Liebe Lillemaya,
weißt du, ich habe über Menschen und über das Freundesein in den letzten Jahren sehr viel gelernt. Wenn du mich fragst, dann leben wir alle, jeder für sich, in einer seiner eignen Blase und es ist unheimlich schwer, aus dieser eigenen Welt herauszutreten und manchmal noch schwerer, das Gegenüber mit all seinen Gefühlen und Wahrnehmungen zu verstehen. Stell dir zwei Kreise vor, die sich an einer Stelle leicht überlappen. Es wird dir trotz aller Anstrengung niemals möglich sein, aus deinem Kreis heraus in den anderen hineinzusehen. Es gibt Gemeinsamkeiten, aber auch sehr vieles, was uns von anderen Menschen trennt. Im Prinzip sind wir jeder für sich mit unterschiedlichen Gefühlen, Erfahrungen und Wahrnehmungen. Niemand kann wirklich in uns hinein schauen und so bleibt uns oft nur übrig, die Dinge zu interpretieren, sie mit unseren Vorstellungen und Empfindungen abzugleichen.
Heutzutage, oder vielleicht war es schon immer so, muss alles perfekt sein. Der Job, der Partner, die Freundschaften. Aber wer ist dies schon? Wer ist schon in jeder Lebenslage perfekt und reagiert immer so, wie es das Ideal vorgibt? Wer das von sich behauptet, dem traue nicht. Denn wir sind alle im Umgang mit anderen fehlbar, denn wir sind nicht der andere und können und sollten dies auch nicht sein. Und es gibt Situationen im Leben, da reagiert man vielleicht nicht immer so, wie es vorbildhaft ist. Auch das ist menschlich! Wenn gesagt wird, die Umstände spielen keine Rolle, dann erachte ich dies als falsch. Denn es sind die Umstände, die auf uns einwirken und zusammen mit unseren Erfahrungen und Erwartungen bestimmen sie auch unser Handeln.
Ich bin mir daher sicher, dass du wahrscheinlich nicht immer mit Kraftausdrücken um dich schlägst und bestimmt auch hier und da sehr liebenswert sein kannst. Und in Situationen, in denen dir dies nicht mehr gelingt, hinterfrage dich, warum das so ist?
Ich hatte eine sehr gute Freundin. Viele Jahre waren wir unzertrennlich. Wir waren immer ehrlich miteinander. Später in einem Verfahren habe ich erfahren, dass sie es war, die mich an einen sehr bösen Menschen verriet. Sie ließ diesen Menschen wissen, wo ich wohnte, wo ich mich aufhielt, etc. Als dies heraus kam, ist für mich diese Freundschaft gestorben. Ich fühlte mich schrecklich. Sie versuchte sich zu erklären. Sie war damals gerade in Familienplanung und wurde schwanger. Diese Verletzung aber saß so tief, dass ich gar nicht verstehen wollte, warum sie das getan hat. Ich brach den Kontakt zu ihr komplett ab und reagierte auf ihre Versuche sich zu erklären nicht mehr.
Viele, viele Gespräche hat es gebraucht, bis ich ansatzweise verstanden habe, was da passiert ist. Dass eine werdende Mutter ALLES tut, um ihre Familie zu schützen - selbst wenn dies Verrat bedeutet. Ich habe mit vielen Müttern gesprochen, die genauso gehandelt hätten in ihrer Situation, die von mir, die dadurch extrem zu schaden gekommen ist, Verständnis erwarteten. Und ich habe mit kinderlosen gesprochen, die anders als die Mütter, meine Enttäuschung und Verletzung sehen. Da wurde mir bewusst, es gibt Dinge, in die kann man sich nicht hineinfühlen und denken und diese Dinge machen es manchmal schwer.
In dieser Zeit habe ich zugleich meinen besten Freund verloren. Umgekehrt, wandte er sich von mir ab, weil ich, ganz gleich wie meine damals beste Freundin, mich und meine Familie schützen musste. Das traf mich schwer, denn ich mochte ihn als Mensch wirklich sehr. Doch auch ich machte Fehler, weil ich nicht aus meiner Haut konnte. Fehler, die ihn wahrscheinlich ähnlich verletzten, wie das Verhalten meiner damals besten Freundin mir gegenüber. Aber war es ein Fehler? Es war notwendig in unserer kleinen, eigenen Welt...
Und weil ich damit nicht umgehen konnte und weil ich mich vor schweren Verletzungen schützen will, zeige ich mich heute sehr hart, was ihn und auch sie betrifft. Ich lasse nicht mehr durchblicken, wie sehr mir diese Menschen im Leben fehlen und wie wichtig sie mir waren und noch immer sind, damit ich nie wieder so verletzt werde. Das nennt sich dann wohl Selbstschutz.
Dieser Selbstschutz, liebe TE, ist es, was unser Herz verhärten lässt und der dann bei dem Gegenüber nur schwer einzuordnen ist. Er greift dann, wenn Grenzen überschritten wurden. Diese Grenzen legt aber wieder jeder für sich selbst fest und leider werden sie uns erst dann bewusst, wenn es zu spät ist.
Für mich gibt es kein Zurück mehr in diese Freundschaft zu meiner besten Freundin, denn das Fundament ist für mich mit dieser Grenzüberschreitung gestorben und die Verletzung sitzt zu tief. Aber für mich gibt es heute ein Verständnis dafür, warum sie das getan hat. Das ist viel Wert. Denn es hat mir gezeigt, dass wir alle doch nicht aus unserer Haut können und es daher ein großes Glücksspiel ist, wenn eigene Wünsche, Bedürfnisse, Erfahrungen und Werte mit dem des Gegenüber über Dauer und über äußere Umstände hinweg übereinstimmen.
Was ich sagen will: gehe nicht zu hart mit dir ins Gericht. Du bist Mensch, so wie wir alle dies sind. Und manchmal bedarf es den guten Willen beider Seiten, eine Freundschaft trotz aller Widrigkeiten, nicht aufzugeben. Es bedarf das Sehen des anderen, das Verstehen des anderen und das heraustreten aus seiner eigenen Welt, seinen eigenen Verletzungen, seinem eigenen Schmerz. Gelingt das nicht, kann es schnell passieren, dass Freundschaften "toxisch" werden. Wir fühlen uns nicht mehr verstanden. Die wenigsten sind aber dazu fähig und bereit. Das ist das Leben und das Menschsein und das tut manchmal auch sehr weh.
Ziehe weiter, wenn eure Kreise sich getrennt haben. So wie Seifenblasen. Und behalte das, was euch mal verbunden hat in Erinnerung.
In echten Freundschaften kommt es darauf an, was euch verbindet und nicht auf das, was euch trennt. Gibt es keine Verbindung mehr, ist diese Verbindung gestorben, dann lass sie gehen.
Eine Freunschaft zu halten, wenn alles gut im Leben läuft, ist leicht. Das kann jeder. Eine Freunschaft zu halten, wenn es nicht so rund läuft ist eine Kunst und verlangt Verständnis, Annahme und auch die Fähigkeit zu verzeihen.
Alles gut dir.