Mal wieder etwas Neues von mir.
Cyberglück
Seit Nicola im Krankenhaus liegt und einen Internetzugang hat, schreiben wir uns mehrmals am Tag ausführlich unser Befinden per eMail. Ebenfalls sendet sie mir ihre Hausarbeit zu und ich kontrolliere ihr Vorankommen im Stoff. Es ist schon zur Marotte geworden, dass andere Lehrer, von denen Nicola unterrichtet wird, mir die Themenkomplexe geben, weil sie wissen, dass ich mich um sie kümmere. Dies hat sich einfach so ergeben. Soweit weiß meine Umwelt also schon Bescheid und irgendwie habe ich nach all dem Erlebten kein gutes Gefühl dabei. Von weiser Voraussicht war mein Handeln allerdings noch nie geprägt, doch ich erhalte langsam aber sicher etwas Abstand vom Geschehenen. Meine Umlaufbahn entfernt sich vom Planet Erde. Es gibt mir Kraft und neuen Lebensmut, meine Zukunft nicht so düster zu malen. Auch an diesem Tag checke ich meinen elektronischen Posteingang. Natürlich habe ich eine Mail von ihr bekommen. Aus diesem Grund sitze ich überhaupt vor dieser Kiste, denn eigentlich habe ich mit dieser elektronischen Versuchung nicht allzu viel am Hut. Jedoch ist es spannend, sich einmal länger als fünf Minuten mit dem Internet zu beschäftigen. Nach und nach sehe ich mich in der virtuellen Welt um, in der es scheinbar keine Grenzen gibt. Mit einem Mouseclick lande ich in New York und mit dem Nächsten direkt auf dem Sofa eines Möbelhändlers in Freising. Ach, das lässt mich träumen. Wenn so etwas für mein Leben auch möglich wäre, ich wüsste, dass ich keine Moral und kein Schuldgefühl kennen würde, denn mit einem Klick wäre ich in der Lage, mir eine neue Welt zu bauen. Gott sei dank ist es noch nicht soweit und ich schwöre mir, dass ich es nie dazu kommen lasse. Mich schaudert es bei diesem Gedanken. Allerdings werde ich neugierig, was auf unserer Schulwebsite so alles passiert. Ein paar Mal schon war ich dort unterwegs gewesen, jedoch nur, um Aufgaben zur Bearbeitung einzustellen. Die neue Technik geht an den Schulen auch nicht spurlos vorbei. Jetzt allerdings interessieren mich die Schülerforen. Ich ertappe mich, wie ich von meiner kindlichen Neugier und meinem Spieltrieb dazu veranlasst werde, doch noch etwas länger am PC zu verweilen. Normalerweise ist das eine Aufgabe, der ich gerne einmal nachhänge, wenn ich nachts nicht schlafen kann. Ansonsten bleibe ich davon eher unberührt, doch irgendetwas an diesem Tag wollte wohl, dass ich mich intensiver mit der Website der Schule auseinandersetze. Ich betrete das Forum „Plauderecke“ und lese die ersten Einträge zum Thema „Deutschstunde“. PANIKPRINZESSIN schrieb, wie S**** sie die letzte Klausur fand. Sie würde die Zwölf so nicht überstehen. „Tja, Prinzessin… ich an deiner Stelle würde vor diesem Hintergrund auch Panik bekommen“ denke ich so leise vor mich hin. EULE gab tröstende Antworten: „Es liegt doch eh nur an der blöden Kuh von Lehrerin. Die Alte habe ich auch gefressen.“ Ich frage mich, wie die Alte wohl schmecken mag und vor allem, WER die Alte wohl ist. Grundsätzlich käme es in Frage, dass ich es bin. Aber darüber darf ich mir nicht den Kopf zerbrechen. Ich steige tiefer in die abtrünnigen Gefilde dieses Forums ein. KAMPFZWERG gibt kund, dass er die ominöse Alte gern einmal so richtig auflaufen lassen würde. Ein Link trägt mich auf Cyberwolken in ein anderes, neues Forum, was sich außerhalb der Schulwebsite befindet. Dort gibt der ADMINISTRATOR bekannt, dass er dieses Forum extra eingerichtet hat, damit die Beiträge unzensiert und frei erscheinen können, gewissermaßen eine Plattform für Schüler, die sich ungeniert Luft machen. In der Vergangenheit habe ich von den Informatiklehrern, die Aufseher in der virtuellen Parallelwelt, am Rande mitbekommen, dass es immer wieder zu Problemen kam, was die Schülerforen anging. Ob KAMPFZWERG wohl der ADMINISTRATOR des seltsamen, anderen Forums ist? Meine Augen scrollen sich durch weitere Beiträge. In Einigen wird konkret mit Namen gehandelt und auch ich finde mich wieder. Der Link, dem ich nichtsahnend folgte, landete im Forum „Frau Schmidt“. Der letzte Eintrag geschah gestern Abend um 23🤐6 Uhr. GOLEM vermerkte, sichtbar und leserlich für alle, dass ich wohl eine Art Vorliebe für Außenseiterinnen haben muss. Das war es. Der letzte Eintrag brachte mich endgültig dahin, wo ich nie hin wollte. Plötzlich hatte ich Angst. Angst um meinen Job, mein Leben, wie es bisher war. Ich scannte jeden Beitrag, der sich unter dem Thema „Frau Schmidt“ befand und war erstaunt, wie viel Wut und Zorn mir entgegengebracht wird. Wer um alles in der Welt ist PANIKPRINZESSIN, EULE, GOLEM und KAMPFZWERG? Blitzschnell schießt mir ein Gedanke in den Kopf – mein Notenbuch. Dort sehe ich nach, wer genau in meinen zwölfer Deutschkursen versetzungsgefährdet ist. Auch wenn es mich nicht wirklich weiter bringt, denn es gibt ein paar Schüler, auf die es zutreffen kann, gleiche ich das Geschriebene mit meinem Buch in der Hand ab, merke mir die Namen und mein weiteres Verhalten ist noch völlig unklar. Fast schon panisch lese ich den letzten Eintrag von GOLEM erneut. Diesen letzten Satz nehme ich mit in die Klasse. „Guten Morgen, meine Lieben!“ klingt nicht mehr so, wie es eigentlich gemeint sein sollte. Leicht verzweifelt fliegen meine Augen durch die Klasse, eine von zwei Deutschkursen der Jahrgangsstufe 12. „Heute wollen wir uns ganz der Gedichtinterpretation widmen“ geht der offizielle Auftrag an die Schüler, doch mein verdecktes Ermitteln folgt höheren Zielen. „Markus trägt uns bitte seine Interpretation zum Gedicht ,Willkommen und Abschied’ vor. Ich hoffe, jeder von euch hat seine Hausaufgaben erledigt“ und ich ertappe mich dabei, wie pampig ich diesen Satz runter rasseln kann. Alles, was ihnen fehlt, ist der nötige Respekt. Ich will noch mehr von diesen Beiträgen im Forum lesen. Vorerst beginnt Markus seine Sicht der Dinge zu erläutern. „Zur Zeit der Entstehung des Gedichtes 1771 war Goethe ein junger, an der gesellschaftlichen Entwicklung sehr interessierter Student. Er liebte das Leben und war gegenüber allem Neuen und Schönen aufgeschlossen“, fängt Markus an, den persönlichen Hintergrund Goethes zu beleuchten. Ich hingegen stelle mich an das Fenster, verschränke die Arme vor meinem Körper und wäre zu gern allem Neuen gegenüber aufgeschlossen. Markus interessiert das nicht. Ihn hat es nicht zu interessieren. „Er lernt in einer Kleinstadt ein 19jähriges Mädchen kennen und verliebt sich in sie. In seinem Gedicht will der Liebende möglichst schnell zu seiner Angebeteten gelangen“ vernehme ich hohl und leer aus dem Mund von Markus, ohne dass er ahnen kann, wie hohl und leer seine Worte in die Welt fliegen. Ich hatte schon bessere Vorträge gehört. Konzentration, Frau Schmidt! Es lässt mich nicht los. Dieses Forum spukt mir im Kopf herum. Meine Blicke fliegen auf die Stirn von Markus. Eindringlich wollen sie sich in das Dahinterliegende bohren. Bist du GOLEM oder EULE oder KAMPFZWERG oder… ach weiß der Geier wer. So komme ich nicht weiter. Ich merke, wie ich von Sandy beobachtet werde. Eigentlich muss ich so etwas gewöhnt sein, aber heute macht es mich nervös. Ich bin verwirrter als sonst und versuche, dem Blick von Sandy stand zu halten. Prima, sie schaut weg. In der nächsten Sekunde mustere ich Marina. PANIKPRINZESSIN? Ihr Abschluss ist im Fach Deutsch gefährdet. „Zwar lugte der Mond hinter Wolkenbändern ein wenig hervor, doch er konnte die Finsternis und die Nacht nicht vertreiben. Schatten wirkten wie Ungeheuer“ gibt sich Markus alle Mühe, ins Lyrische zu verfallen, doch es steht ihm nicht. GOLEM – würde das eher zutreffen? Ich krame in Erinnerungen und versuche mir Situationen vorzustellen, in denen Markus einen Blick für das Detail hatte. Insgeheim hoffe ich natürlich, dass es nie der Fall war, doch irgendjemand muss eine leise, heranwachsende Ahnung besitzen. Nur wer?
LG,
Sternchen, die das Schreiben wieder aufgenommen hat.