Habt ihr vielleicht ein paar Tipps für mich?
Ich habe jetzt nicht alle 22 Seiten durchgelesen, aber bei so einer Frage fange ich generell erst mal ganz allgemein an und sage Dir, wie ich vorgehen würde. Schritte, die Du selbst bereits erledigt hast, einfach ignorieren. Ist nicht besserwisserisch gemeint, gehört aber in den Gesamtkontext:
Erstens: Bestandsaufnahme
Setz Dich ins stille Kämmerlein, schreib folgendes auf:
- linke Spalte: Eigentum (z.B. Immobilie) und Einnahmen (Gehalt, Miete, Zinsen, was auch immer).
- rechte Spalte:
Schulden (z.B. Hypothek)
Rückstellungen (für absehbare Zukunftsausgaben sowie für einen Sicherheitspuffer, inkl. eiserne Reserve)
Regelmässige Ausgaben
Rückstellungen und Augaben bitte immer auf den Monat runterbrechen.
Mit Rückstellungen meine ich nicht nur kurzfristige Ziele wie ein neues Auto, sondern alles, was Du in 5-10 Jahren tun willst - das kann auch eine Weltreise sein. Wann in etwa ist die geplant, wieviel wird das voraussichtlich kosten? Diese Summe dann erst auf den geplanten Zeitraum runterbrechen. Du musst jetzt schon monatlich was dafür zurücklegen, damit Du es Dir bis dahin leisten kannst.
Ziel ist zu ermitteln, wieviel Dir im Monat wirklich übrig bleibt. Denn an der Börses solltest Du grundsätzlich nur Mittel investieren, die Du nicht brauchst. Ansonsten leg es aufs Tagesgeldkonto - auch wenn Du unsicher bist. Gute Kaufchancen gibt es an der Börse immer. Sie laufen Dir nicht weg. Viel schlimmer ist, wenn Gier und Angst Dich schneller an die Börse treiben, als Du es Dir nachträglich leisten kannst.
Zweitens: Anlegertyp klären
Es gibt
Händler, die
spekulieren auf steigende oder (mit entsprechenden Instrumenten) sogar auf fallende Kurse. Das ist nichts Schlechtes, allerdings verstehe ich nichts davon. Daher kann ich Dir hier nur raten, entsprechende Ausbildungsgänge zu belegen, falls Du zu sowas tendieren solltest.
Dann gibt es noch die
Investoren. Die wiederum verfolgen unterschiedliche Ziele und entsprechend unterscheiden sich ihre Anlagehorizonte und -strategien. Wer jung ist, hat (hoffentlich) noch viele Jahrzehnte vor sich und kann in aller Ruhe monatlich was fürs Wertpapierportfolio tun. Wer im Ruhestand ist, will hingegen vielleicht auch Ausschüttungen sehen und achtet daher ganz anders auf Ausschüttungen oder Dividenden, was deren Höhe, Kontinuität und Steigerung betrifft ("Dividendenaristokraten").
Drittens: Frag Dich unbedingt, warum Du überhaupt investierst.
Welche Ziele verfolgst Du damit? Wo soll Dein Vermögen in 5, 10, 20, 30 Jahren angekommen sein? Planst Du es für Deine Nachfahren zu erhalten, willst Du auch im Ruhestand noch Dividenden sehen oder hast Du vor, es irgendwann auch wieder abzubauen und die entnommenen Mittel auszugeben, ehe Du das Zeitliche segnest?
Viertens: Pychologische Grundsätze verinnerlichen
Wirst Du es aushalten, wenn Dein Depot mal mit 50% oder mehr im Minus steht? Also nicht nur ein paar Wochen oder Monate, sondern vielleicht auch mal über ein, zwei oder mehr Jahre hinweg?
Wirst Du so überzeugt von Deinen Investments sein, daß Du in Crashs wie 2020 anläßlich der Pandemie historische Kaufchancen siehst und Deine Einstandskurse durch Nachordern runtermitteltst, oder bereitet Dir sowas schlaflose Nächte?
Wichtig ist tief zu verinnerlichen, daß Vergangenheit keine Zukunft garantiert.
Über ein Jahrzehnt lang sind die Börsen gen Norden gelaufen - also unterm Strich jedenfalls. Wer 2008 einfach nur einen thesaurierenden ETF auf den MSCI World , den S&P 500 oder schlicht ein paar Anteile von Berkshire Hathaway kaufte, brauchte sich eigentlich nur hinlegen und hatte bis 2025 nicht mal mit der Steuer was zu tun - seither werden ja im Januar Vorabpauschalen erhoben, also nicht auf BH, aber auf ETFs und Fonds. Kein Ärger mit Mietern oder untätigen WEG-Verwaltern - allenfalls ein etwas US-lastiges Klumpenrisiko, das sich aber durch gezielte Streuung in Ländern wie der Schweiz, Norwegen, Singapur, Australien/Neuseeland oder auch Indien wunschgemäss reduzieren lässt.
Wer sich den Dow Jones über die letzten 120 Jahre anschaut wird jedoch rasch erkennen, daß auch das Börsenleben gleich Wandel ist. Jedem Hoch folgen Tiefs - mitunter kann es auch mal "verlorene Jahrzehnte" geben. Die gute Nachricht ist: Bisher ist jedem Tief noch immer ein Hoch gefolgt und das fiel am Ende sogar höher aus, als das vorherige.
Aber nochmal: Nur weil das immer so war, heißt das noch lange nicht, daß es auch künftig so bleibt.
Denn niemand - wirklich niemand - kann Börsenentwicklungen vorhersagen. Auch Warren Buffet oder Charlie Munger, Ray Dalio oder Peter Lynch nicht - nur war es ihnen auch sehr bewusst, während andere den Markt zu schlagen können glauben.
Ich halte es daher für superwichtig, daß Du Dir erst mal klar wirst, was Du eigentlich an der Börse willst und wie Dein Portfolio nach einer gewissen Zeit ausschauen soll. Also nicht nur im Hinblick auf unternehmerische Risiken (falls du in Einzeltitel zu investieren gedenkst), sondern auch auf markt-, währungs-, branchen- und liquiditätstechnische, sowie auf Emittentenrisiken (wenn Du in ETFs oder Fonds statt in Einzeltitel investierst).
Fünftens: Zeit und Interesse klären
Wieviel Zeit willst Du an der Börse verbringen? Macht es Dir Freude, Dich mit Weltmärkten und Unternehmen zu befassen oder willst Du einfach nur regelmässig Geld in einen ETF- oder Fondssparplan stecken und ansonsten möglichst Deine Ruhe haben? Bedenke bitte, daß gerade in Welt-ETFs mitunter eine große Portion "Sonstiges" enthalten ist, die auch viele Looser mit sich bringen kann. Aktiv gemanagte Fonds hinnehmen schneiden a) nicht unbedingt besser ab und sind b) meist gebührenträchtiger. Einzeltitel wiederum erhöhen den Zeitaufwand natürlich beträchtlich. Allerdings kannst Du Dir damit Dein ganz eigenes Portfolio zusammenstellen - auf Deine Ziele maßgeschneidert. Gehst Du zum Berater, wird man Dir hingegen schematisierte Lösungen anbieten - natürlich ohne Gewähr, versteht sich.
Sechstens: Tools
Ich kann Portfolio Performance empfehlen. Es ist kostenlos im Netz herunterladbar und hat mich seit mittlerweile 8 Jahren noch nie hängenlassen. Hätte ich es heute nochmal zu tun, würde ich damit erst mal ein Musterportfolio anlegen - mit simulierten Käufen, um genau zu sehen, wie es irgendwann mal ausschaut, wenn alle Investments getätigt sind. Binnen Sekunden erhältst Du Auswertungen nach Regionen, Branchen, Währungen, oder weiteren Klassifizierungen, die Du übrigens auch selbst anlegen kannst. Ich z.B. werte auch nach Emittenten aus, also "Wieviel habe ich bei BlackRock, bei Vanguard, bei dem und dem...?". Denn mir ist Diversifikation auch in der Hinsicht sehr wichtig.
Es gibt auch andere Tools, Paquet z.B. - kostet aber und letztlich ist man dann abhängig vom Provider. Ein Vorteil könnte die Direktanbindung an Echtdepot sein, was Eingaben und damit viel Zeit erspart.
Mit DivvyDiary kannst Du Dividendenausschüttungen super vorab verfolgen. Über einen API-Schlüssel läßt das mit Portfolio Performance geführte Depot sich binnen Sekunden dorthin hochladen und aktualisieren.
Siebtens: News
Börsennewsletter abonniere ich persönlich keinen, aber diversen Podcasts lausche ich regelmässig. Den von Dr Markus Elsässer mochte ich am liebsten, aber leider hat er sich vor einiger Zeit weitgehend zurückgezogen. Der Blog "Divantis" von Ben Warje gefällt mir recht gut, denn er verfolgt einen ähnlichen Anlagestil wie ich und seine Berichte sind sehr sachlich (er war früher mal Banker).
Natürlich verfolge ich regelmässig die Nachrichten zu den von mir gehaltenen Einzeltiteln. Darüber hinaus gibt es Börsenclubs, etc. - ich selbst tausche mich nie mit jemand über mein Vermögen aus und gehöre schon deshalb keinem an. Zu groß mein Misstrauen, an die falschen Menschen zu geraten.
Wenn Du einen langfristigen Horizont hast und nicht in Einzeltitel, sondern in ETFs und Weltfonds investierst, brauchst Du Dich von Nachrichten nicht ständig beeinflussen zu lassen. Wie gesagt: Jedem Tief ist noch immer das nächste Hoch gefolgt und auf lange Sicht wurde es unterm Strich stets besser denn je. Also immer schön optimistisch bleiben, einen langen Atem wahren - und das investierte Geld nicht benötigen, um über die Runden zu kommen.
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