aber hast Du schon mal ganz übergeordnet darüber nachgedacht, dass Deiner Generation vielleicht Bullshit erzählt worden ist? Und Du das geglaubt hast? Da wäre dieses Künstlerleben voller interessanter Menschen und Selbstverwirklichung und Anerkennung und trotzdem immer genug Geld um eine hübsche Wohnung zu haben usw. Möglicherweise ist die Realität von Kunst genau das was Du jetzt erlebst: es gibt ganz wenige, die wirklich komplett dafür gemacht sind, das hauptberuflich durchzuziehen. Nicht zuletzt vereinen die aber hohe soziale und geschäftsmässige Fähigkeiten mit einer frei daneben laufenden besonderen Kunstproduktion. Das ist was für echte psychische Energiebomben.

Für die allermeisten Menschen ist es immer noch nötig in irgendeiner Form Arbeitskraft zu verkaufen. Als jemand der immerhin noch was anderes im Kopf hat bist Du da praktisch schon privilegiert, denn viele lernen selbst innerlich nie was anderes kennen als Malochertum. Dennoch kommt man nicht drumherum, ob Du im Grunde eher einen Brotberuf gebraucht hättest der Dir Freiräume und Lebensstruktur gibt, als 7 Jahre abtauchen im Kunsthochschulmilieu.

Du wirst in irgendeiner Form auf irgendeinen Markt müssen. Und Dir werden Leute über den Weg laufen, die ganz öde Ausbildungen gemacht haben und sich da in eine Nische gefuchst haben die Dich noch neidisch machen wird. Es gibt leute die an 3 tagen ihre Versicherungen verkaufen und die anderen 4 Tage frei haben. Leute die irgendwelche 12-Stunden Nachtschichten reissen und dann auch dank Zulagen nur 10 Schichten im Monat benötigen. Fahrer für Spezialtransporte. Usw.

Glaub mir, die Freiheit steckt nicht in den selbstausbeuterischen Kreativ-Lebensläufen. Die steckt da wo jemand etwas kann und einen Einsatz gibt und dafür irgendwann einen guten Deal aushandelt. Da hätte man ja auch 7 Jahre reinstecken können.

Im Grunde muss man sich mal eingestehen dass wir alle manipuliert werden. Dabei kann man sich immer noch an ganz alte Weisheiten halten: wem es an Offenheit mangelt, kann sich auf Umgangsformen verlassen. Man sollte danach streben, tüchtig zu sein und robust und handlungskräftig. Sich regen bringt segen. Und so weiter. Gerade wenn jemand so fürchterlich schwimmt wie Du, geben solche einfachen Wahrheiten Halt.

Die Gesellschaft macht heute viele Angebote, sich zurück zu ziehen und keinen wirklich produktiven und freimachenden Platz zu beanspruchen. Einfach weil die Konkurrenz gross ist. Du hast ein solche Angebot angenommen und nun hat jemand die Tür ins Freie aufgerissen und Du bist total geblendet.

Wo soll es auch herkommen? Du hast vermutlich lange nicht (oder auch nie?) 5 Tage die Woche funktionieren müssen. Um 5:30 hoch und Dein Tagwerk tun - und spüren, dass Du das kannst! Hast entsprechend nie ernsthaft in Verantwortung gestanden, aber auch keine Rückmeldung bekommen, kaum Anerkennung. Die gute Nachricht ist: auch das kann man alles nachholen.

Ich würde folgendes tun, erst mal fängst Du an realistisch zu denken und anzuerkennen dass bestimmte Baustellen jetzt wichtiger sind als andere. Als allererstes brauchst Du eine Lebensgrundlage, also Geld. Bald sind Industrieferien, da brauchen viele Produktionsbetriebe die ganz klassischen Aushilfen. In Vollzeit und Schicht gibt das richtig gut Geld. Also, such Dir die grossen Betriebe raus und maul nicht wegen einer Absage rum - jeder einfache Arbeiter kassiert Dutzende davon. Bewirb Dich überall, meinetwegen auch in Hamburg. Daimler und Beyersdorf suchen z.B. gerade Ferienvertretung im Hamburger Raum, teils von Mai bis September. Und NEIN, das googelt Dir kein anderer, das kannst Du selber genauso gut.

Wenn Du einen solchen Job hast, machst Du Dir ein Budget um nicht alles auszugeben. Wenn Du das streckst hast Du für den Rest des Jahres genug für einfache Fixkosten. Ausserdem ist dieser Job Dein Weg in eine gesetzliche Krankenkasse. Unter Umständen auch der Einstieg in den Umzug (solange wohnst Du irgendwo zur Untermiete). Du siehst: der Schlüssel für die grossen drei Existenzprobleme ist EIN JOB. Und den kriegst Du schon wenn Du nicht so kompliziertes Zeug redest. Geh freundlich da ran, sag Du schliesst Studium ab und wirst Dich selbständig machen, aber für den Sommer brauchst Du einfach noch Kohle. Fertig. Keine dummen Erklärungen, kurz und bündig. Und keine Haken schlagen, wenn die sagen sie brauchen Dich 15.5. bis 20.9. dann fängst Du nicht an zu diskutieren ob man auch 17.5. bis 02.09. machen könnte. Sei unkompliziert. Und teste Dich ruhig mal aus, wenn die sagen sie brauchen ne Spätschicht, mach das ruhig mal. Mach ruhig mal was anstrengendes.

Wenn das alles steht - dann guckst Du ob Du Dich noch therapiereif fühlst. Und überlegst mit angenehmer Ruhe, was Du mit Deiner Kunst willst.

Vielleicht schulst Du um. Vielleicht bleibt es bei Kunst. Vielleicht beides. Oder Du bleibst ein Jahr am Band und reist dann erstmal.

Falls Job ganz schwer ist kann man auch diesen Bundesfreiwilligendienst machen, das gibt auch ein Grundbetrag zum Leben.

Aber tu Dir den Gefallen: lerne leben. Das ist die Grundlage für alles andere. Und es ist nicht zu spat dafür. Du bist nicht die einzige die den Scheiss geglaubt hat.
 
Hallo Mariel,

ich finde es grad faszinierend zu lesen, wie sich dir all diese Zusammenhänge zwischen deiner Zeit als Kind, deiner Beziehung zu deinen Eltern und deiner heutigen Situation offenbaren. Ich als Leser kann davon natürlich immer nur Bruchstücke begreifen. Ich wage mich noch einmal daran, deinen letzten Beitrag zu reflektieren. Betrachte es als Buffet und suche dir diejenigen Gedanken heraus, die dir gut "schmecken".

Ich glaube, insbesondere in der Beschreibung deiner Mutter, eine ganz bestimmte Auffassung von Kreativität durchscheinen zu sehen: Kreativität erscheint als etwas unberechenbares, instabiles. Sie führt scheinbar zur Auflösung aller Dinge und gefährdet die Ordnung. Vielleicht hat das etwas mit dem "Recht auf ein Leben" zu tun, was deine Mutter im Streit erwähnte. Welches Recht besteht, sich den bestehenden Ordnungen zu widersetzen? Welches Recht besteht für dich, ein eigenes Leben nach eigenen Wertvorstellungen mit einem eigens kreierten positiven Selbstbild zu gestalten? Was hat dieser Satz deiner Mutter damals für dich bedeutet? Hast du dich schuldig gefühlt, dass du deinen eigenen Kopf durchsetzen wolltest, während deine Mutter sich nach eigener Aussage aufopferungsvoll in die Ordnung der Familie einfügen musste.
War die "Kreativität" vielleicht schon deiner grundlegensten Lebensprozesse genau die Ordnung für deine Mutter, in die sie glaubte sich zu fügen müssen? Das würde jedenfalls erklären, warum die Loslösung von den Sichtweisen deiner Eltern so schwierig ist. Jede Eigeninitiative birgt das Risiko, einen anderen (deine Mutter) in seiner (ihrer) Freiheit einzuschränken. - Des einen Kreativität ist des anderen Korsett. Möglicherweise wäre also die Dialektik von Kreativität und Ordnung ein Ansatzpunkt, über den sich nachzudenken lohnen würde.

Erstaunlich ist ja, dass deine Mutter heute offenbar immer noch unter deinen Lebensentwürfen leidet. Noch immer scheint sie zu glauben, dich in die Schranken weisen und in deiner Eigenständigkeit einschränken zu müssen. Was könnten da ihre Motive sein? Dass deine Lebensentwürfe für sie keine praktischen Nachteile mehr haben, so wie es vielleicht der Fall war, als sie sich als Baby um dich kümmern musste, liegt auf der Hand. Also liegt die Vermutung nahe, dass es hier noch ein anderes Motiv gibt. Was könnte das sein?
Nimmt man nun das Ultimatum deines Vaters mit ins Kalkül, so treffen hier offenbar zwei Gegensätze aufeinander: Während deine Mutter fordert, dass du "auf deinem Platz bleibst" und ja nicht dein eigenes Ding machst, erwartet dein Vater endlich Selbständigkeit von dir. Und Selbständigkeit würde ja grade die "verbotenen" Eigenschaften voraussetzen. Der eine fordert, was der andere verbietet. Eine Pattsituation! Beides zusammen ergibt ein geschlossenes ganzes, aber die beiden Seiten sind nicht positiv integriert, sondern blockieren sich gegenseitig. Kann daher dein "nicht vorwärts kommen" entspringen? Drückt dein Gedanke "das ist alles nichts für mich" genau diese Zerrissenheit in den Erwartungen aus?

Und die Sache mit dem Partner: Mein Gedanke hierzu war, dass es oft schwerfällt, sich selbst zu mögen, weil man nicht weiß wie das eigentlich geht. Von seinen Eltern hast du offenbar gelernt, wie man bestimmte Dinge an dir nicht mag, und dies hast du verinnerlicht. Nun müsstest du selbst völlig aus dem Nichts heraus ein Gegenbild entwerfen, in welcher deine Person dir selbst als Liebenswert erscheint. Das kann gelingen und wenn es gelingt, dann gibt das natürlich eine nie gekannte Unabhängigkeit und Freiheit, sich selbst seine Deutungen und Wertungen erschaffen zu können. Vielleicht grade die Unabhängigkeit und Freiheit, die du derzeit anstrebst, um dich endlich aus alten Fesseln zu befreien? Ein anderer Mensch könnte hier vielleicht unterstützen, indem er dir vormacht, wie man liebevoll auf dich und deine Eigenschaften reagiert. Dann könntest du noch einmal lernen, dich selbst mit anderern Augen zu sehen. Was wäre, wenn du frei entscheiden könntest, welche Sichtweisen anderer Menschen du dir zu eigen machen möchtest und welche nicht? Wenn du dein Bild von dir selbst durch diese Inspirationen von außen kreativ gestaltest? Dann wären vielleicht Freiheit und Verbundenheit zusammen möglich.

Nochmal betont: Ich möchte dich grade in Bezug auf Partnerschaft nicht in irgendeine Richtung schieben... Es sind einfach Gedanken, aus denen du dir wie in einem Buffet diejenigen rauspicken kannst, die in deinem Leben grade weiterhelfen. Ob das überhaupt der Fall ist und welche das im einzelnen sind, das liegt einzig bei dir. 🙂
 

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