Hallo Gast,
wer so richtig depressiv ist, aber noch vor dem Zusammenbruch steht, der reißt sich fast übermenschlich zusammen. Normalerweise kriegt die Umwelt das jahrelang nicht mit, dass derjenige depressiv ist. Er reißt sich vor anderen so zusammen, bis er irgendwann gar nicht mehr kann und dann zusammenbricht.
Der "klassische" Leidensweg einer major depression verläuft so: Das Kind ist sehr sensibel und anfällig für Depressionen. Es wächst in einer Familie auf, in der seine normalen kindlichen Bedürfnisse nicht oder nur eingeschränkt erfüllt werden (z. B. es darf nicht anlehnungsbedürftig und schwach sein, es bekommt zu wenig Liebe und Zärtlichkeit, muss schnell selbstständig werden, Tränen oder Wut sind nicht erlaubt etc.) Jemand von den Eltern oder beide sind von irgendwas chronisch überfordert, das Kind kriegt mit, dass es den Eltern eigentlich zu viel ist. Daher versucht es, ganz lieb und brav zu sein u. alles zu tun, damit die Eltern mit ihm zufrieden sind. Wenn es besonders viel leistet, wird es gelobt, ansonsten wird es übersehen. Also leistet es mehr, um zumindest mehr Aufmerksamkeit und Lob zu bekommen - was natürlich keine Liebe ist, aber wenigstens irgendwas. Das Kind zeigt niemandem oder kaum jemandem mehr, wie es sich wirklich fühlt, traurig, schwach, minderwertig. Das darf auf gar keinen Fall sein, denn es hat Angst vor Kritik und Ablehnung. Das einzige, was so ein Kind, Jugendlicher oder junger Erwachsener kennt, ist eben, dass Leistung und Perfektion belohnt werden. Also macht es mit dem überzogenen Leistungsstreben weiter, wird aber immer schwächer, also trauriger und antriebsloser, weil es eh nie bekommt, was es sich wünscht: echte Liebe, also Annahme als diejenige, die sie wirklich ist, mit allen Schwächen. Dieses Denken: Ich bin nur "gut genug", wenn ich perfekt bin, ist sowas wie eine Gehirnwäsche. Deswegen kommen die Leute, die mittendrin stecken, auch nie auf die Idee, dass sie anderen erzählen könnten, wie es ihnen wirklich geht oder dass sie ihre Anforderungen an sich selbst zurückschrauben könnten. Der Teufelskreis ist perfekt, diese Leute vereinsamen immer mehr, haben immer weniger Energie, und je weniger Energie sie haben, je depressiver sie werden, desto minderwertiger und unliebenswerter fühlen sie sich. Also muss die Mauer zwischen ihnen und dem Rest der Welt erstrecht stehen bleiben. Meist endet dieser Teufelskreis erst mit einem Zusammenbruch, also ganz schwerer Depression, bei der man nicht mal mehr aufstehen kann, oder es stellen sich andere schwere Symptome ein.
Einiges von dem, was du über deine Schwester schreibst, passt zu diesem Krankheitsbild: Sie wirkt über lange Zeit sehr niedergeschlagen, hat keine Freundinnen, bemüht sich um Perfektion, ist extrem leistungsorientiert, erzählt nie wirklich, wie es ihr geht, gibt widersprüchliche Signale. Viele Depressive pflegen eine Kommunikation des Widerspruchs: "Komm her - bleib weg". Denn wenn sie dir erzählen würde, wie schlecht es ihr wirklich geht, könntest du dich von ihr abwenden - glaubt sie.
Aber du schreibst auch, dass deine Eltern eigentlich nicht so auf Perfektion und Leistung aus ist. War das immer schon so?
Dass niemand außer dir bemerkt, dass es deiner Schwester schlecht geht, spricht nicht gerade dafür, dass es in der Familie wirklich warm und herzlich zugeht und dass es zumindest bis in die frühe Jugend klar war, dass man mit seinen Problemen zu deinen Eltern kommen konnte. Ich finde es übrigens echt toll, dass du dich so bemühst zu verstehen, was mit deiner Schwester eigentlich los ist! Du lässt nicht locker, obwohl sie sich dir gegenüber so seltsam verhält. Finde ich echt schön von dir. 🙂
Deine Eltern müssten doch gemerkt haben, dass deine Schwester nie auf den Putz gehauen hat. Oder dass sie keine Freundinnen hat! War das auch schon immer so?
Sie war 16, als eure kleine Schwester ums Leben kam, vielleicht hat sie sich deshalb nicht getraut, mal Ärger zu machen. Weil eure Eltern eh schon total fertig waren. War deine Schwester vor dem Tod eurer kleinen Schwester auch so kontrolliert und leistungsorientiert? Hat sie viel um ihre kleine Schwester geweint? Könnte es sein, dass sie zu wenig geweint hat und ihren Schmerz vielleicht mit Leistung betäubt?
Vielleicht ist das auch mit ein Grund, weshalb sie eure Mutter schont und ihr die problemlose Tochter vorspielt. Zu dir hatte sie ja lange Zeit eine gute Beziehung, d. h. dir hat sie vermutlich einige ihrer Probleme anvertraut. Habt ihr auch öfter darüber gesprochen, wieso sie keine Freundinnen hat?
Vielleicht spielen in ihrem Verhalten dir gegenüber auch noch ganz andere Dinge eine Rolle. Du bist die ältere Schwester, vermutlich hat sie dich immer bewundert - zumindest teilweise. Du hattest Freundinnen und hast dich ins Ausland getraut, sie nicht. Vermutlich bist du deutlich selbstsicherer als sie, oder? Und fröhlicher sowieso. Vielleicht hat sie dir gegenüber Minderwertigkeitsgefühle, von denen sie dir nie erzählt hat. (Ich hab mal eine junge Frau kennengelernt, die hatte eine absolut toughe Fassade, hat jahrelang in ihrer Szene die Harte gespielt. Bis sie dann in die psychosomatische Klinik kam...) Und vielleicht sieht sich deine Schwester - auch, aber nicht nur - in der Rivalität zu dir? Evtl. ist das einer der Gründe, weshalb sie so leistungsorientiert ist - sie will wenigstens etwas sein und haben, was du nicht hast oder kannst. Und fängt dann an, mit ihrem Uni-Wissen anzugeben ...
Auf der anderen Seite war es wohl eine Katastrophe für sie, als du ihr mitgeteilt hast, dass ihr wegzieht. Und deine Schwangerschaft könnte für sie noch etwas sein, was dich von ihr trennt - vermutlich hat sie Angst, dass sie dann völlig abgemeldet ist, wenn dein Kind da ist.
Ob du irgendwas falsch gemacht hast - keine Ahnung. Aus dem, was du geschrieben hast, kann ich nichts dergleichen erkennen.
Als sie auf dich losgegangen ist, ging es da nur darum, dass sie Angst hatte, dass du sie anlügst und sie in Wirklichkeit gar nicht einladen willst? Oder kamen auch andere Dinge zur Sprache?
Macht das irgendwie Sinn, was ich geschrieben hab?