Liebe Piepmats,
ich kann nachvollziehen, daß es weh tut, den Blick von außen zu sehen.
Aber der mangelnde Kontakt zwischen euch Eheleuten geht ja schon deutlich länger als 1 Jahr.
1 Jahr lebt Ihr nun schon getrennt, weil Du das Schweigen zwischen Euch, das ja schon vorher bestand, nicht mehr ausgehalten hast.
Jetzt konzentrierst Du Dich auf das Verstehenwollen. Wünschst Dir so sehr, daß er nicht nur verbale Signale sendet, sondern Taten folgen lässt. Wieder zu dem fürsorglichen Ehemann wird, der er mal war.
Ich kann diesen Wunsch sehr gut nachvollziehen. Aber ich fürchte, er führt Dich in eine Sackgasse, in eine Warteschleife. Willst Du wirklich Deine Lebenszeit so vergehen lassen?
Es hilft deinem Mann nicht, wenn Du darüber nachgrübelst, warum er wie ist. Egal ob er krank oder bequem, abgezockt oder traurig ist. Es hjlft Euch allen nicht weiter. Auch nicht, wenn Du Erklärungen von ihm forderst, die er entweder nicht geben kann oder will.
Aber Dir schadet es, wenn Du darüber grübelst. Dir schadet es auch, wenn Du Erwartungen an Deinen Mann hast, die dieser nicht erfüllt und Du jedes Mal enttäuscht bist. Dich bringt es nicht weiter, wenn Du nur dorthin blickst.
Kann es sein, daß es im Moment für Dich leichter ist, den Blick auf Deinen Mann zu richten, zu grübeln, Dir Fragen zustellen etc. als den Blick auf Dich zu richten? Dann müßtest Du Dich Deinen Themen stellen. Der Trauer um Deinen Vater, dem Gefühl von Ausgeschlossensein bei Deinem mann und Sohn, der Tatsache, daß es Dir in den letzten Jahren nicht gut gelungen ist, Deine Grenzen zu schützen, Deiner Trauer um das verlorene Familienleben, dem Gefühl nicht gesehen zu werden etc. Das wäre sicher ein sehr schmerzhafter Prozeß.
All das Reden und Fragen bringt Dich bei Deinem Mann nicht weiter, weil Du von ihm - aus welchen Gründen auch immer - keine echte Antwort bekommst und er sich nicht so verhält wie Du es Dir wünschst oder von einem Ehemann erwartest. Ich glaube, daß all die Energie, die Du in seine Richtung schickst, Dich und Euch nicht weiterbringt.
Mein Rat wäre, daß Du Dich stattdessen darauf konzentrierst, mehr Freude in Dein Leben zu bringen. Dich auf ein eigenständiges Leben einrichtest und Dich um Dich und Deine Bedürfnisse kümmerst.
Dazu gehört auch, daß Dein Mann seine Vaterrolle aktiv wahrnimmt, nicht nur indem er mit dem Sohn zum Fußball und auf Konzerte geht. Sondern indem er tatsächlich gleichberechtigt die Elternrolle übernimmt. Wer kümmert sich denn um Arzttermine, Schulausflüge, Hausaufgaben, Kleidungskauf etc bei Deinem Sohn?
Was ich zur Beurteilung der Gesamtsituation noch wichtig fände, wäre die finanzielle Situation. Da bist Du leider auf Nachfragen nicht eingegangen oder ich habe es überlesen. Zahlt er Unterhalt bzw. seinen Anteil an euren Kosten?
Es ist wichtig, daß Du für Dich einstehst und für Dich Freiraum schaffst.
Dazu gehört, zu akzeptieren, daß Ihr ein getrenntes Leben führt.
Wie sein Weg ist und welche Entwicklung er im Lauf der Therapie erfährt, darauf hast Du sowieso keinen Einfluß. Es kann sein, daß er sich Dir wieder zuwendet und aktiv wird. Es kann genausogut sein, daß er zu dem Ergebnis kommt, und sich das im Laufe der Therapie eingesteht, daß er sich ein anderes Leben, eine andere Partnerin oder einen Partner wünscht. Aber das ist sein Weg in seinem Rhythmus.
Du kannst nur auf Dich schauen. Und wenn Du nicht ewig in der Sackgasse verharren willst, dann kannst Du nur beginnen, dich um Dich und Deine Lebensfreude zu kümmern. Deine Tage mit schönen Aktivitäten zu füllen. Und die Erwartungen an ihn als Ehemann loszulassen, denn die erfüllt er nicht.