Hallo Delete,
ich verstehe dich sehr gut, was du in deinem langen Beitrag geschrieben hast. Ich habe auch lange so ähnlich gedacht. Du musst dich auch nicht verbiegen lassen, weder durch einzelne Menschen noch durch die vermeintlich so böse Welt, denn das wäre in der Tat der falsche Weg. Aber nach meinen früher mehrfach gesammelten Erfahrungen mit diversen Abhängigkeiten, und den heute daraus gewonnenen Erkenntnissen, kann ich mich Tyras Ausführungen in fast allen Punkten nur anschließen. Die Welt ist in erster Linie so, wie wir sie sehen. Oftmals sehen wir die guten Seiten, die es durchaus ja auch gibt, einfach gar nicht mehr...
Die Selbstliebe ist aber in der Tat unverzichtbar. Diese durch Liebe im Außen zu ersetzen oder gar die eigene Selbstliebe darauf zu begründen, dass ich Liebe von außen bekomme, das funktioniert nicht auf Dauer. Das überfrachtet eine Beziehung ungemein, und es führt nur zu einer sehr hohen Kränkbarkeit, wenn es mal nicht so gut funktioniert, wie man sich das vorstellt. Das genau ist der Druck, den wir uns selbst oft so unnötig machen, weil wir uns alleine so unzulänglich fühlen. DAS kann aber niemand von Außen ersetzen oder kompensieren. Ich glaube, das muss immer wieder scheitern, wenn es einen solchen Anspruch gibt.
Ich bin inzwischen überzeugt davon, dass die Liebe im Außen tatsächlich so etwas wie die Sahne des Lebens ist. Aber ich meine auch, dass es dafür ein ausreichendes Maß an Selbstliebe unbedingt braucht, so dass ich in der Tat auf niemanden wirklich angwiesen bin, um mein Leben bejahen und mich daran erfreuen zu können. Das ist kein Widerspruch zu der Liebe im Außen und mit Egoismus hat das auch nichts zu tun, das ist eine gelebte Autonomie, die für mich erst eine stabile Bindung möglich macht. Und ich bin auch davon überzeugt, dass die Liebe im Grunde universell ist, so dass wenn sie auch in uns selbst gegeben ist, sich alles andere ohnehin automatisch ergibt. Und ich bin der romatischen Liebe gegenüber, und den Vorstellungen gegenüber, die darüber so oft vorherrschen, sehr skeptisch geworden. Denn genau diese Vorstellungen führen ja in der Regel immer wieder zu einer unerfüllbaren Sehnsucht nach dem ewigen Kick, der ständigen Bestätigung von außen, und das oft auch noch in einer völligen Fixierung auf nur einen einzigen Menschen, währenddessen die universelle Liebe oftmals dann auch noch viel zu kurz kommt.
Ich finde es übrigens schön, dass du dich bei einem Ex entschuldigt hast, und so mit einem unguten Kapitel deines Lebens ja vielleicht etwas besser abschließen konntest.
Es ist sicherlich sogar möglich, auch dann aufeinander zuzugehen, wenn beide Seiten problembehaftet sind. Aber auch das kann zunächst mal eine Trennung auf Zeit bedeuten, um an sich selbst zu arbeiten, wenn beide Seiten das dann auch tun und es eben nicht als Liebesverzicht begreifen. Dazu kann ich dir den folgenden Vortrag von Anneliese Fuchs sehr empfehlen, der genau das sehr gut beschreibt, was es wohl in erster Linie zu erreichen gilt für eine gesunde und dauerhafte Bindung:
Prof. Dr. Anneliese Fuchs: Die innere Scheidung und ihre segensreiche Wirkung - Vorarlberg-Magazin
Prof. Dr. Anneliese Fuchs ist Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin, Supervisorin, Autorin von 7 Büchern. Sie arbeitet im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft für Präventivpsychologie (APP) in Wien, begleitet als Coach, Trainerin und Supervisorin Klein-, Mittel- und Großbetriebe.
Buchtipp:
"Mein Charakter ist nicht mein Schicksal. Grundmuster des Lebens für mich nützen" - Böhlau-Verlag
Viele Grüße
Traumatisierter