Als Familienangehörige kannst du gar nichts machen. Stelle ihm ein Ultimatum: Entweder hört er die Sauferei auf oder er kann sich eine Wohnung suchen. Er muss selber ganz unten ankommen, damit er etwas ändert. Er muss die Einsicht haben, dass es so nicht mehr weitergeht.
Hat leider nicht funktioniert.
Hey Du,
Schön dass du hier schreibst!
Ich finde, da sind zwei ganz wichtige Ebenen mit drin.
Zum einen dein Bruder, dessen Situation mich ehrlich gesagt auch etwas berührt & bedrückt. Was ich lese klingt für mich nach traumatischer Kindheit (?), sein Partner ist vor kurzem verstorben, dazu evtl noch unbehandeltes ADHS oder zumindest eine vergleichbare Symptomatik, was auch nicht unbedingt einfach ist.
Da klingt es für mich tatsächlich noch im Rahmen, also ich weiß nicht, wie ich drauf wäre, wäre mein Partner kürzlich verstorben, Umzug, blöder Job, etc. Der Alkoholkonsum klingt natürlich trotzdem bedenklich & gesundheitsschädlich und spätestens an den Punkten, an denen es euer Zusammenleben beeinträchtigt habe ich auch vollstes Verständnis dafür, dass du massiv darunter leidest.
Ich könnte mir vorstellen, dass du sowohl Wut und Angst fühlst, dich durch die Probleme deines Bruders erdrückt fühlst & gleichzeitig große Sorge hast, so in etwas schilderst du es ja auch.
Könntest du dir vorstellen, dich an eine Suchtberatungsstelle zu wenden? Dort werden auch Angehörige beraten, ohne Konsequenzen, kostenlos, auf Wunsch anonym. Eine solche Beratungsstelle müsstest du im Internet finden, wenn du Suchtberatung+ Stadt/Gemeinde bei Google eingibst.
Ich denke, die ganze Situation ist sehr komplex & ich glaube es wäre gut, wenn du Hilfe bekommst, um für dich zu ordnen, was du tun willst, ob ihr Lösungen miteinander findet oder wie ein Auszug möglichst gut für euch beide über die Bühne gehen könnte.
Eine traumatische Kindheit hatte er sehr wahrscheinlich zumindest teilweise. Hier was ich aus Erzählungen meiner verstorbenen Mutter weiss:
Er war wie gesagt schon immer verhaltensauffällig und nicht beschulbar, da er immer von der Schule abgehauen ist, schon als Erstklässler. Nachdem mein Bruder zurückgestuft und nochmal eingeschult wurde, flog er von vielen Schulen und das Jugendamt schaltete sich ein, er wurde immer mal wieder aus der Familie genommen und weil es keine Schulen mehr gab, landete er sogar für ein halbes Jahr oder Jahr in der Kinder und Jugendpsychiatrie (unmöglich die 80er oder?), dort versuchte ein älterer Junge ihn zu missbrauchen, aber mein Bruder konnte der Situation entkommen.
Weitere Erinnerungen aus dieser Zeit hat mein Bruder nicht, er hat es nach eigenen Angaben verdrängt, aber es muss im Unterbewusstsein sein, da er jede Nacht etwas träumt und im Schlaf wimmert, sich aber nicht daran erinnert.
Jedenfalls gab es da noch einen Freund meiner Mutter der ihn als neunjährigen kopfüber aus dem Fenster baumeln liess und ebenfalls mit neun Jahren kam er dann in eine Kinder und Jugendwohngruppe bzw. in mehrere in denen er aufgewachsen ist.
Mein Bruder hat aus dieser Zeit aber nur positives zu berichten.
Was uns aber eint, ist dass wir mit einer Mutter aufgewachsen sind, die psychisch krank und narzisstisch war und die nicht lieben konnte.
Mein Bruder erzählte einmal, dass er sich wohl früher absichtlich daneben benahm um Aufmerksamkeit und Zuneigung zu bekommen.
Seinen Vater kennt er nur aus Erzählungen, da dieser schon vor seiner Geburt durch Leichtsinn unter Alkoholeinfluss im Alter von 29 Jahren gestorben ist, wuchs also ohne Vater auf.
Auch im Erwachsenenalter ist mein Bruder verhaltensauffällig, er macht kindische Witze, freut sich wenn er Dinge oder in Gegenwart von anderen Menschen pupst, ärgert gerne, hat keinen Respekt vor Autoritäten und würde am liebsten mit erhobenenem Mittelfinger durchs Leben gehen, sich wie ein pöbelnder Teenie benehmen, ist sehr reizbar und schreit schnell rum. Mein Bruder ist nahezu stolz drauf, dass er andere Menschen so anschreien kann, dass sie zutiefst erschüttert sind.
Als er noch seinen Freund hatte und in seiner alten Stadt wohnte, bestand sein Leben aus Arbeiten und Ausgehen mit seinem Freund und Parties mit den Kumpels. In der Arbeit war er der beliebte Kasper, der seine Arbeitskollegen geärgert hat. Fragt man meinen Bruder wodurch er sich definiert, wäre die Antwort das ständige Feiern gehen und eine Beziehung.
Ich weiss zwar nicht ob es dabei einen Zusammenhang gibt, aber seine Partner sind meistens so alt, dass sie sein Vater sein könnten.
Heute habe ich wieder versucht mit ihm zu reden, er hatte mir erzählt, dass das Trinken und Zocken eine Realitätsflucht ist, weil er so leben möchte wie in seiner alten Stadt und das hier auf dem Dorf so nicht klappt. Eben ist er wieder los um Alkohol zu kaufen.
Immerhin:
Mein Bruder möchte seinen Roller verkaufen und wieder ÖPNV nutzen. Das ist zwar beunruhigend aber wenigstens vernünftig.