„Ich bin jemand, den du dir nicht vorgestellt hast.
Ich bin jemand, von dem du niemals träumen wirst.
Ich bin jemand, der trotzdem sein Herz an dich verloren hat.“
Genau diese Worte gab ich ihr auf einen kleinen Zettel geschrieben und weiß, was kommen wird. Ein Gespräch, ein Langes noch dazu, in dem sie mir versucht, Dinge klar zu machen, die klarer nicht sein können.
Ein Abend in der Disko, eine Nacht neben ihr im Bett und es war um mich geschehen. Nein, es war kein komisches Gefühl und die trügerische Sicherheit ließ mich stumm schreien. Jeder kennt dieses Verlangen, eigentlich wegrennen und doch den Moment genießen zu wollen.
Ich kann mit meinen 18 Jahren nicht behaupten, sicher zu sein im Tun und Handeln, doch Gefühle sind einfach da und möchten erhört werden. Nach außen wirke ich wie jede andere Frau in diesem Alter. Nur ein kleiner Unterschied trennt mich von der Normalität einer 18-Jährigen.
Schon früh am Morgen versetzt mich das Klingeln des Weckers in die Realität. Heute wird es soweit sein. Mit einem etwas komischen Gefühl im Bauch vollziehe ich alle morgendlichen Rituale, als hätte sich mein Leben nicht verändert. Auf dem Schulweg treffe ich Marina an der Bushaltestelle. Meine äußerliche Fassade ist auf Stufe Sicherheit gesetzt, was eigentlich immer der Fall ist. Niemanden werde ich von meinen Gefühlen erzählen. Es ist und bleibt eine Sache zwischen mir und ihr. Zumindest hege ich den Gedanken, dass es so und nicht anders sein wird. Lächerlich machen kann ich mich nicht mehr. Marina erzählt mir mit Begeisterung und einem Leuchten in den Augen von ihrem Wochenende. Mein Blick scheint eine Art Interesse für dieses Gespräch auszustrahlen, denn Marina belagert meine Gehörgänge bis wir die Schule erreicht haben. Nach einigen bestätigenden Bemerkungen meinerseits lässt es sich Marina natürlich nicht nehmen, nach meinem Wochenende zu fragen. „Ich war Freitag Abend in einer Disko.“ sage ich mit meinem Gleichgültigsten aller Blicke zu ihr „War nichts Besonderes. Eben alles wie immer und den Rest der Zeit hab ich mit Lernen verbracht. Die blöden Epochen in Deutsch wollen einfach nicht in meinen Kopf hinein.“ füge ich noch hinzu, um den Schein zu wahren, mein Wochenende sei wirklich nichts Besonderes gewesen. Marina hasst zur Zeit Diskussionen rund um das Fach Deutsch, denn ihre Note wird sich durch das Abitur nur noch verschlechtern. Das nehme ich gern als Aufhänger, um endlich meine Ruhe zu haben. Marina begibt sich in ihren Mathekurs und verabschiedet sich bei mir. Sie merkt endlich, dass mir heute nicht nach großen Worten ist. „Tschüss, wir sehen uns dann später“ sagt sie und ich bringe gerade noch ein „Ja, bis dann.“ hervor, ehe sie in der Tür verschwindet. Ich muss mich sammeln, ruhig bleiben und keinesfalls unnormal erscheinen. Ich hab Angst davor. Wahnsinnige Angst. Mein Herz pocht. Als ich endlich in meinem Kurszimmer angelangt bin, begebe ich mich auf die letzte Reihe und lasse meinen Rucksack fallen, um danach in die Schulbank zu versinken. Ich sitze allein und immer in der letzten Reihe. Der Rest des Kurses ist hier und da in Diskussionen vertieft oder am Hausaufgaben abschreiben. „Atmen nicht vergessen“ denke ich „einfach nur atmen“ als ein greller, lauter Ton meine wirren Gedanken durchdringt. Ich bin tot. Am Ende. Da schwebt gerade, in engen Jeans und einem roten T-Shirt bekleidet, die Frau meiner Träume durch die Tür. Sie weiß jetzt, wie es um meine Gefühle zu ihr steht. „Sie weiß es“ spukt mir im Kopf herum und dann noch ein leises „ich habe sie geküsst“. Eine Nacht, die alles verändert hat. Eine Nacht, in der ich meine Freundin verloren habe, denn das war sie bis zu diesem Zeitpunkt gewesen. Ich starre auf meine Bank. Ein kleines Herz wurde irgendwann einmal in die linke, obere Ecke gekritzelt. Nein, nicht von mir. Ich hab kein Herz mehr. Ich frage mich, ob sie nur einmal in meine Richtung geblickt hat. Beantworten kann ich diese Frage nicht, weil ich keinen Mut habe, meinen Blick von der Bank zu heben, jedoch würde ich ihr zu gern in die Augen schauen wie in jener Nacht. Es war alles so einfach und nun türmen sich die Ruinen des Daseins vor mir auf. Vorher waren es Luftschlösser, die genau in jener Nacht einfach in sich zusammengefallen sind. Trostlos wage ich einen Blick in Richtung Tafel und meine Hände ringen damit, den Stift nicht aus den Händen zu verlieren. Ablenkung. Schreiben und dazu ihre Stimme. Zufällig streifen sich unsere Blicke, kleben kurz aneinander und verschwinden wieder in die Kontrolliertheit der Ignoranz. Auch ich spüre ihre Unsicherheit. Tauschen möchte ich gerade nicht mit ihr, denn mir würden die Worte fehlen. Nur noch ein kurzer Blick. Nur ein winziger Augenblick für uns zwei. Ich bin immer mit wenig zufrieden gewesen und trotzdem wollte mein Herz mehr. Emilia Galotti breitet sich auf der Tafel aus. Mehr und mehr nehme ich ihre Stimme wahr. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich Grund genug habe, noch nervöser zu werden. Nach dieser Stunde wird sie mich um ein Gespräch bitten. Sollte ich vielleicht jetzt schon den Raum verlassen und nicht wieder erscheinen? Warum kann sie mir nicht einfach eine SMS oder eMail schreiben? Vielleicht weil ich es auch nicht getan habe und jetzt sitze ich hier. Wortlos. Ausgelaugt. Leer.
„Nehmen sie bitte ihr Buch zur Hand“ kommt irgendwie in meinem Gehirn an „und lest euch den zweiten Akt bis Seite 50 durch. Ich teile in der Zwischenzeit einen Zettel mit Fragen aus. Diese Fragen beantwortet Ihr bitte schriftlich. Ihr könnt dabei gerne mit eurem Banknachbarn zusammenarbeiten.“ Banknachbarn? Hektische Blicke versuchen den zweiten Akt zu erfassen. Ich kann kein Deutsch mehr. Hilfe. Im Kurs ist absolute Stille. Nur das Geräusch vom Austeilen der Übungsaufgaben wird eindringlicher. Mir ist warm und kalt zugleich. Sie steht vor mir. Ihr Blick ist weich, stelle ich fest, nachdem ich den Mut bewiesen habe, sie anzusehen. Ein Lächeln. Ich nehme an, dass eine gewisse Röte im Gesicht, meine Beschämung unterstreicht. Als sie weitergeht, widme ich mich erst einmal den Übungszetteln. Übungszetteln? Moment mal! Das, was hier noch auf meinem Tisch liegt, ist ein kleines Schriftstück. Einmal Zusammengefaltet. Handgeschrieben.
„Danke für den wunderschönen Abend und danke für die lieben Zeilen. Ich bin sehr verwirrt. Lass uns bitte reden und gib mir Bescheid, wenn du dazu bereit bist.“
Meine Augen leuchten ein wenig. Verwirrt. Was wird das zu bedeuten haben? Am liebsten würde ich zu ihr gehen, mich in ihre arme legen und alles um mich herum vergessen. Nur werde ich dies nie wieder dürfen. Es klingelt. Langsam packe ich die Bücher und Hefte in meinen Rucksack und begebe mich Richtung Tür. Jetzt ist es überstanden. Sie wird mich heute erst einmal nicht mehr ansprechen. Ich bin diejenige, welche für den nächsten Schritt verantwortlich ist. Wieder eine Aufgabe, die sich durch meine Gedankenwelt quälen wird und ja, ich mache Abitur und ja, manchmal muss ich auch lernen. Mein Gefühlschaos wächst mir über den Kopf. Alles andere bleibt liegen. Darüber reden mit einer Freundin kommt für mich nicht in Frage. Es wäre viel zu gefährlich. Außerdem hab ich nur eine Bezugsperson und das ist Marina. Unser Kontakt ist jedoch auch mehr oder weniger sporadisch. Als Außenseiter und Einzelgänger hab ich mir einen Namen gemacht. Einmal konnte jemand über die riesige Mauer um mich herum klettern. Sie war es, die Frau meiner Träume, die es nicht sein darf.