Hi Rock,
zuerst schreib ich was Grundsätzliches zu psychischer Gesundheit und Krankheit, damit du weißt, welche Grundlage ich hab. Dann kann ich deine Fragen einfacher beantworten. Und ich schreib das auch für alle anderen, die mitlesen. Ist ein bisschen lang und bestimmt auch nicht alles neu für dich … aber vielleicht nicht völlig uninteressant.
Irgendjemand hat mal geschrieben, es gebe die Kranken, die „Normalen“ und die Gesunden. Das hat mir eingeleuchtet. Meine eigene Theorie dazu: Krankheit und Gesundheit gehen ja ineinander über; ganz und gar krank und 100 %ig gesund kann ich mir niemanden vorstellen. Auch beim kränksten Menschen funktioniert irgendwas, und vollkommen gesund ist auch niemand, denn jeder hat hier noch etwas zu lernen. Auch diejenigen, die sich selbst sehr mögen, viel Energie haben und viele Menschen lieben können (was für mich alles mit einem hohen „Gesundheitsniveau“ zu tun hat), haben noch ihre Schwachstellen. Ich denke, Gesundheit zeichnet sich dadurch aus, dass man nur wenig Gefühle, Bedürfnisse, Einsichten verdrängt, sich angemessen durchsetzen kann, u. sich selbst weitestgehend schätzt und mag. D. h. dass auch nur wenig Verspannungen vorhanden sind und man meistens tief atmet, (Verdrängung passiert durch gedankliches „Wegdrücken“ eines Themas, durch dauernde Muskelanspannung und flachen Atem.)
„Gesunde“ kenne ich nur ganz wenig Menschen, eine Handvoll etwa. Ich denke, das sind die Leute, die man als „Sonnenschein“ bezeichnet (vielleicht auch noch andere??) – wobei niemand die ganze Zeit am Strahlen ist. Gesunde bejahen (fast) alle Aspekte des Lebens, sie haben nicht nötig, viel auf andere zu projizieren.
„Kranke“ sind für mich Leute, die entweder als Kinder nicht richtig oder gar nicht geliebt worden bzw. in irgendeiner Weise misshandelt worden sind – und diese Missachtung für sie so schwer war, dass sie sie nicht ertragen konnten, sondern sich den krankmachenden Umständen gebeugt haben, um noch mehr Misshandlungen/Missachtung zu vermeiden. Dazu kommen dann noch die Leute, die nicht durch Familie/Schule etc. traumatisiert wurden, sondern durch Unfall, Krieg, Vergewaltigung …. Also Leute, die unter ihrem Schicksal längere Zeit sehr leiden, und durch die manchmal/oft auch andere Leute leiden. Wer krank ist, wirkt sich oft/meist nicht förderlich auf andere aus, weil die Energie in ihm nicht frei fließen kann (gesund ist viel Energie, die in Schaffenskraft, Entfaltung der eigenen Talente oder z. B. Mitgefühl mündet).
Die meisten Leute würde ich zu den „Normalos“ rechnen. „Normalos“ sind für mich Leute, die auch als Kind oder durch ein anderes Trauma geschädigt wurden, aber nicht so tief wie die „Kranken“. Sie können arbeiten, Freundschaften und Liebesbeziehungen eingehen – aber auch bei ihnen hakt es immer wieder mal, nur gehen sie dem nicht auf den Grund. Sie arrangieren sich z. B. mit unbefriedigenden Zuständen in den Beziehungen oder haben viele Beziehungen hintereinander. Es wird nur manchmal oder weniger gelitten, und so ist der Druck, den eigenen emotionalen Keller zu suchen, aufzusperren und auszumisten, nicht unerträglich, und der Müll bleibt im Keller. Ich hab den Eindruck, dass das z. B. all die Leute sind, die ja „so normal“ sind und deshalb anscheinend mit vollstem Recht mit dem Finger auf die psychisch Kranken zeigen. Und natürlich ist die Spannweite von Leuten, die ich als „normal“ bezeichnen würde, sehr groß. Eine Schädigung besteht z. B. darin, dass die Eltern völlig gesunde Dinge für „schlecht“ erklären. Z. B. wenn ein Kind auf die Eltern nicht wütend werden darf, diese Wut nicht zeigen darf, weil es in den Augen der Eltern ja dann „kein braves Kind“ mehr ist. Wenn das Kind doch seine Wut auf die Eltern oder andere Autoritätspersonen zeigt, wird es unterdrückt und gemaßregelt. Passiert das immer wieder, bricht das Ich des Kindes irgendwann mehr oder weniger zusammen (es will ja überleben und „geliebt“ werden) und übernimmt die Glaubenswelt der Eltern und tadelt oder straft (später als Erwachsener) ebenfalls alle Kinder, die aufmucken wollen. Es wird also zum Normalo oder zum Kranken. Ein Kind, das auf seine Eltern wütend ist, ist für diesen „Normalo“ oder „Kranken“ ein unmögliches, verzogenes Balg. Und das ist m. E. das, was man dann als Projektion bezeichnet. Man verurteilt gesunde Verhaltensweisen an anderen, weil das eigene gesunde Verhalten in der Kindheit als schlecht verurteilt worden ist und weil man diese Sichtweise auch als Erwachsener (noch) nicht korrigiert hat. Es ist eine Art Gehirnwäsche.
Wenn ich persönlich also manche Verhaltensweisen anderer Leute nicht ertragen kann, dann entweder deshalb, weil ich annehme, dass mir völlig gesunde Verhaltensweisen als Kind vermiest oder ausgetrieben worden sind (ich erlaube sie mir selber nicht … und anderen erstrecht nicht 😀), oder es handelt sich um Macken, die ich als Krankheitssymptome bezeichnen würde. Und wenn ich mich nicht irre, dann sind Krankheitssymptome ein unbewusster Versuch, die Beschädigung wieder wett zu machen – aber auf eine ungeeignete Art, die die anderen nervt. Ich hab festgestellt, dass die Leute mit den Macken, die ich regelrecht hasse, im Grunde dasselbe tun wie ich (nur, wie ich finde, schlimmer – aber da kann ich mich täuschen!). Wir haben dasselbe Krankheitssymptom, und das, was diejenigen, die ich nicht abkann, tun, ist das, was ich eigentlich selbst gern tun würde, mir aber verkneife, weil es krank und unpassend wäre. Aber im Kern erlauben sich diese Leute gesunde Verhaltensweisen, die nur eben nicht ins Alltagsleben gehören, sondern in die Therapie. Zu solchen Menschen würde ich deine ehemalige Freundin zählen, die zu aufdringlich war.
Zu deinen Fragen:
Du denkst also dass du die Macken anderer Leute weniger ertragen kannst als andere Leute es wiederum können. Ich deute mal, dass du dich bzw. dein Verhalten daher als „verächtlich“ empfindest, einigermaßen richtig?
Dass ich nicht fähig bin, richtige Freundschaften zu schließen, ist natürlich nichts, auf das ich stolz bin. „Verächtlich“ … ja, schon in die Richtung. Außerdem bin ich eine Art Gefahr für andere …, denn ich lehne zu viele Leute ab bzw. kann sie nicht richtig gern haben, nur schätzen.
Nicht leicht, dazu etwas Passendes zu schreiben...vielleicht liegt es daran, dass du den betreffenden Menschen einzig und alleine als „Störung“ empfindest und übersiehst, dass da eben auch noch andere Eigenheiten, Bestandteile in ihm/ihr sind? Ein „gestörter“ Mensch besteht ja nicht nur aus einer Störung, er hat noch andere Anteile an/in sich. Nur weil vielleicht eine bestimmte Verhaltensweise dieses Menschen „suboptimal“ ist, bedeutet es nicht dass er nicht in anderen Bereichen „normal“ ist – wobei man hier berechtigt einwenden kann, wer oder was definiert, was „normal“ ist und wo „Grenzen“ verlaufen.
Bei mir kommt es sehr aufs Maß an. Entweder die Leute sind mir viel zu krank (dann mündet das bei mir in große Ablehnung), oder das, was ich nicht leiden kann, ist eben etwas, was an sich gesund ist u. ich bloß nicht schätzen kann. Und im ersten Fall hat das (fast?) immer mit meinen eigenen Macken und Lücken zu tun. Mit Projektion. Allerdings weiß ich auch, dass diese „viel zu kranken“ Menschen auch bei anderen auf Ablehnung stoßen, nicht nur bei mir. Und es hat auch immer damit zu tun, dass diejenigen sich nicht schonungslos mit sich selbst auseinandersetzen und sich ändern wollen.
Ja, es stimmt, dass auch die „sehr Kranken“ positive Anteile haben. Aber wie du sagst, mir ists dann zu viel.
Und diejenigen, die auch meine Macken haben, etwa in „meiner“ Größenordnung oder kleiner – da kann ich das Positive und Gesunde viel besser erkennen und wahrnehmen. Wahrscheinlich ist es aber so, dass ich meine eigenen Macken sehr viel deutlicher fühle, wenn Leute mit ähnlichen Symptomen vor mir sitzen. Wenn jemand da ist, der sie nicht hat, lenkt mich das wohl von meinen eigenen Symptomen ab.
Demnächst mehr.
Gruß,
K.