Nordrheiner
Sehr aktives Mitglied
Wenn Du mit "Gleichgültigkeit und Selbstgerechtigkeit" meinst, daß ich mir nicht zwanghaft sämtliche Stiefel fremder Leute anziehe, weil die gefälligst selbst in ihrem Schuhwerk laufen sollen, dann hast Du Recht.
Natürlich meine ich das nicht.
Drehen wir doch mal die Sache um. Du vermittelst den Eindruck, dass Du Dich nur und eventuell dann für den Nächsten interessierst, wenn er halb verhungert vor Deiner Haustüre oder Wohnungstüre liegt.
Möglicherweise lebst Du ganz isoliert, vielleicht irgendwo versteckt mitten im Wald. Dort gibt es niemandem, der evt. Hilfe in welcher Art und Weise auch immer, gebrauchen könnte. Auch kann Dir im Wald niemand etwas Ungerechtes tun - und somit ergibt sich für Dich auch nicht die Frage, ob es jemanden gäbe, dem Du etwas zu verzeihen hättest. Und da Du isoliert lebst, triffst Du auch auf keinen Menschen, dem Du einen Schaden zufügen könntest. Somit hat niemand Dir etwas zu verzeihen. Alles sehr bequem.
Hinsichtlich der Örtlichkeit sicher jetzt eine Übertreibung von mir. Aber nur hinsichtlich der Örtlichkeit, richtig?
Wem ein Stiefel nicht paßt, der soll ihn nicht anziehen, statt über Blasen an den Füßen zu jammern. Ich verdiene mir mein Geld selbst, bin von niemandem abhängig, hab meine Hobbys und Interessen, und der Tag hat nur 24 Stunden, und zwar jeder einzelne. Das beschränkt mein Interesse an den Problemen anderer Leute automatisch. Wenn ich um Hilfe gebeten werde oder ein Problem sehe, das ich mit meinen beschränkten Mitteln und ohne großen Aufwand lösen kann, dann tu ich´s, aber das Leid und die Dummheiten der ganzen Welt lasse ich mir nicht aufhalsen, von niemandem. Wie hat dieser König mal gesagt, "Der Staat bin ich"?
Dieser Ausspruch wurde fälschlicherweise Ludwig XIV zugeschrieben. In Wirklichkeit prägte er das "Lever du roi" also das morgendliche Aufsteh-Ritual, bei dem er jeden Morgen von 200 Personen gehuldigt wurde. Würde Dir sicher auch gefallen.
Ich bin weder König noch Staat noch Millionär, auch nicht Stadtteil oder Firma oder Hausbesitzer oder Autobesitzer. Ich erkenne die Mittel, die ich habe, und auch die, die ich nicht habe, so realistisch bin ich. Foren wie dieses halte ich für eine nützliche Sache, weil jeder Tipp, den ich hier jemand mit einem bestimmten Problem geben kann, auch von hundert anderen, die zwar das gleiche Problem haben aber nicht extra mitschreiben, gelesen und angewendet werden kann. Das nenne ich Effektivität. Tipps zur Selbsthilfe gibt´s umsonst, aber machen muß der Empfänger dann schon selber, pampern und verhätscheln werde ich niemanden (das, was manche Leute mit "sozialer Verantwortung" verwechseln? Es liegt sich ja so gut in fremden Hängematten...). Aber wenn jeder zuerst mal vor seiner eigenen Tür kehrt, wird die Stadt auch sauber...
Hallo, Dagoa,
wenn ich so Deinen letzten Absatz lese, dann könnte man meinen, Du wolltest als Vorbild für die Menschheit dienen.
Effektive Hilfe zur Selbsthilfe ist sicher gut. Tatsächlich muß man als Starker auf Schwache zugehen. In sehr vielen Fällen ist Hilfe in Form von "Tipp geben" so hilfreich, als ob Du einem Baby Windeln, Puder, Öl und Pflegeanleitung hinlegst und es aufforderst, alles selbst zu tun. Ich habe was vergessen: Zeige dem Baby, wo es seine Altwindel mit seiner Sch...ße entsorgen kann. Dir das als Aufgabe aufhalsen zu wollen, ist eine echte Zumutung.
Jetzt könnte man sagen, dass ich mit diesem Baby-Beispiel übertreibe. Nein, tue ich nicht. Es gibt zuviele Erwachsene, die angesichts ihrer Probleme völlig hilflos sind. Diesen Erwachsenen ist nicht mit einem Tipp geholfen.
Und ich komme nochmal auf meinen blauen Text nach Deinem ersten Absatz zurück. Ich denke schon, dass viele Erwachsenen ein ordentliches, fleißiges, anständiges, moralisch vorbildliches Leben führen. Jedoch nur zu leicht übersehen viele dieser Menschen, dass unterlassene Hilfeleistung, Verweigerung der aktiven Übernahme von Verantwortung für Mitmenschen sie zu lieblosen, kaltherzigen Menschen macht. Auch wenn Du Agnostiker oder Atheist bist, kennst du das Gleichnis im NT des barmherzigen Samariters?
Immer wieder kommt es zu Ereignissen, wie im Dritten Reich. Damals lebten Millionen Deutscher Tür an Tür mit Juden, mit politisch andersdenkenden Menschen, mit religiösen Menschen unterschiedlicher Religionen. Jeder war ein Vorbild und kehrte nur vor seiner Türe. So fiel vielen Deutschen die 38 KZ'S (Hauptlager) nur in Deutschland mit den über 100 Außenlagern nicht auf.
Und als die Nachbarn verhaftet wurde, blieben die meisten Deutschen ruhig und kehrten nur vor ihrer Türe (= Dein Ausdruck). Wenn nicht gerade vor Deiner Wohnungs- oder Haustüre ein Mensch zusammenbricht - würde Dir dieser Mensch nie auffallen, oder?
Jetzt könnte man meinen, ich wollte Dir eine Standpauke halten und Dich zu einem besseren Menschen erziehen. Nein, das wäre Anmaßung. Ich bin kein besserer Mensch. Ich habe lediglich festgestellt, dass das aktive Zugehen auf Menschen, die in irgendeiner Weise hilfsbedürftig sein könnten, dazu führt, dass ich in dem einen oder anderen Fall selbst kompetent bin - und in anderen Fällen ich den Hilfsbedürftigen an eine andere Person verweisen muss. In den Fällen, in denen ich den Hilfsbedürftigen an eine andere Person verweisen muß, kann ich immerhin noch meine Begleitung anbieten. Und in den Fällen, in denen ich selbst zur Hilfeleistung kompetent bin, tue ich es auch. Durch meine Einstellung erlebe ich viel Freude. Ich meine damit nicht, dass mir evt. dankbare Menschen um den Hals fallen. ich meine damit, dass ich innerlich Freude erfahre. Es ist mir so, als ob jemand eine Kerze in meinem Herzen angezündet hätte. Und die dadurch erfahrene Wärme ist mir Dank genug.
Und ähnlich geht es mir mit dem Verzeihen.
LG, Nordrheiner