Meinem Vater hat das gar nicht gefallen. Sowohl, dass ich am Heiligabend nicht da bin, als auch dass ich mich erdreiste, über das Familienfest in den Urlaub zu fliegen. Er sei sehr enttäuscht, dass ich mit ihm vorher nicht darüber gesprochen und ihm um Erlaubnis gebeten habe.
Du bist fast 30 und musst noch deinen Vater um Erlaubnis fragen, wie du Weihnachten gestaltest? Höchste Zeit, dass er lernt, dass du kein Kind mehr bist.
Als Diakon der Gemeinde waren meinem Vater und auch meiner Mutter die Weihnachtstage als Familie immer heilig.
Mir sind die Weihnachtstage auch heilig. Ich bin ebenfalls katholisch wie dein Vater. Aber ich habe immer gesagt, auch schon zu Lebzeiten meines Partners:
"Weihnachten ist kein verkitschtes "Fest der Liebe", auch kein "Familienfest", bei dem sich Familien selbst zelebrieren. Weihnachten ist das Fest der Geburt Christi (das Fest, wohlgemerkt, nicht das historische Datum). Und Jesus hat sich vorrangig um die Außenseiter der Gesellschaft gekümmert, die gerade
nicht in einen Familienverband oder was auch immer integriert waren."
Und weil ich schon sehr lange so denke, werde ich auch in diesem Jahr Weihnachten feiern, wenn auch ganz allein. Obwohl mein Partner erst vor einem halben Jahr plötzlich verstorben ist. Sein viel zu früher Tod ist für mich sehr traurig, ändert aber nichts an Weihnachten und verdirbt mir das Fest auch nicht. Ich werde dieses Jahr zwar wahrscheinlich auf einen Weihnachtsbaum verzichten, weil mir das zu aufwendig ist und außer mir ja niemand den Baum sehen würde (damit handele ich sogar im Sinne meines verstorbenen Partners, der überhaupt keinen Wert auf einen Baum legte. Wenn er es aus dem Jenseits könnte, würde wahrscheinlich sogar sagen: "Da musste ich erst sterben, damit du endlich keinen Weihnachtsbaum mehr machst! Das ist doch sowieso ein heidnischer Brauch."
😉). Aber ich werde trotzdem ein wenig dekorieren und Weihnachten auch begehen.
Ich sagte meinem Vater, dass es ihm als Christ doch gefallen müsse, wenn obdachlosen Menschen am Heiligen Abend etwas Gutes getan werde. Er erwiderte darauf, dass das Essen auch ohne meinen Einsatz organisiert würde.
Ganz "toll", diese Reaktion deines Vaters. Überaus christlich. Dein Vater scheint ein typischer Heuchler und Pharisäer zu sein, wenn er das so bewertet. Ihm geht es offensichtlich nur darum, nach außen hin vor dem Pfarrer und der Kirchengemeinde gut dazustehen. Er, der ach so tolle Diakon und "engagierte" Christ mit der erzkatholischen Vorzeigebilderbuchfamilie. Hat er sich überhaupt jemals ernsthaft
inhaltlich mit dem christlichen Glauben auseinandergesetzt, oder plappert er nur irgendwelche Dogmen der Amtskirche nach, ohne ab und zu auch mal einen Blick in die Bibel zu werfen?
Im Übrigen kann dein Vater zu Weihnachten mindestens ebenso gut ohne dich auskommen wie die Obdachlosen. Das hat er 2000 ja bereits eindrucksvoll bewiesen.
Als ich meinem Vater das mit Weihnachten vor zwei Jahren nochmal sagte und er mir nicht etwas vom Weihnachten als das Familienfest vorheucheln solle, wurde er sehr laut. Das sei damals eine Ausnahmesituation gewesen und bla bla.
Tja, wem der Schuh passt, der zieht ihn sich an. War es etwa christlich, ausgerechnet denjenigen Sohn auszuladen, der dadurch an Weihnachten ganz allein war? Auch anstelle deines Bruders hätte ich dir gegenüber ein schlechtes Gewissen gehabt.
Ich fragte meinen Vater dann, ob er meinem Bruder denselben Vortrag zum Fest der Familie gehalten habe oder ob ich es wieder sei, der seine Doppelmoral zu hören bekomme. Er legte dann ohne weiteren Kommentar auf.
Kindisch, gerade für einen 60-Jährigen. Ich bin im selben Alter wie dein Vater. In wenigen Monaten werde ich auch 60, so Gott will.
Haltet ihr die Reaktionen von mir und meinem Vater beide für in Ordnung oder glaubt ihr, dass er oder ich mich falsch verhalten haben?
Ich habe die Sorge, dass das Band zu meiner Familie komplett reißen könnte. Aber er war es ja, der mich vor zwei Jahren ausgeschlossen hat. Ich würde nur mal erwarten, dass er mich dafür um Entschuldigung bittet oder zumindest sagt, dass ihm das Leid tut. Da kam aber bislang nichts...
Dein Vater will immer noch Macht über dich ausüben und dich beherrschen. Er stellt seine Art, seinen Glauben zu praktizieren, nicht im Ansatz infrage. Er fragt sich auch nicht, ob es wirklich dem entspricht, was Jesus gepredigt hat. Er will, dass alles beim Alten bleibt.
Vielleicht ist tatsächlich eine Zeitlang Funkstille und Knatsch. Aber die andere Alternative wäre, dass du dich ewig von deinem Vater wie ein kleiner Junge behandeln lassen musst.
Er kann sich ja beim Gemeindepfarrer über dich beklagen.
😉 Ein vernünftiger Pfarrer wird ihm schon sagen, dass er sich selber nicht korrekt verhalten hat. Es gibt gute und aufgeschlossene Pfarrer. Leider aber auch weltfremde.
Meine Erfahrung ist die, dass man auch um den Glauben und die Art, wie man ihn praktiziert, immer wieder neu ringen muss. Es gibt Phasen einer Gottesferne und dann auch wieder Phasen einer Gottesnähe. Aber diese Phasen halten den Glauben lebendig, weil man immer wieder neue Erfahrungen macht. In althergebrachten Vorstellungen zu erstarren, ist nie richtig. Man kann Gott nicht "fassen" und man wird von ihm auch immer wieder daraufhin geprüft, wie man mit bestimmen Situationen umgeht. Gott stellt unsere Art zu glauben immer wieder infrage, damit wir uns auch im Glauben weiterentwickeln. Dein Vater ist längst in Ritualen erstarrt. Er möchte vor sich selbst, vor anderen Verwandten, vor der Nachbarschaft, dem Pfarrer und der Kirchengemeinde als guter Katholik dastehen, der alles richtig gemacht hat und daher von Gott mit dem "Erfolg" einer "glücklichen", "harmonischen" Familie belohnt wird. Er fragt sich aber gar nicht mehr, ob das, was er da praktiziert, überhaupt dem entspricht, was Jesus gelehrt hat. Lügen und Heuchelei, nur seine eigene Sichtweise gelten lassen und etwas tun, nur um nach außen gut dazustehen, sind Verhaltensweisen, die Jesus gar nicht leiden konnte bzw. kann. Jedenfalls gibt es genügend Stellen in den Evangelien, die deutlich darauf schließen lassen.
Ich vermisse bei deinem Vater vor allem, dass er auch einmal versucht, deine Sichtweise zu verstehen.
Das 4. Gebot bedeutet
nicht, dass man sich als Erwachsener von seinen Eltern wie ein unmündiges Kind behandeln lassen muss und nichts tun darf, was ihnen nicht in den Kram passt.