G
Gelöscht 7895
Gast
Weg hier
Natürlich sitze ich am Abend wieder daheim am PC. Ich weiß nicht recht, ob ich Nicola in die ganze Geschichte einweihen oder noch warten soll. Sie hat mir gerade eine Mail geschrieben, dass sie zu Hause angekommen ist. Ich bin beruhigt – vorerst! Wirklich schlimm werden die Dinge, wenn sich mein Gewissen darum reißt, Klarheit zu bekommen. Morgen werde ich Nicola wieder unterrichten müssen. Gerade überprüfe ich den Online-Status einiger Foren-Kandidaten. Mir bleibt nur das Mitlesen. Ich sehe mich also weiter in der Ordnerstruktur der Foren um. MR. UND MRS. AUßENSEITER – BITTE STIMMT AB. Drei neue Einträge. Nein, das darf nicht sein! „WEN WÜRDET IHR NIEMALS AUF EINE PARTY EINLADEN?“ schrieb GOLEM und setzte einen dicken, fetten Smiley dahinter. Kann ich meinen Augen noch trauen oder befinde ich mich in einem ganz schrecklichen Traum, aus dem es im Moment kein Erwachen gibt? „Von der Alten bekommt die immer eine Sonderbehandlung. Wer weiß schon, wie die zu ihren guten Noten kommt“ steht da wahlweise noch harmlos geschrieben. Ich fliege über Buchstaben, die sich wie schwarze Magie zu Worten winden. Ihr Zauber ist feige und abscheulich. Wie lange geht das wohl schon so? Es schmeckt mir alles gar nicht. Nicola, die Arme. Schon seit ich sie kenne, frage ich mich, warum sie den größten Teil ihrer Schulzeit allein unterwegs ist und erst jetzt begreife ich, wieso sie nie einen Zugang zu dem Großteil ihrer Mitschüler hätte bekommen können. Da steht alles. Sie wird also gemieden, wo es nur geht, zumindest von Einigen. GOLEM gehört mit 100%iger Wahrscheinlichkeit dazu. Hat sie wirklich zu gute Noten? Das kann nicht sein. Im Unterricht fällt sie nicht mehr oder weniger auf wie andere Schüler auch. Okay, wenn ich als Lehrerin eine verlässliche Antwort im Unterricht haben möchte, weiß ich genau, dass ich sie fragen kann, wenn der Rest der Klasse schläft. Ich dachte immer, dass es wohl nur bei mir so ist. Dem muss ich nachgehen, doch wie frage ich andere Lehrer über Nicola aus, ohne dass sie Verdacht schöpfen? Wohl oder übel muss ich mir die Krankheitssituation zu Nutze machen. Ich möchte vorbereitet sein und der Dinge harren, die diesbezüglich noch auf mich zukommen könnten. Zum Glück ist es mir für den Augenblick vergönnt, im Konjunktiv zu denken. Seit ich diese Foren entdeckt habe, existieren ein paar Probleme mehr für mich. Nur habe ich keinen blassen Schimmer, inwieweit diese exotisch klingenden Gestalten im Netz auch eine Gefahr für uns sind. Was genau wissen sie? Gut, für den Moment nehme ich an, dass alles Getippte ihrerseits eine reine Spekulation ins Blaue ist. Diese Feststellung hat etwas Beruhigendes, wohingegen sie nicht wirklich hilft, alles Andere zu verdrängen, was ich gelesen und erlebt habe. Dennoch wird mir an der einen oder anderen Stelle Angst. Immer mehr wird mir bewusst, dass ich geradewegs in ein Doppelleben renne. Mein Verdacht bestätigt sich jeden erbärmlichen Tag auf’s Neue und noch mehr, seit ich hier mitlese. Ich war noch niemals in meinem Leben so ziellos unterwegs wie ich es jetzt gerade bin. Stets wusste ich mit mir und meiner Umwelt umzugehen und vielleicht liegt es genau daran, dass ich noch nie an solch elementare Fragen gedacht habe, die mich jetzt schlaflos im Dunkel stehen lassen. Eine Verkettung von unwirklichen Entscheidungen führte dazu, dass sich drei Fragezeichen in meinem Kopf verdoppelten. Aus dem Verdoppeln wurde im Laufe der Zeit verdreifachen usw. Auch für Nicola ist diese Situation nicht leicht. Erst einmal bin ich froh, dass sie wieder gut zu Hause angekommen ist, doch ich bin diejenige, welche eine gewisse Verantwortung an den Tag legen sollte. Dieser Pflicht komme ich seit geraumer Zeit nicht mehr nach, zumindest was Nicola angeht. Mich beschäftigt der Gedanke, mir von all dem Chaos eine Auszeit zu gönnen. Die Foren haben ihren Teil dazu beigetragen. Vielleicht sollte ich einen Versetzungsantrag ernsthaft in Erwägung ziehen. Ich meine, wo soll diese Straße ins Nirgendwo enden? Mein altes Leben habe ich so gut wie weggeschmissen. Das Neue kann ich unter diesen Umständen wohl kaum so, wie es jetzt ist, weiterführen. Ich bin zu einer Entscheidung gezwungen, ob sie mir schmecken mag oder nicht. In erster Linie bin ich Lehrerin. Ich gehe tagtäglich meinem Job nach und dazu gehört es auch, ab und an Sympathie zu empfinden. Das möchte ich gar nicht bestreiten. Mehr als das sollte niemals stattfinden. Der Abstand von allem, sowohl von Nicola als auch von Stefan, scheint Früchte zu tragen. Es hilft mir, wenn ich allein und niemandem zur Rechenschaft verpflichtet bin. Es ist deprimierend, so schrecklich sensibel zu sein. Ich habe keine rechte Ahnung, was aus den vergangenen Wochen für mein weiteres Leben Relevanz besitzt. Möglicherweise ist es schlicht und einfach die Tatsache, dass ich eine erotische Erfahrung mit einer Frau gemacht habe, sie genießen und im Spiegelbild meines Verlangens festhalten konnte. Zufällig war diese Frau meine Schülerin. Diese Erfahrung nimmt mir niemand mehr und wer weiß schon, welche Bedeutung sie für mich haben wird. Je länger ich mich mit diesen Dingen beschäftige, desto mehr erschlägt mich meine Rationalität. Ich frage mich manchmal, ob alles erst so schlimm werden muss, bis sich meine Liebe zur Einfachheit meldet. Es scheint mir als sei sie spezialisiert auf solche Situationen. Was hält mich also davon ab, mir ein paar Tage AOK-Urlaub zu gönnen, mich ins Auto zu setzen und die Welt zu erkunden? Vorerst muss ich mich selbst neu kennen lernen und es hat mir noch nie geschadet, mich ab und an wieder neu zu erfinden. Zugegeben, ich bin nicht mehr 20 Jahre jung, doch meine Spontanität habe ich mir hoffentlich erhalten. Wage Pläne winden sich in Gedanken zu einem Meer aus Angst, Freude und Neugier. Endlich bin ich soweit, einen Entschluss nicht nur gedanklich zu fassen, sondern gleichwohl bereit, ihn auch in die Tat umzusetzen. Wahrscheinlich ist es der pure Egoismus, der mich dazu treibt. Es fiel mir schon immer schwer, egoistisch zu sein. Es liegt nicht in meiner Natur, doch diesmal geht kein Weg daran vorbei. Eine alte Freundin von mir wohnt in der Schweiz. Wir sehen uns sehr selten, aber sie bot mir des Öfteren an, dass ich sie besuchen kommen kann, wenn mir danach ist. Nun ist es wohl an der Zeit, teilweise zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Sie hat immer ein offenes Ohr für mich. Wir stehen uns nahe, wenn es einem von uns schlecht ergeht, können über fast alles reden und wer weiß, vielleicht erzähle ich ihr die ganze Wahrheit, so wie sie war und ist. Einen Teil davon wird sie eh erfahren, spätestens dann, wenn sie nach Stefan fragt. Ich bin mir sicher, dass alles gut wird. Früher war es Nadine, die mich in schwierigen Zeiten auffing, mir Halt gab und heute sehen wir uns viel zu selten. Sollte es mir gefallen, werde ich nie wieder zurück kommen und mir einen neuen Job suchen. Ich sollte lockerer werden und die Dinge einfach geschehen lassen. Sie haben eh ihre eigene Dynamik, wie ich bereits mehr oder weniger schmerzlich erfahren durfte. Alles in mir strebt nach Veränderung. Diesmal will ich mir nicht selbst im Wege stehen. Gerade entdecke ich den Mut zur Lebendigkeit. Ich weiß genau, wo ich mit Nadine landen werde, wenn ich sie nach so langer Zeit wiedersehe. Wir werden die guten alten Zeiten aufleben lassen und sicher am ersten Abend in einer Bar versacken. Das habe ich schon seit Längerem nicht mehr gemacht. So langsam werden meine Gedanken und ich Freunde. Ich hoffe nur, dass wir auch Verbündete werden, die den Pakt für’s Leben schließen, ihn mit Wehmut begießen und die Erinnerungen einfach als Vergangenheit akzeptieren. So sieht er nun aus, mein Masterplan. Jedoch werde ich das beklemmende Gefühl nicht los, dass es nicht der Einzige sein wird. Schließlich hatte ich schon Unzählige davon und auf keinen war so richtig Verlass. Aber wo denke ich hin. Genau das soll sich ja ab heute ändern. Nur weiß ich noch nicht, wen ich mein Vorhaben erzählen soll und ob überhaupt. Ist es gerechtfertigt, morgen meine Sachen zu packen und niemandem etwas zu sagen oder sollte ich vorher mit Nicola reden? In mir steigt diese klägliche Angst empor, die ich schon aus dem Krankenhaus kenne. Ich wollte ihr schon so einige Male beibringen, was genau mich zur Zeit beschäftigt, wie es um mich und mein Leben bestellt ist, jedoch habe ich nie wirklich den Mut dazu gehabt, obwohl ich es mir felsenfest vorgenommen hatte. Ihre traurigen Augen hätte ich nicht ertragen können. Leidig denke ich an morgen und ein eventuell stattfindendes Gespräch mit ihr. Was sollte ich ihr schon sagen? „Du wirst von mir zwei Wochen nichts hören, nichts lesen und überhaupt?“ Zu Erklärungen bin ich ihr gegenüber nicht verpflichtet. Deshalb werde ich einfach fahren. Sie wird sich sicher bei mir melden. Dann kann ich immer noch agieren. Aus der Welt bin ich schließlich nicht, nur eben mal weg zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, für mich aber genau der Richtige. Ich will frei sein. Genau das, was ich jahrelang im Käfig des Lebens nicht sein konnte. Single bin ich ja sowieso und nun dazu berufen, die Welt zu erkunden. Ich lege es jetzt fest, dass es so ist. Es fühlt sich wahrhaftig für mich an. Nicola und Stefan sind Vergangenheit. Sollte ich „vorerst“ sagen? Die Foren überfordern mich. Ich muss nachdenken und brauche Zeit – Zeit, die ich mit mir allein verbringe. Das Gefühl werde ich nicht los, dass mir die berechnende Kaltschnäuzigkeit gerade recht kommt, um mich neu zu sortieren. Auf meine Instinkte scheint ja noch Verlass zu sein, auch wenn es derzeit das Einzige ist, worauf ich zählen kann. Aber immerhin etwas. Sie helfen mir dabei, ich selbst zu sein. Komisch ist es schon, wenn ich nach einer gewissen Zeit, alles Geschehene mit Abstand betrachte und das gerade jetzt, wo ich die blöden Foren gefunden habe. Sicherlich ist es eine Form von Verarbeiten. Nur fehlt mir noch jemand, der mir gut zuredet, mich in meinem Vorhaben bestärkt und mir in den Hintern tritt, wenn ich erneut in Versuchung kommen sollte, im Abseits zu spielen. Nein, das möchte ich mir nicht ausmalen. Zu tief sitzt es schon in mir und ich bin überaus froh, wenn ich daran etwas ändern kann. Selbst ist die Frau.
LG,
Sternchengast
Natürlich sitze ich am Abend wieder daheim am PC. Ich weiß nicht recht, ob ich Nicola in die ganze Geschichte einweihen oder noch warten soll. Sie hat mir gerade eine Mail geschrieben, dass sie zu Hause angekommen ist. Ich bin beruhigt – vorerst! Wirklich schlimm werden die Dinge, wenn sich mein Gewissen darum reißt, Klarheit zu bekommen. Morgen werde ich Nicola wieder unterrichten müssen. Gerade überprüfe ich den Online-Status einiger Foren-Kandidaten. Mir bleibt nur das Mitlesen. Ich sehe mich also weiter in der Ordnerstruktur der Foren um. MR. UND MRS. AUßENSEITER – BITTE STIMMT AB. Drei neue Einträge. Nein, das darf nicht sein! „WEN WÜRDET IHR NIEMALS AUF EINE PARTY EINLADEN?“ schrieb GOLEM und setzte einen dicken, fetten Smiley dahinter. Kann ich meinen Augen noch trauen oder befinde ich mich in einem ganz schrecklichen Traum, aus dem es im Moment kein Erwachen gibt? „Von der Alten bekommt die immer eine Sonderbehandlung. Wer weiß schon, wie die zu ihren guten Noten kommt“ steht da wahlweise noch harmlos geschrieben. Ich fliege über Buchstaben, die sich wie schwarze Magie zu Worten winden. Ihr Zauber ist feige und abscheulich. Wie lange geht das wohl schon so? Es schmeckt mir alles gar nicht. Nicola, die Arme. Schon seit ich sie kenne, frage ich mich, warum sie den größten Teil ihrer Schulzeit allein unterwegs ist und erst jetzt begreife ich, wieso sie nie einen Zugang zu dem Großteil ihrer Mitschüler hätte bekommen können. Da steht alles. Sie wird also gemieden, wo es nur geht, zumindest von Einigen. GOLEM gehört mit 100%iger Wahrscheinlichkeit dazu. Hat sie wirklich zu gute Noten? Das kann nicht sein. Im Unterricht fällt sie nicht mehr oder weniger auf wie andere Schüler auch. Okay, wenn ich als Lehrerin eine verlässliche Antwort im Unterricht haben möchte, weiß ich genau, dass ich sie fragen kann, wenn der Rest der Klasse schläft. Ich dachte immer, dass es wohl nur bei mir so ist. Dem muss ich nachgehen, doch wie frage ich andere Lehrer über Nicola aus, ohne dass sie Verdacht schöpfen? Wohl oder übel muss ich mir die Krankheitssituation zu Nutze machen. Ich möchte vorbereitet sein und der Dinge harren, die diesbezüglich noch auf mich zukommen könnten. Zum Glück ist es mir für den Augenblick vergönnt, im Konjunktiv zu denken. Seit ich diese Foren entdeckt habe, existieren ein paar Probleme mehr für mich. Nur habe ich keinen blassen Schimmer, inwieweit diese exotisch klingenden Gestalten im Netz auch eine Gefahr für uns sind. Was genau wissen sie? Gut, für den Moment nehme ich an, dass alles Getippte ihrerseits eine reine Spekulation ins Blaue ist. Diese Feststellung hat etwas Beruhigendes, wohingegen sie nicht wirklich hilft, alles Andere zu verdrängen, was ich gelesen und erlebt habe. Dennoch wird mir an der einen oder anderen Stelle Angst. Immer mehr wird mir bewusst, dass ich geradewegs in ein Doppelleben renne. Mein Verdacht bestätigt sich jeden erbärmlichen Tag auf’s Neue und noch mehr, seit ich hier mitlese. Ich war noch niemals in meinem Leben so ziellos unterwegs wie ich es jetzt gerade bin. Stets wusste ich mit mir und meiner Umwelt umzugehen und vielleicht liegt es genau daran, dass ich noch nie an solch elementare Fragen gedacht habe, die mich jetzt schlaflos im Dunkel stehen lassen. Eine Verkettung von unwirklichen Entscheidungen führte dazu, dass sich drei Fragezeichen in meinem Kopf verdoppelten. Aus dem Verdoppeln wurde im Laufe der Zeit verdreifachen usw. Auch für Nicola ist diese Situation nicht leicht. Erst einmal bin ich froh, dass sie wieder gut zu Hause angekommen ist, doch ich bin diejenige, welche eine gewisse Verantwortung an den Tag legen sollte. Dieser Pflicht komme ich seit geraumer Zeit nicht mehr nach, zumindest was Nicola angeht. Mich beschäftigt der Gedanke, mir von all dem Chaos eine Auszeit zu gönnen. Die Foren haben ihren Teil dazu beigetragen. Vielleicht sollte ich einen Versetzungsantrag ernsthaft in Erwägung ziehen. Ich meine, wo soll diese Straße ins Nirgendwo enden? Mein altes Leben habe ich so gut wie weggeschmissen. Das Neue kann ich unter diesen Umständen wohl kaum so, wie es jetzt ist, weiterführen. Ich bin zu einer Entscheidung gezwungen, ob sie mir schmecken mag oder nicht. In erster Linie bin ich Lehrerin. Ich gehe tagtäglich meinem Job nach und dazu gehört es auch, ab und an Sympathie zu empfinden. Das möchte ich gar nicht bestreiten. Mehr als das sollte niemals stattfinden. Der Abstand von allem, sowohl von Nicola als auch von Stefan, scheint Früchte zu tragen. Es hilft mir, wenn ich allein und niemandem zur Rechenschaft verpflichtet bin. Es ist deprimierend, so schrecklich sensibel zu sein. Ich habe keine rechte Ahnung, was aus den vergangenen Wochen für mein weiteres Leben Relevanz besitzt. Möglicherweise ist es schlicht und einfach die Tatsache, dass ich eine erotische Erfahrung mit einer Frau gemacht habe, sie genießen und im Spiegelbild meines Verlangens festhalten konnte. Zufällig war diese Frau meine Schülerin. Diese Erfahrung nimmt mir niemand mehr und wer weiß schon, welche Bedeutung sie für mich haben wird. Je länger ich mich mit diesen Dingen beschäftige, desto mehr erschlägt mich meine Rationalität. Ich frage mich manchmal, ob alles erst so schlimm werden muss, bis sich meine Liebe zur Einfachheit meldet. Es scheint mir als sei sie spezialisiert auf solche Situationen. Was hält mich also davon ab, mir ein paar Tage AOK-Urlaub zu gönnen, mich ins Auto zu setzen und die Welt zu erkunden? Vorerst muss ich mich selbst neu kennen lernen und es hat mir noch nie geschadet, mich ab und an wieder neu zu erfinden. Zugegeben, ich bin nicht mehr 20 Jahre jung, doch meine Spontanität habe ich mir hoffentlich erhalten. Wage Pläne winden sich in Gedanken zu einem Meer aus Angst, Freude und Neugier. Endlich bin ich soweit, einen Entschluss nicht nur gedanklich zu fassen, sondern gleichwohl bereit, ihn auch in die Tat umzusetzen. Wahrscheinlich ist es der pure Egoismus, der mich dazu treibt. Es fiel mir schon immer schwer, egoistisch zu sein. Es liegt nicht in meiner Natur, doch diesmal geht kein Weg daran vorbei. Eine alte Freundin von mir wohnt in der Schweiz. Wir sehen uns sehr selten, aber sie bot mir des Öfteren an, dass ich sie besuchen kommen kann, wenn mir danach ist. Nun ist es wohl an der Zeit, teilweise zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Sie hat immer ein offenes Ohr für mich. Wir stehen uns nahe, wenn es einem von uns schlecht ergeht, können über fast alles reden und wer weiß, vielleicht erzähle ich ihr die ganze Wahrheit, so wie sie war und ist. Einen Teil davon wird sie eh erfahren, spätestens dann, wenn sie nach Stefan fragt. Ich bin mir sicher, dass alles gut wird. Früher war es Nadine, die mich in schwierigen Zeiten auffing, mir Halt gab und heute sehen wir uns viel zu selten. Sollte es mir gefallen, werde ich nie wieder zurück kommen und mir einen neuen Job suchen. Ich sollte lockerer werden und die Dinge einfach geschehen lassen. Sie haben eh ihre eigene Dynamik, wie ich bereits mehr oder weniger schmerzlich erfahren durfte. Alles in mir strebt nach Veränderung. Diesmal will ich mir nicht selbst im Wege stehen. Gerade entdecke ich den Mut zur Lebendigkeit. Ich weiß genau, wo ich mit Nadine landen werde, wenn ich sie nach so langer Zeit wiedersehe. Wir werden die guten alten Zeiten aufleben lassen und sicher am ersten Abend in einer Bar versacken. Das habe ich schon seit Längerem nicht mehr gemacht. So langsam werden meine Gedanken und ich Freunde. Ich hoffe nur, dass wir auch Verbündete werden, die den Pakt für’s Leben schließen, ihn mit Wehmut begießen und die Erinnerungen einfach als Vergangenheit akzeptieren. So sieht er nun aus, mein Masterplan. Jedoch werde ich das beklemmende Gefühl nicht los, dass es nicht der Einzige sein wird. Schließlich hatte ich schon Unzählige davon und auf keinen war so richtig Verlass. Aber wo denke ich hin. Genau das soll sich ja ab heute ändern. Nur weiß ich noch nicht, wen ich mein Vorhaben erzählen soll und ob überhaupt. Ist es gerechtfertigt, morgen meine Sachen zu packen und niemandem etwas zu sagen oder sollte ich vorher mit Nicola reden? In mir steigt diese klägliche Angst empor, die ich schon aus dem Krankenhaus kenne. Ich wollte ihr schon so einige Male beibringen, was genau mich zur Zeit beschäftigt, wie es um mich und mein Leben bestellt ist, jedoch habe ich nie wirklich den Mut dazu gehabt, obwohl ich es mir felsenfest vorgenommen hatte. Ihre traurigen Augen hätte ich nicht ertragen können. Leidig denke ich an morgen und ein eventuell stattfindendes Gespräch mit ihr. Was sollte ich ihr schon sagen? „Du wirst von mir zwei Wochen nichts hören, nichts lesen und überhaupt?“ Zu Erklärungen bin ich ihr gegenüber nicht verpflichtet. Deshalb werde ich einfach fahren. Sie wird sich sicher bei mir melden. Dann kann ich immer noch agieren. Aus der Welt bin ich schließlich nicht, nur eben mal weg zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, für mich aber genau der Richtige. Ich will frei sein. Genau das, was ich jahrelang im Käfig des Lebens nicht sein konnte. Single bin ich ja sowieso und nun dazu berufen, die Welt zu erkunden. Ich lege es jetzt fest, dass es so ist. Es fühlt sich wahrhaftig für mich an. Nicola und Stefan sind Vergangenheit. Sollte ich „vorerst“ sagen? Die Foren überfordern mich. Ich muss nachdenken und brauche Zeit – Zeit, die ich mit mir allein verbringe. Das Gefühl werde ich nicht los, dass mir die berechnende Kaltschnäuzigkeit gerade recht kommt, um mich neu zu sortieren. Auf meine Instinkte scheint ja noch Verlass zu sein, auch wenn es derzeit das Einzige ist, worauf ich zählen kann. Aber immerhin etwas. Sie helfen mir dabei, ich selbst zu sein. Komisch ist es schon, wenn ich nach einer gewissen Zeit, alles Geschehene mit Abstand betrachte und das gerade jetzt, wo ich die blöden Foren gefunden habe. Sicherlich ist es eine Form von Verarbeiten. Nur fehlt mir noch jemand, der mir gut zuredet, mich in meinem Vorhaben bestärkt und mir in den Hintern tritt, wenn ich erneut in Versuchung kommen sollte, im Abseits zu spielen. Nein, das möchte ich mir nicht ausmalen. Zu tief sitzt es schon in mir und ich bin überaus froh, wenn ich daran etwas ändern kann. Selbst ist die Frau.
LG,
Sternchengast