Ja, und dat Schreiberling in mir hat sich auch wieder mal gemeldet... Viel Spaß beim Lesen.
Seelenstriptease
Ich muss mich beeilen, denn ich bin mit Nicola zum Frühstück verabredet. In ein paar Minuten wird es an meiner Tür klingeln und ich schlüpfe gerade erst aus meinem Nest. Gestern ist es ein wenig spät geworden, was mein Körper zum frühen Morgen bestätigt. Kopfweh. Mit einem flüchtigen Blick auf mein Handy will ich gerade aus dem Bett hüpfen, doch was ich sehe, ist ein ganz großes Warnsignal. Eine SMS von Stefan. Oje, der Morgen ist gelaufen, denn Stefan kommt vorbei. Was soll ich jetzt nur machen. Nicola so kurzfristig abzusagen, wäre mehr als gemein. Immerhin steht sie in wenigen Minuten vor meiner Haustür. Im Eiltempo bin ich angezogen. Panik macht sich breit und ich renne in die Küche, um rechtzeitig den Kaffee anzusetzen. Stress zum frühen Morgen ist so rein gar nichts für mich. ‚Ding ding dong’ schallt die Klingel und ich flitze wie der Wind zur Tür, in der Hoffnung, dass es noch nicht Stefan ist. Schließlich habe ich noch etwas mit Nicola zu klären. Als ich öffne, rumpelt mir schon der Satz „Und wo waren wir gestern Abend?“ entgegen. „Komm doch erst einmal herein, ehe du dich schon vor der Tür echauffierst.“ Mir ist übel, einfach total schlecht. Nun ist guter Rat teuer und wahrscheinlich unauffindbar.
- „Machst du schon Kaffee für deinen Neuen, weil es hier so gut danach riecht?“
- „Quatsch! Ich habe Nicola zum Frühstück eingeladen. Mit ihr war ich übrigens gestern Abend unterwegs.“
- „Du hättest mir wenigstens eine SMS schreiben können! Ich warte den ganzen Abend auf ein Lebenszeichen von dir.“
- „Warum hast du mich nicht einfach angerufen? Dann hättest du mit Sicherheit eine Antwort bekommen. Ich bin kein Kleinkind mehr, dem man vorschreiben muss, wann es wo zu sein hat!“
- „Und ich bin nicht der Trottel, der die ganze Zeit auf dich wartet!“
- „Hab ich das etwa von dir verlangt? Nein! Jedoch willst du mich ständig in Ketten legen, wenn ich meine Wohnung einmal verlassen möchte. Das nervt!“
‚Ding ding dong’. „Das ist Nicola, wenn du mich kurz entschuldigst.“ Auszeit. Tief durchatmen. Jetzt wird es heikel werden und irgendwie hat sie so einen Morgen nicht verdient. „Hallo, schöne Frau“ fällt ihre Begrüßung aus. Ein leises „Morgen“ mit einem gesenkten Blick bringe ich hervor.
- „Was ist dir denn heute Morgen begegnet?“
- „Frag’ lieber nicht nach.“
- „Das soll heißen? Natürlich frage ich nach!“
- „Komm’ erst einmal rein. Hier ein paar Hausschuhe. Ich hoffe, sie passen dir. Ich muss dich aber vorher noch fragen, ob es dir etwas ausmacht, dass Stefan da ist.“
Oh Gott, wie sie sich quält, höflich zu sein. „Nein, natürlich nicht“ entgegnet sie mir niedergeschlagen und ich frage noch einmal nach „Wirklich nicht?“. Sie schüttelt den Kopf und wir gehen in die Küche. Sie steuert direkt auf Stefan zu und besiegelt das Chaos mit einem Händedruck. Das kann heiter werden und ich fühle mich total unwohl in meiner Haut. Erst der Streit und nun diese prekäre Situation. Als ich das Tischdecken beendet habe, werfe ich ein „Na dann lasst uns mal frühstücken“ in die missliche Runde und wir nehmen Platz auf unseren Folterstühlen. Nicola sagte bis jetzt kein Wort und mich überfordert ihre Stille. In diesem Moment fängt Stefan an, meinen Rücken zu streicheln und markiert den ‚Prinz Charming’, worauf ich mit Distanz reagiere. Was bildet er sich eigentlich ein! Vorhin noch streitige Absichten und jetzt der Liebevolle. „Wo seid ihr eigentlich gestern Abend gewesen?“ wendet er sich zu Nicola, um meine Distanziertheit zu überspielen. Zum Glück haben wir uns vor Nicola’s Besuch gestritten. Sonst käme ich mit der Beleidigt-Nummer nicht einfach so davon. Nicola antwortet zaghaft „Wir… wir waren im Irish Pub“ und ich transpiriere bei diesem Satz. „Ja, war sehr schön dort; angenehme Atmosphäre und eine nette Bedienung“ füge ich hinzu. Auf geht es in die erste Runde, die sich mit einem K.O.-Schlag wohl zu Beginn schon erledigt hat. „Aha, dir hat also der Kellner gefallen“ zwinkert mir Stefan zu und ich flüchte mich in ein gekonntes Lächeln. So werfen wir uns während des gesamten Frühstücks, wovon allerdings nicht mehr viel übrig ist, noch eine ganze Weile Notlügen und Halbwahrheiten um die Ohren bis eine einschneidende Frage durch den Raum purzelt: „Sag mal, Nicola, hast du eigentlich einen Freund?“ Große Augen suchen an mir Halt, den ich ihr gerade nicht geben kann. Ihr bleibt heute Morgen auch nichts erspart. „Nein, habe ich nicht und möchte ich zur Zeit auch gar nicht“ hält sie energisch entgegen. Eine Prise zu energisch, wenn ich ehrlich bin. Es wirkt fast schon schroff und ich weiß genau, dass es wohl ein komplett falsches Thema ist, was Stefan jetzt angefangen hat. „Na ja, früher oder später ist es auch bei dir soweit. Mach dir keinen Kopf deswegen. Das wird schon!“ versucht er, ermutigend Unterstützung zu geben.
- „Das werde ich sehen. Gerade im Moment glaube ich nicht daran.“
- „Bist du kürzlich enttäuscht worden? Du wirkst so traurig und auch ein bisschen wütend, wenn ich ehrlich sein darf.“
Seit wann ist er so einfühlsam? Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Das Mark in meinen Knochen ist erstarrt und ich kann gar nichts mehr zu diesem Gespräch beitragen. Es nimmt seinen Lauf, doch ich passe. Verdammt! Ja, normalerweise gebrauche ich diese Ausdrücke nicht, doch im Augenblick ist es das einzig Wahre, was mir dazu einfällt. Ich Idiotin hätte es ahnen müssen. So etwas kann nur schief gehen. „Es ist der Schmerz, der mich wütend macht. Ich habe das Gefühl, dieser Person nahe zu sein und dann doch soweit weg. Diesem Menschen würde ich soviel von meinen Gefühlen anvertrauen und ich schaffe es einfach nicht, wenn er bei mir ist. Genau darüber habe ich gestern mit Silvia gesprochen.“ Nach diesen Worten bin ich entgültig hinüber. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Keinen Schimmer besitze ich, was in dieser Situation richtig oder falsch ist.
- „Ach deshalb war mein Schatz gestern mit dir so spontan unterwegs gewesen. Sie musste dir also seelischen und moralischen Beistand leisten. Verstehe ich, dass du jemandem zum Reden gebraucht hast.“
- „Wahrscheinlich… entschuldigt mich bitte. Ich muss kurz verschwinden. Kannst du mir bitte zeigen, wo dein Bad ist?“
Ich nicke mechanisch und erhebe mich fremdgesteuert von meinem Platz. Als wir die Küche verlassen haben und uns nach oben begeben, ist mein erster Satz „Es tut mir so unendlich leid“. „Ich schaff das schon. Mach dir um mich keine Sorgen“. Mit diesen Worten verschwindet sie im Bad und ich bleibe einige Sekunden davor stehen, um mich von den morgendlichen Anstrengungen zu erholen. Zugegeben, Erholung ist es keine. Für sich jedoch ein kurzes Innehalten, denn ich bin völlig verstört. Eile ist nicht geboten, wieder die Küche zu betreten, doch eine Alternative diesbezüglich wird sich wohl nicht finden lassen. Ein Schritt vor den Anderen und ich komme tatsächlich wieder in der Küche an. Inzwischen fällt auch in der ersten Etage die Badtür wieder ins Schloss und ermüdende Schritte kommen näher und näher. Auch Nicola sieht aus wie dreimal ausgewrungen, wobei ich mich zahlenmäßig nicht festlegen würde.
„Ihr Süßen, ich muss los. Termine, Termine und nochmals Termine. Danke, mein Schatz, für das nette Frühstück und nehmt mir meine Abwesenheit nicht übel.“ Mit diesen Worten drückt er mir einen Kuss auf die Lippen. Ich könnte im Boden versinken und hasse mich gerade dafür. Sein Abwesenheit nicht übel nehmen. Das ich nicht lache. Ich kenne mindestens eine Person im Raum, die sich über diese Nachricht mehr als nur freuen wird. Die Haustür schließt sich und wir zwei sitzen immer noch sprachlos am Frühstückstisch. „Nicola?“ Verstummt stützt sie ihren Kopf mit den Händen ab und zwei dicke Träne nehmen sich die Zeit, über ihre Wangen hinabzugleiten. „Es tut mir so leid“ und ich setze mich neben sie, lege dabei meinen Arm um ihre Schulter. „Vollziehst du mit mir jetzt Schocktherapie, in der Hoffnung irgendetwas in mir zu beseitigen?“ Ihr Blick ist beißend und ernst.
- „Bitte glaube mir, wenn ich dir sage, dass so ein Frühstück nicht geplant war. Kurz vor deiner Ankunft bin ich aus dem Bett gesprungen, habe auf mein Handy geblickt und seine SMS gelesen. Dann stand er auch schon an der Tür. Ich wollte dich hier fragen, ob du trotzdem mit mir frühstückst, denn du warst ja sicherlich schon unterwegs. Ich weiß jetzt auch, dass es einfach nur dumm von mir war, so zu denken.“
- „Ist schon okay.“
Beschwichtigende Worte, die versuchen, eine schlechte Erinnerung auszulöschen. Ihr Blick schreit nach etwas ganz Anderem und ich sitze immer noch neben ihr, den Arm um ihre Schulter gelegt.
- „Nein, es ist eben nicht okay und egal, was du mir sagst, ich glaube es nicht!“
- „Was soll ich große Worte schwingen! Es tut mir verdammt weh, dich so mit ihm zu sehen. Er hat genau das, was ich niemals ‚mein’ nennen darf. Es schmerzt. Es drückt mich zu Boden. Es ist einfach niederschmetternd. Willst du noch mehr hören?“
„Nein“ flüstere ich und lehne meinen Kopf an ihren. Dabei blickt sie zur Seite und sieht mir eindringlich in die Augen. Die gefährliche Nähe hält eine ganze Weile an. Ihr Mund ist weich in seinen Zügen, ein wenig geöffnet und ich ahne, was ihr jetzt durch den Kopf geistert. Verstand. Verstand. Verstand. Ihn rufe ich in Gedanken auf wie einen Fünftklässler, der seine Hausaufgaben vortragen soll und von dem ich genau weiß, dass er sie nicht erledigt hat. So fatal die Folgen für diesen Fünftklässler, so verhängnisvoll auch das Blitzlicht meiner Gedanken. Ich realisiere akribisch genau, wie sie meine Hand nimmt und festhält. Dabei streicht ihr Finger zärtlich über meinen Handrücken. Bedächtig immer und immer wieder. Letztendlich bleibt mir keine Wahl, außer meine Augen zu schließen, meinen Kopf immer noch an den Ihren gelehnt. Fast schon unbekümmert streichelt sie mir nun über die Wangen, umkreist liebevoll meine Lippen und ich muss nicht mehr spekulieren, wonach ihr gerade der Sinn steht. „Denkst du auch an damals?“ flüstert sie. Ein leichtes Nicken kann ich mir nicht verkneifen. Diese instinktive Gefühlsregung stellt sich einfach so über mein desolates Sein. Machtlos rinnen die Vorsätze, jedenfalls ein Teil davon, den Bach hinunter und ich kann ihnen nur noch hinterher winken. „Du bist so wunderschön…“ haucht sie mir entgegen „…und du kämpfst so wahnsinnig mit dir und deinem Gewissen. Aber du musst nichts befürchten, wonach dir einfach nicht ist. Es wäre nicht das Wahre, wenn du dich so an deinen Verstand klammerst.“ Mir rutscht nur ein „Du bist wahnsinnig“ heraus.
- „Vielleicht sagst du das nur, weil du mit einer anderen Reaktion von mir eher gerechnet hättest.“
- „Da hast du bestimmt nicht ganz unrecht.“
- „Ich werde mich hüten, deine Entscheidung für den Verstand auch noch zu unterstützen.“
- „Ich sag ja, du bist verrückt.“
- „Nach dir“
- „Woher hast du die Gabe, mich immer wieder zum Lächeln zu bringen?“
- „Woher hast du bitte schön die Gabe, das lang ersehnte Prickeln immer wieder zu zerstören?“
- „Ich lach mich weg. Und das sagst du mir einfach so frech von der Seele weg.“
- „Na sonst habe ich doch keine Chance.“
- „Das hast du gesagt.“
Wir sitzen noch eine ganze Zeit lang in der Küche, unterhalten uns zum ersten Mal wirklich offen und ehrlich und ich genieße sie. Ja, ich genieße ihre Nähe und noch dazu kennt sie sich mit meinen Tabus aus. Das wiederum bereitet mir ein wenig Sorge, denn die Art und Weise, wie sie damit umgeht, ist unberechenbar einfühlsam. Bin ich wirklich so durchschaubar? Erschreckend.
LG,
*.*Gast*.*