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Was macht einen guten Psychotherapeuten aus?

Aber genau das ist eine der Nebenwirkungen von
bezahlter Psychotherapie: zu glauben, dass der
Therapeut/die Therapeutin immer greifbar und
verfügbar wäre.

Das sehe ich anders. Weil es so ist, dass sie jederzeit für mich greifbar ist. Wie, wann, wo ist hier nicht das Thema. Es ist kein Wunsch, sondern Realität.
 
Das sehe ich anders. Weil es so ist, dass sie jederzeit für mich greifbar ist. Wie, wann, wo ist hier nicht das Thema. Es ist kein Wunsch, sondern Realität.

Sorry, aber ich denke, du täuschst dich hier
und machst dir etwas vor. Kein Mensch ist
immer verfügbar, auch keine Therapeutin.

Aber wenn es dir hilft, das so zu sehen, ist
das natürlich möglich und ich wünsche dir,
dass du nicht enttäuschst wirst, so lange
du diesen Glauben brauchst.
 
@TheMeaningOfLife: Du scheinst eine Therapeutin gefunden zu haben, die dir wirklich helfen kann und bei der du dich wohlfühlst. Das freut mich sehr für dich. Wenn sie nachfragt, bevor sie dir Persönliches erzählt, finde ich das auch okay. Meine Therapeutin tut das leider nicht. Vielleicht hat sie auch nur einen hohen Mitteilungsdrang, aber mir wäre es lieber, sie würde sich auf mich konzentrieren. Ein guter Therapeut sollte dies meiner Meinung nach berücksichtigen.

@Werner: Vielen Dank für deine klugen Beiträge. Ich merke das inzwischen auch, dass es mir hilft, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, für mich, auch ohne Hilfe eines "Experten", einfach um herauszufinden, was mir guttut, mich entspannt, mich aus einem Tief holt. Rückschläge gibt es da natürlich schon, aber die gibt es auch mit Therapeutin.

Immer greifbar ist niemand, das ist wahr. Ich glaube, das ist eine der fundamentalen Wahrheiten des Lebens, der man sich irgendwann stellen muss: dass man im Grunde genommen alleine ist und der einzige Mensch, der wirklich 24/7 verfügbar ist, man selbst ist. Einerseits ist dies natürlich beängstigend, aber ich glaube, wenn man versucht, dies im Kopf zu behalten, bindet man sich auch nicht zu eng (im Sinne von "ungesund eng") an andere und kann ein selbstbestimmteres und gewissermaßen freieres, unabhängigeres Leben führen und sich selbst mit mehr Wertschätzung und Respekt begegnen.

Ich nehme mal an, die Wirksamkeit einer Psychotherapie hängt auch von der Natur des Problems ab: Wenn es für die Probleme, welche man hat, eine klar identifizierbare Ursache kennt, irgendeinen spezifischen Grund nennen kann, fällt es dem Therapeuten unter Umständen einfach leichter, die Person zu unterstützen und auch zu verstehen.

Was ich auch nicht möchte, ist dieses ganze Pathologisieren. Macht natürlich nicht jeder Therapeut, aber es kommt durchaus vor. Meine Therapeutin meinte mal, als ich mich über ein Schulfach, in dem wir eine nicht sehr fähige Lehrkraft haben, beschwerte, ganz "scharfsinnig": "Bei Ihnen ist das ja ganz stark so, wenn Sie mit dem Lehrer nicht klarkommen, ist auch das Fach für Sie gelaufen!" Sie sagte dies, als sei es eine Art Diagnose, als habe sie da etwas ganz Wichtiges und Ungewöhnliches erkannt, obwohl ich weiß, dass die meisten Schüler es vorziehen, kompetente Lehrer zu haben. Natürlich macht das Fach mehr Spaß, wenn der Lehrer gut erklärt und die Stunden abwechslungsreich gestaltet! Außerdem hatte ich in dem Fach einen Einser, also auch keine Schwierigkeiten damit, ich ärgerte mich eben nur, da ich durch diese Lehrkraft zu dem Zeitpunkt ein Problem hatte, eine bestimmte Aufgabe zufriedenstellend zu erledigen. Aber daran ist wohl nichts Krankhaftes.
Die Themen, die ich hingegen schon mehrmals angesprochen und als zentrale Probleme von mir bezeichnet habe, also z.B. Leistungsdruck und Versagensängste, blieben von meiner Thraepeutin leider unbeachtet und unkommentiert. Also muss ich wohl selbst irgendwie damit klarkommen.

Mittlerweile bemerke ich ohnehin, dass es mir nicht gut tut, mich so auf das zu konzentrieren, was nicht gut läuft. Nach den Therapiestunden fühle ich mich immer besonders unverstanden und einsam. Das kann ja nicht Sinn und Zweck einer Therapie sein.

Dies alles bedeutet natürlich nicht, dass ich jetzt jede Psychotherapie für Zeit- und Geldverschwendung erkläre. Es gibt einige Menschen,für die professionelle Unterstützung wirklich der einzige Weg ist. Aber dann gibt es wohl auch Menschen wie ich, die erkennen, dass Psychotherapie für sie vielleicht nicht unbedingt der (im Moment) richtige Weg ist.


Irgendwie freue ich mich ja auf das letzte Gespräch mit meiner Therapeutin. Weil ich gespannt bin, wie sie das sieht, ob sie z.B. meint, dass ich eine Psychotherapie unbedingt nötig habe oder ob sie dies auch für die beste Entscheidung hält. Vielleicht schaffe ich es ja sogar, etwas (konstruktive) Kritik anzubringen und ihr zu erklären, warum ich nicht weiterhin Therapie bei ihr machen möchte.

Interessant finde ich auch, dass es wohl einige für wichtig halten, dass der Therapeut ähnliche Erfahrungen gemacht hat und daher bis zu einem gewissen Grad aus eigener Erfahrung weiß, wie sich bestimmte Situationen anfühlen, und dem Klienten dadurch zeigen kann: Das Leben geht weiter, man kann es schaffen. Ich kann mir schon vorstellen, dass dies manchmal hilfreich ist und der Therapeut dann gewisse Dinge einfach besser versteht. Es ist einfach schwierig, jemandem, der nie Depressionen hatte, zu vermitteln, wie man sich in solchen Phasen fühlt.
 
Hallo Earthling,

Ich glaube, das ist eine der fundamentalen Wahrheiten des Lebens, der man sich irgendwann stellen muss: dass man im Grunde genommen alleine ist und der einzige Mensch, der wirklich 24/7 verfügbar ist, man selbst ist. (...)

Das sehe ich auch so und finde es ziemlich beruhigend.
Ich habe sogar das "Bauchgefühl", dass man sich selbst
(oder eine Form des Bewusstseins) selbst mit dem
Sterben nicht verlieren wird, so wie man sich ja auch
während des Schlafens nicht verliert.

Ich nehme mal an, die Wirksamkeit einer Psychotherapie hängt auch von der Natur des Problems ab: Wenn es für die Probleme, welche man hat, eine klar identifizierbare Ursache kennt, irgendeinen spezifischen Grund nennen kann, fällt es dem Therapeuten unter Umständen einfach leichter, die Person zu unterstützen und auch zu verstehen.

Die Wirksamkeit von Psychotherapien hängt nach dem
heutigen Stand der Forschung davon ab, ob eine "heil-
same Beziehung" zwischen Therapeut und Klient ent-
steht - unabhängig von der verwendeten Methodik.

Paul Watzlawick hat in den 1960er-Jahren herausge-
funden, dass nicht das Erkennen von Ursachen bei den
meisten (psychischen) Problemen zur Lösung verhilft,
sondern dass "ein Unterschied" entsteht. Dieser kann
auch durch Psychotherapie entstehen, aber mir scheint,
häufiger passiert er "einfach so", mitten im Leben. Es
gibt auch das Phänomen der "Ausnahmen", d.h. man
löst das Problem schon teilweise oder tageweise und
übersieht das. Macht man sich bewusst, was man dabei
richtig oder anders macht - also wie man den Unter-
schied absichtlich herbeiführen kann - dann hat man
eine Lösung parat, die wiederholbar ist. Das Problem
gut zu benennen, also "lösbar", das ist sicher ein Teil
der psychotherapeutischen Kunst und von jedem er-
lernbar.

Es braucht auch nicht für jedes spezielle Problem eine
spezielle Lösung. Steve de Shazer, ein berühmter Fa-
milientherapeut, hat herausgefunden, dass sich die
Lösungen sehr viel mehr gleichen wie die Probleme -
und daher einen Ansatz entwickelt, der auf so genann-
te "Dietriche" (oder Lösungsschlüssel) setzt - eine
Sammlung davon findet sich auf www. loesungssammlung.de

Was ich auch nicht möchte, ist dieses ganze Pathologisieren. Macht natürlich nicht jeder Therapeut, ...

Ein Psychologe hat mal festgestellt, dass in den Hand-
büchern der Psychiater zwei Diagnosen fehlen:
a) Gesundheit
b) krankhaftes Diagnostizieren
🙂

Mittlerweile bemerke ich ohnehin, dass es mir nicht gut tut, mich so auf das zu konzentrieren, was nicht gut läuft. Nach den Therapiestunden fühle ich mich immer besonders unverstanden und einsam. Das kann ja nicht Sinn und Zweck einer Therapie sein.

Lösungsorientierte Therapeuten wie Watzlawick oder
de Shazer haben mit ihren Klienten vor allem über das
gesprochen, was (noch/trotzdem) funktioniert und
sie ermutigt, diese Anteile zu würdigen und auszubauen.

Es ist sinnvoller, über Ressourcen, Erfolge, ansatzweise
Lösungen zu sprechen. Also wenn jemand z.B sagt: Ich
habe ein Problem mit meiner Mutter - dann nicht zu
fragen "Und mit wem haben sie noch Probleme?", sondern
"Wann war es zum letzten Mal gut?" oder "Wie haben Sie
bisher diese Art von Problemen gelöst?".

So lernt das Gehirn, sich auf Lösungskompetenzen zu
konzentrieren, aber viele Therapeuten sehen sich eher
als Problemexperten und möchten die Klienten in diese
Weltsicht einbinden, damit sie dann als Experten ihren
Job machen können. Für Steve de Shazer waren die
"Probleminhaber" auch die "Experten für die Lösung",
ein damals revolutionärer Ansatz!

Interessant finde ich auch, dass es wohl einige für wichtig halten, dass der Therapeut ähnliche Erfahrungen gemacht hat und daher bis zu einem gewissen Grad aus eigener Erfahrung weiß, wie sich bestimmte Situationen anfühlen, und dem Klienten dadurch zeigen kann: Das Leben geht weiter, man kann es schaffen. Ich kann mir schon vorstellen, dass dies manchmal hilfreich ist und der Therapeut dann gewisse Dinge einfach besser versteht. Es ist einfach schwierig, jemandem, der nie Depressionen hatte, zu vermitteln, wie man sich in solchen Phasen fühlt.

Nach den beschriebenen lösungsorientierten Ansätzen
ist es gar nicht wichtig, "zu verstehen", wie sich jemand
in einer Situation fühlt, um ihm zu helfen. Das ist ein
überholter Ansatz, der Therapeuten überfordert. Kein
Mensch kann "alles" erlebt haben, was Klienten berichten,
wobei es natürlich für die Empathie hilfreich ist, nicht nur
gute Zeiten zu kennen.

Ob sich jemand "verstanden fühlt", liegt nicht in der Macht
des Zuhörers - auch wenn er sich sehr anstrengt, die Sache
aus eigener Erfahrung kennt etc. kann doch der Erzählende
den Eindruck haben, nicht verstanden worden zu sein. Des-
halb ist das für mich kein Ziel des Zuhörens. Mir genügt zu
erfahren, was der andere von mir möchte, welche Art der
Unterstützung oder Zuwendung - dann kann ich entschei-
den, ob ich diese geben kann und will. Anders gesagt: wenn
ich zum Zahnarzt gehe und Schmerzen habe ist es mir
egal, ob er mich versteht - er soll nur seine Fachkenntnisse
anwenden, damit der Schmerz möglichst bald und dauerhaft
weg geht 🙂

Ich glaube, ein Klient fühlt sich dann verstanden, wenn es
gelingt, eine Lösung zu erarbeiten, die umsetzbar ist - denn
wegen einer Lösung ist er ja (vermutlich) zum Therapeuten
gekommen. Sucht man Verständnis, ist es wohl besser,
lange in den Spiegel zu schauen und sich selbst sehr gut
kennen zu lernen. Diese Arbeit kann einem niemand ab-
nehmen.

Für dein letztes Gespräch viel Erfolg (und wenig Erwartungen!)
und ich denke, du bist für dein Alter enorm weit in deiner
Selbsterkenntnis und würdest auch als Therapeutin einen
guten Job machen 😉

Alles Gute!
Werner
 
Vielen Dank für die ausführliche und interessante Antwort, Werner!

Dass die "heilsame Beziehung" zwischen Klient und Therapeut am wichtigsten für den Erfolg einer Psychotherapie ist, habe ich auch schon ein paarmal gelesen und kann dies nach meinen eigenen Erfahrungen zu 100% unterschreiben. Solange keine Beziehung entsteht zwischen mir und dem Therapeuten, wird die Therapie für mich auch nicht effektiv sein. Mir scheint aber inzwischen, dass es wirklich in einigen Fällen nicht gelingt, dass so eine heilsame Beziehung zwischen Therapeut und Klienten entsteht. Vermutlich braucht man u.a. einfach eine sehr große Portion Glück, um den Therapeuten zu finden, mit dem es gelingt, eine Beziehung dieser Art aufzubauen.

Der lösungsorientierte Ansatz gefällt mir sehr gut. Ich habe ja momentan nicht vor, eine weitere Therapie anzufangen, aber sollte ich das irgendwann tun, dann würde ich wohl in diese Richtung gehen. Kein Mensch will immer nur daran erinnert werden, was er alles nicht kann, wo seine Schwächen und Defizite liegen... vielleicht ist es ja auch genau das, was mich mit meiner Therapie unglücklich macht? Dass ich mich immer nur auf das Schlechte konzentriere und die Therapeutin mich nie dazu auffordert, mal über meine Stärken zu reden oder mich dabei unterstützt, mich selbst wertzuschätzen für alles, was ich erreicht habe?

Mein letztes Gespräch mit der Thera werde ich auf jeden Fall mit wenig Erwartungen angehen! Ich finde einiges, was du geschrieben hast, sehr hilfreich, um vor ihr formulieren zu können, warum ich mich gegen eine Fortsetzung der Therapie entscheide. Ich habe nicht vor, sie irgendwie "anzugreifen", aber ich denke schon, dass es wichtig ist, als Therapeut Feedback zu bekommen, sei es nun sehr positiv oder auch mal etwas verhaltener.

Deine Beiträge haben mir jedenfalls eine neue Sichtweise eröffnet - ich möchte mich jetzt vor allem konzentrieren auf Selbstakzeptanz, Lösungen, einen ausgeglichenen Lebensstil, und gerne auch ein paar neue Erfahrungen sammeln - trotz meiner Schüchternheit und sozialen Ängste.
Und außerdem habe ich ja meine Bücher, die mir in schwierigen Zeiten schon so manches Mal Ablenkung, Entspannung und auch weisen Rat geboten haben😛
 

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