Hallo Gast ! 🙂
So, jetzt schaff ichs doch. J
Zu deiner Schwester: Eigentlich weist sehr viel darauf hin, dass sie doch eifersüchtig auf alles ist, das dich von ihr ablenkt, so, wie dein Bruder es formuliert hat, oder? Letztendlich scheint es zum Teil darauf hinauszulaufen, dass sie sehr, sehr liebebedürftig ist und eigentlich die Erfahrung bräuchte, eine richtige Mutter zu haben – wofür natürlich nur eine Therapeutin in Frage käme. Eine „Mutter“, die sie längere Zeit auf keinen Fall im Stich lässt, egal, wie sie sich fühlt, was sie sagt und was sie will. Diese Bedürftigkeit kann sie aber nicht richtig zugeben, weil das eine Schwäche wäre und sie auf keinen Fall Schwäche zeigen „darf“, so wie eure Eltern euch das vorgelebt haben. Sie konnte ja immerhin gegenüber eurem Bruder und dir aussprechen, dass sie das Gefühl hat, von dir verlassen worden zu sein. Natürlich ist das keine erwachsene Sichtweise, sondern vermutlich die eines inneren kleinen Kindes. Es gibt sehr viele Patientinnen und Patienten, die es kaum aushalten, wenn die Therapeutin in Urlaub geht. Viele werden dann total depressiv oder ängstlich und wütend und es ist ein Riesen-Drama.
Die Situation erinnert mich an einen sehr wichtigen Versuch, der vor Jahrzehnten stattgefunden hat: Die Psychologen John Bowlby und Mary Ainsworthy (oder so ähnlich??) hatten einen Versuchsverlauf konstruiert, bei dem getestet werden sollte, wie gut die Mutter-Kind-Bindung ist. Bei dem Versuch geht es darum, wie gut das Kleinkind an die Mutter gebunden ist, wie sicher aufgehoben es sich fühlt, sowohl in einer vertrauten Situation (Mutter liest, Kind spielt auf dem Boden) oder in einer weniger sicheren Situation (fremde Person betritt den Raum; Mutter verlässt für einige Minuten den Raum). Ich kann jetzt nicht alles aufschreiben, jedenfalls gibt es vier mögliche Bindungsstile und Verhaltensweisen des Kindes, und eine davon war die unsicher-ambivalente Bindung: Die Mutter kommt in den Raum zurück, das Kind freut sich einerseits über sie, aber andererseits hat es die Trennung von der Mutter überhaupt nicht verwunden und weint, schreit, schlägt manchmal auf die Mutter ein, lässt sich nur schwer wieder beruhigen.
Das Verrückte ist, dass auch schon werdende Mütter auf diese Erziehungsstile, die ja von den Eltern vorgelebt werden, untersucht worden sind. Es war möglich, in einer sehr deutlichen Mehrheit der Fälle vorherzusagen, welchen Beziehungsstil das noch ungeborene Kind im Alter von einem Jahr haben würde!
Dass für deine Schwester Statussymbole so wichtig sind, würde auch dazu passen. Jemand, der sich selbst mag und der gut mit sich selbst umgehen kann, hat Statussymbole gar nicht nötig. Und auch nicht die Angeberei mit Studienwissen.
Du hast ja in den letzten zwei Jahren sehr oft versucht, ihr zu helfen und ihr nahezukommen. Denn früher hast du sie doch gemocht, oder? Es war doch nicht so, dass sie für dich der „seelische Pflegefall“ war, oder? Vielleicht hat deine Schwester das Gefühl gehabt, dass du nur Mitleid mit ihr hast, von oben runter. Nicht Mitgefühl und Zuneigung. Vielleicht hat dein Wunsch, ihr zu helfen, die Dinge für sie schwieriger gemacht, weil sie nicht glaubt, dass sie noch was wert ist, wenn sie Hilfe braucht.
Weißt du eigentlich, ob vor zwei Jahren irgendwas Wichtiges in ihrem Leben war? Oder gab es da einen Konflikt in eurer Beziehung, hast du dich damals irgendetwas oder jemand anderem zugeneigt? Vielleicht einer Freundin? Dein Pferd hast du ja vor einem Jahr gekriegt, und dein Umzug ist weniger als zwei Jahre her, oder hab ich das falsch in Erinnerung?
Ich will dir natürlich kein schlechtes Gewissen machen! Klar kannst du dein Leben gestalten, wie du möchtest.
Ich glaube, bei deiner Schwester bräuchte es viel, viel mehr als nur ein Gespräch, bis sie kapiert, dass bei ihr vieles in die falsche Richtung läuft.
Falls du doch etwas für sie tun willst: Du könntest mit deinem Vater mal darüber reden oder es andeuten, dass Schwäche zu zeigen oder psychisch krank zu sein in eurer Familie ein Tabu ist. Und dass das nicht normal ist. Aber dann würdest du dich vielleicht in weitere verbale Kämpfe verwickeln … Wenn er in dieser Hinsicht was kapieren würde, dann könnte er vielleicht auch deiner Schwester ein Stück weiterhelfen.
Hast du das Buch eigentlich mittlerweile bekommen?
Ja, manchmal ist Abstand gegenüber der Familie verdammt wichtig. In meiner Familie wäre es ohne die Kontaktabbrüche nicht weiter gegangen. Ich hab noch ein Geschwister … aber der Kontakt mit ihm war nie wirklich gut, nur so halbwegs, und mittlerweile gibt’s dort auch eine größere Baustelle …
Ich finde es schön, dass du glaubst, deine kleine Schwester drüben wieder zu sehen. J Ich glaub auch, dass es nach dem Tod weiter geht. Aus der Kirche bin ich schon lange ausgetreten. Ich stehe der Theosophie und anderen spirituellen Anschauungen am nächsten.
Du hast nach dem Tod deiner kleinen Schwester dein Vertrauen in die Welt verloren … vorher hat dir ein Vortrag vor arroganten und statussüchtigen Studierenden nichts ausgemacht. Hast du dich früher vielleicht auch irgendwie unverwundbar gefühlt? Fühlst du dich denn jetzt normalerweise in deinem Alltag selbstsicher?
Ich weiß nicht … bräuchtest du generell etwas, was dich wieder sicherer macht? So was wie ein Glaube an eine höhere Macht? Man muss ja nicht unbedingt in die Kirche gehen, wenn man in irgendeiner Weise gläubig ist.
Eigentlich bin ich auf meine Weise gläubig, d. h. ich denke, dass es höhere Mächte gibt. Wie Gott wirklich ist, weiß eh niemand genau, es gibt nur Annäherungen, und ich glaub, diejenigen, die meditieren oder auf andere Weise in andere Bewusstseinszustände gehen, erfahren am meisten. Ob Gott wirklich ausschließlich gut ist, das ist die Frage. In der letzten Zeit fühle ich mich am besten, wenn ich mich auf die Energie in mir selbst besinne. In mir und allen anderen Menschen ist Energie, und ich kann meine Energie für mich einsetzen und mir gut tun. Wenn ich was esse, erhalte ich Energie. Wenn ich einatme oder schlafe, ebenfalls. Wenn ich gute und schöne Gedanken und Pläne hab und sie umsetze, spüre ich diese positive Energie auch. Auch andere Menschen oder die Natur geben mir manchmal Energie. Wesentlich ist, dass ich vertraue, dass meine eigene Energie da ist und dass ich etwas dafür tun kann, um sie zu bewahren.
Aber in diesem Bereich braucht jeder etwas anderes.
Mit meiner Lernerei gehts vorwärts. Danke für die guten Wünsche!
Ich wünsch dir noch ein schönes, erfreuliches Wochenende! Habt ihr einen Adventskranz? J