Mein Tagebuch taugt auch als Lektüre.
In deinem Tagebuch habe ich bereits vor einiger Zeit gelesen. Ich fand es sehr interessant.
Viel hatte jeweils mit dem aktuellen Partner und der aktuellen Lebenssituation zu tun, in die sie sich hineinmanövriert hatte.
Es ist wahrscheinlich oft so, dass man sein Leben überdenkt, wenn es eine Veränderung in Form eines Schicksalsschlags oder einer Niederlage gibt. Man sucht nach Erklärungen, warum einem dieses oder jenes widerfahren ist, Und da ist es sicherlich so manches Mal der leichteste Weg, andere dafür verantworlich zu machen.
Manchmal reicht vielleicht schon eine kritische Bemerkung vo aktuellen Partner, um etwas zum Kippen zu brigen.
Irgendwann hat sie mir in aller Deutlichkeit gesagt, ich solle aufhören, beständig meinen Schuldanteil zu suchen...so ganz wird man das als Mutter nie los.
Es ist bestimmt nicht leicht, seine Gedanken zum Stillstand zu bringen und sie nicht ständig darum kreisen zu lassen, was man falsch gemacht haben könnte, wo genau der eigene Schuldanteil liegt.
Wenn man ein Kind in die Welt setzt, sind die Eltern zwar die allerersten prägenden Bezugspersonen,
aber spätestens im Kita - Alter kommen neue Menschen und weitere Einflüsse von außen dazu.
Das Kind macht seine eigenen guten oder schlechten Erfahrungen und wird dadurch weiter geprägt.
Dazu kommt, dass das Kind von vornherein seine ureigene Persönlichkeit hat, aus der sich sein Charakter formt.
Ich erinnere mich zwar nicht mehr genau, aber du hast im Tagebuch mehrmals erwähnt, dass deine Tochter ähnliche Charakterzüge aufweist wie ihr leiblicher Vater und deren Schwester.
Daran wird deutlich, dass vieles auch genetisch bedingt ist.
Da kann man als Eltern noch so viel richtig machen, genetisch verankerte Charaktereigenschaften werden immer Oberhand haben.
Du kannst am Ende nichts machen, außer zuhören und trösten.
Auf keinen Fall würde ich den Eltern einflüstern, dass es am Therapeuten liegt.
Oder dass es grundsätzlich um Mutterbashing geht.
Zuhören. Mitgefühl zeigen.
Genauso mache ich es.
Selbst wenn es nicht aus dem Nichts kam, selbst wenn es nicht immer ehrlich, liebevoll und gut war oder zu viel davon...Eltern sind auch nur Menschen mit Schwächen und Fehlern.
Das sehe ich genauso.
Eltern dürfen Fehler machen. Sie dürfen streiten und vielleicht auch mal ungerecht sein.
Wichtig ist dabei nur, dass das sichere Fundament der Eltern-Kind-Beziehung nicht ins Wanken gerät.
Ich halte es sogar für wichtig, dass zuhause auch mal ein heftiger Wind weht, dass es Meinungsverschiedenheiten und Konflikte gibt, mit denen umzugehen man lernen muss.
Das rechtfertigt, dass man einen Streit anzettelt oder eine Diskussion...aber rechtfertigt das einen Kontaktabbruch?!?
Genau das ist es, was ich nicht verstehe.
In der Realität von Nachbarssohn wird es etwas geben, das aus seiner Sicht einen Kontaktabrucht fechtfertigt und notwendig macht.
Aber warum zettelt er nicht einfach einen klärenden Streit an, setzt seine Mutter ordentlich auf den Pott, knallt ihr Vorwürfe an den Kopf und gibt ihr damit die Möglichkeit, Stellung zu beziehen und sich gegebenenfalls zu entschuldigen?
Der Sohn hat Gründe. Ob sie angemessen, unangemessen, völlig falsch oder absolut richtig sind, weiß eigentlich nur er. Möglich auch, dass er beeinflusst wurde und die Therapieperson unprofessionell ist. Möglich aber, dass er genau die Zeit braucht, um die Dinge für sich zu sortieren.
Was mich an der ganzen Sache am meisten stört, ist, dass er mit seinen Gründen nicht herausrückt und seine Mutter im Dunkeln tappen lässt.
Ich kenne ihn sein Leben lang. Das ist nicht seine Art.