Und ich ärgere mich, dass sie diese Morallosigkeit meinen Kindern vorlebt.
Zum Beispiel die Besuche bei meiner beeinträchtigten Tochter. Sie werden mit meiner Ältesten reden nach dem Motto, wenn dir das nicht gut tut, sie zu besuchen, dann lass es einfach. Aber bestimmt sagen sie ihr nicht so ein altmodisches Zeug wie, nimm dich zusammen und denke daran, wie es deiner Schwester geht, im Gegenteil.
Wer weiß, so ein "Experte" würde mir vielleicht auch einreden, dass ich meine Tochter besser im Stich lassen sollte, wenn es mir dann besser geht….das war jedenfalls so in etwa das, was mir meine Mutter dazu "geraten" hat.
Oh je. Ich verstehe Dich. Deine Mutter ist aber nicht Deine Therapeutin!
Und einreden will ein/e gute/r Therapeut/in Dir auch nix. Der/Die will Dir helfen, Deine schon in Dir angelegten Lösungsfähigkeiten (wieder) zu finden, weiter zu entwickeln, ggf. zu ergänzen und anzuwenden, das gleiche mit Bewältigungsstrategien für das Klarkommen mit belastenden Erlebnissen, die wir objektiv nicht mehr ändern können.
Hey, vielleicht gibt's ja nicht nur schwarz-weiß?
Also früher war Moral, Zusammenreißen, alles geben bis man/frau zusammenbricht, Recht auf eigene Bedürfnisse nahe Null.
Jetzt ist Selbstverwirklichung angesagt um jeden Preis, nur die eigene Bedürfnisse zählen, die anderen sollen gucken wo sie bleiben, kalte Herzen, kalte Welt.
Dazwischen gibt's haufenweise Grautöne und vor allem viele bunte Farben, in denen DU Dein Leben gestalten darfst - zu Deinem Wohl UND zu dem Deiner Kinder und sonstigen Mitmenschen.
Aber damit Du das wieder kannst und nicht unter der Fuchtel eines Wusts aus Schuldgefühlen und -zuweisungen, Hass, Trauer, Enttäuschung, Ansprüchen, Idealen, Empörung, Erschöpfung usw. stehen musst, brauchst Du eine Person, die nicht persönlich in Deine Angelegenheiten involviert ist und dazu ausgebildet ist, Menschen zu helfen beim Entwirren und Bearbeiten und Verarbeiten.
Eine Therapie beeinflusst Dich selbstverständlich (sonst wäre sie überflüssig), aber sie ist doch keine Gehirnwäsche, die Dich dazu bringen will, all Deine Werte über Bord zu werfen.
Du kannst zu Beginn Ziele definieren und auch abklopfen, ob Dein Wertesystem mit dem der Therapeutin zusammenpasst.
Das sind ja auch nur Menschen, und zwar sehr unterschiedliche - zum Glück. Da findest auch Du jemanden, dem Du Dich anvertrauen kannst.
(Ich empfehle Dir jemanden mit viel Erfahrung und mit Kenntnissen im Bereich Schematherapie und unbedingt systemischer Ausrichtung.)
Voraussetzung ist natürlich immer, dass Du bereit bist, auch an unbequemen Themen zu arbeiten und natürlich auch stellenweise Deine bisherige Sicht- und Herangehensweise zu hinterfragen.
Wenn Du so, wie Du momentan tickst, klar kommen würdest, wäre ja alles in Ordnung.
Verstehst Du, was ich meine?
Natürlich ist mir klar, dass viel von Deinem/Eurem aktuellen Leid durch Fehler anderer Leute entstanden ist oder verschärft wurde, und dann kam sicher auch noch Pech dazu.
Aber an alledem kannst Du nichts ändern
Ändern kannst Du allein Dich selbst und Deinen Umgang mit dem, was passiert ist.
(Damit ist natürlich NICHT gemeint, dass es nur um Dich geht, wenn die Schuldfragen auf dem Tisch liegen!)
Ein komplexes System, wie eine Familie es ist, ist wie ein Mobile: alle Teile hängen irgendwie zusammen, mindestens indirekt, und wenn sich an einer Stelle etwas deutlich verändert, bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf die anderen Teile.
Sei mutig, fang an Dich zu bewegen. Um Deinetwillen UND fürs "große Ganze".
Such Dir jemanden außerhalb vom Mobile, der/die mit der Perspektive von außen helfen kann, dass Du Dich nicht länger im Kreis drehen musst, sondern gute und heilsame Bewegungen machen kannst.
Du bist ja schon dabei! Aber Du musst und solltest da nicht alleine durch.