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Wovor habt IHR Angst?

Am meisten Angst habe ich vor einem schmerzhaften Tod. Also auch ein lange, schmerzhafte Krankheit davor. Dann macht mir Angst, leidenden Liebsten, Mensch oder Tier, in Not nicht helfen zu können. Ansonsten haben sich viele Ängste im Laufe des Lebens verflüchtigt. Im Grunde waren sie wirklich unnötig.
 
Ich habe eine Mutter, die extrem angstbesetzt ist. Keine Ahnung, woher das kommt; vermutlich spielt auch der Krieg eine Rolle, den sie als Flüchtlingskind miterlebt hat. Denke ich an meine Kindheit zurück, war die zwar größtenteils recht schön. Viel zu oft hieß es aber doch "Pass auf, dass..." "Mach bloß jenes nicht, sonst..." Sei vorsichtig bei..." Ich hatte die Wahl, entweder genauso gaga und panisch zu werden, alles zu durchdenken und immer den worst case anzunehmen. Oder aber mich dagegen zu stemmen - und das habe ich letztlich auch gemacht.

Ängstlich bin ich eigentlich einzig, wenn es um mein Kind geht. Da geht es wohl vielen so: Wenn man ein Kind bekommt tickt man plötzlich anders, wird weicher und sorgt sich mehr. Wenn meine Tochter also mal etwas außer der Reihe macht fühle ich schon ein gewisses Unwohlsein und meine Gedanken denken weiter, als ich das möchte.

Ansonsten nehme ich das Leben aber so, wie es kommt und durchdenke nicht alle möglichen schlimmen Szenarien. Mit Ende 50 habe ich natürlich auch schon blöde Dinge erlebt, bin aber wie eines dieser Stehaufmännchen und habe über die Jahre die Zuversicht entwickelt, dass - egal, was kommt - es doch immer irgendwie weitergehen wird. Bisher habe ich das alles sogar ganz gut gewuppt und bin sehr zufrieden mit (fast) dem Verlauf meines Lebens. Wo andere hadern und zetern würden habe ich für mich einen guten Weg gefunden. So richtig haut mich daher nichts um; das lasse ich einfach nicht zu. Nennt man glaube ich Resilienz. 😎

Dennoch gibt es mittlerweile doch ein paar Dinge, die mir überhaupt nicht gefallen und die mir Unbehagen bereiten. Das sind natürlich diese furchtbaren Unruhen auf der Welt, die mit der Ukraine zum ersten Mal so richtig nah an Deutschland herangerückt sind, dass man sie nicht mehr ignorieren kann. Auch dass es wirtschaftlich in Deutschland überall bergab zu gehen scheint stimmt mich ein bisschen unruhig. Selbst die Jobs bei meinem Arbeitgeber sind nicht mehr sicher; vor Jahren noch undenkbar. Mein Coping-Mechanismuss "Et hät noch immer joot jejange" läuft nicht mehr ganz so smooth - tief im Inneren hoffe ich natürlich aber immer noch darauf.

Das einzige, was ich wirklich ätzend finde und was einer Angst nahe kommt, ist die Perspektive des Alt- und Krankwerdens. Hier sehe ich leider viele Beispiele, dass Altwerden nichts für Feiglinge ist. Wenn ich also etwas nennen sollte, ist es tatsächlich die Perspektive, wie es mit mir mal zu Ende gehen wird. Ab einem gewissen Punkt wird es gesundheitlich leider nicht mehr besser, das sehe ich gerade an meiner Mutter. Ihre Schmerzen möchte ich nicht haben und auch nicht immer stärker in meiner Mobilität und wunderbaren Unabhängigkeit eingeschränkt werden. Ich versuche also, diese Phase so gut es eben geht, durch eine gesunde Lebensweise nach hintenn zu schieben und hoffe darauf, dass - wer auch immer letzten Endes darüber entscheidet - der mich einfach umkippen lässt und es das dann war.

Aber ansonsten Angst.. nö..
 
Angst, dass jmd. aus meiner Familie was schlimmes zustösst.
Angst vor Krebs
Angst vor Krieg
Angst vor Schmerzen
Angst um (meine) Tiere
Angst vor Verlust von Mensch, Tier, HabundGut, Obdach, Sehkraft
Angst nicht (mehr) so leben zu können wie ich möchte
Angst vor einer rechten Regierung
Angst vor einer Wiederholung der NS Zeit
 
Als Mensch mit diversen Angststörungen könnte ich jetzt den ganzen Tag durchschreiben,
Damals, als ich die ganzen Ängste niedergeschrieben habe, da habe ich sie angefangen zu hinterfragen.

Das Erste, was ich gemacht habe, ich habe mich in der Nacht auf eine Ecke zubewegt, die total finster war und unheimlich, das war ein Waldstück. Bei mir kam keine Angst auf, auch kein mulmiges Gefühl.
Gleich drauf hakte ich die nächste Hürde ab, die mir unmöglich schien- ich sprang vom Dreimeterturm, das war, wie wenn ich in den Tod springe, so extrem Angstbesetzt. Aber kleine Kinder neben mir hatten diese nicht, sie zögerten keine Sekunde und hatten offenbar Spaß. Ich schaffte es, aber betete dabei.
Mein Bestreben war, hör auf, dich dauernd einschränken zu lassen- was du fürchtest, machs. Das habe ich gelesen in einem Buch und es half mir damals sehr, sehr.
Bei einem Event gabs die Gelegenheit, das Mikrofon zu ergreifen und da dachte ich, jetzt, melde dich, halte es aus- siebenhundert Saalgäste- kennt das jemand? ..der Gipfel von Mutprobe war das für mich damals und dann musste ich noch aushalten, dass der nächste Redner meine Rede derart ins Lächerliche gezogen hat, dass ich am liebsten verkrochen wäre. Angeblich geht das bei jedem Versuch besser, beim dritten, vierten Mal soll man schon drüber sein über diese schrecklichen Gefühle.

Bevor ich den Löffel abgebe möchte ich noch einige dieser Hürden meistern und mich überwinden und aushalten lernen, was ich an Horror ausdenke.
Heute habe ich Besuch, den ganzen Tag war unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen, es war so viel los.
 
Also ich bin insgesamt dankbar für meine Fähigkeit zur Angst.
Mir kommt vor, die Angst machte, dass ich so lebe, wie ich heute lebe. Dazu gehören geordnete Finanzen, Listen machen, damit ich nichts übersehe, ein Zaun um mein Grundstück und hohe Bäume und Sträucher rundherum, nur drei beste Freunde, mich nicht mehr einmischen in "Erfolgsangebote"... also ich habe einfach gründlich abspecken müssen, um mich sicher zu fühlen und halbwegs ohne Gefahr leben zu können, dazu gehört auch brav sein, im Sinne von ehrlich, höflich, sittsam.
Ich bin so oft an die Wand geklatscht, dass ich vor lauter Angst, wieder so lausig zu fühlen, viel rausgeschnitten habe aus meinem Wollen und Trachten. Die Angst hat mich eindeutig kürzer gemacht, auf ungefähr Normalmaß- einen Meter 69 cm...
 
Hallo liebe Forumsteilnehmer, mich würde interessieren, ob es euch ähnlich geht, was Ängste betrifft, welche davon plagen euch, welche mich, welche uns?
Auf diese Frage bin ich gekommen wegen Santino, dieser hat beschrieben, welche konkreten Befürchtungen er hegt und da habe ich bemerkt, Krebs, ja, Krebsangst habe ich auch.
Einmal, da habe ich mir die Mühe gemacht und alle Ängste, die ich kenne niedergeschrieben, das war eine sehr lange Liste.
Vielleicht fürchten wir eh alle das Gleiche- weil...bei dieser Liste praktisch jede Angst, die mir eingefallen ist, auch eine von meinen war. Es kann ja sein, dass wir jeder dasselbe fürchten, der eine mehr, der andere weniger.

Was für ein interessanter Thread, liebe @Holunderzweig, dem ich gerne folgen möchte.
 
Mir kommt vor, die Angst machte, dass ich so lebe, wie ich heute lebe. (...)

Das ist eine spannende Erkenntnis, @Holunderzweig . Viel von dem, was du schreibst, kann ich für mich auch unterschreiben. Es gibt ja den klugen Ausspruch von Rainer Maria Rilke:
Unsere größten Ängste sind die Drachen, die unsere tiefsten Schätze bewahren.
– das habe ich auch immer wieder zum Anlass genommen, die "Drachen" auszutesten und dabei gemerkt, dass in der Regel der Drache weggeht, wenn ich ihm nur nahe genug komme.

Und wie du das geschrieben hast mit deiner Rede: Finde heraus, was du nicht kannst und dann lass' es! 🙂 ... habe auch viele Sachen probiert, die eigentlich "aus Angst" zu vermeiden wären. Bei manchen gemerkt: Kann ich, es klappt und dann weiter gemacht. Bei anderen eben: Ne, doch nichts für mich und wieder damit aufgehört.

Und ähnlich der Satz “Wo die Angst ist, da geht es lang” von Günter Ammon, den ich in einem Film mit Bjarne Mädel gehört habe. Das gilt natürlich nicht für jeden und für jede Situation, aber als Option durchaus interessant. Anscheinend verwechseln wir oft eine Angst mit einer ernsten Warnung – sie ist wohl oft auch einfach ein Anzeiger dafür, dass wir an eine Grenze gelangen. Aber das sagt nichts darüber aus, was denn hinter dieser Grenze wartet. Und über diese Grenze muss ich ja nicht gleich körperlich-real gehen, ich kann sie auch mal gedanklich überschreiten und mir vorstellen, was dann passieren könnte (Gutes wie Schlechtes) – und dann entscheiden, ob bzw. was ich tatsächlich wage.
 
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