@ninja
Danke für die Blumen. Aber Geld verdienen mit Schreiben... das schaffen nur die ganz Guten. Ansonsten könnte ich froh sein, wenn das erste Buch ne Nullrechnng wird.
Und ne Fortsetzung gibt's natürlich auch wieder. Viel Vergnügen beim Lesen.
Wohltuender Schmerz
Heute Abend werde ich mir eine Auszeit gönnen. Dazu suche ich in der nächst größeren Stadt einen neu eröffneten, einschlägigen Szeneschuppen auf, von dem ich in der Zeitung gelesen habe. Ich gehe ganz allein hin und ich habe keine Ahnung, ob diese Entscheidung die Richtige ist. Vielleicht projektiere ich meine Gefühle nur auf diese eine Frau, weil sie mir ach so unerreichbar scheint. Vielleicht aber auch nicht. Ich werde es herausfinden. Ich begebe mich auf die Suche nach dem passenden Outfit. Mein Kleiderschrank gleicht einem Chaos, was seines Gleichen erst einmal finden muss. Kurzzeitig überlege ich, Marina einfach Bescheid zu geben, ob sie nicht Lust hätte, mich zu begleiten. Allerdings spricht einfach zuviel dagegen. Welche Erklärung sollte ich ihr abliefern? Nein, zu aufwendig wäre das Drumherumgerede und ich verstricke mich in Annahmen, die ich nie wieder ins rechte Licht rücken könnte. Also belasse ich dieses Vorhaben bei dem, was es ist – eine schlechte Idee. Nachdem ich nun meine Klamottensammlung einmal komplett durchwühlt habe, gelingt es mir doch, etwas Brauchbares überzuwerfen und ich spute mich. Die Adresse des Clubs hat sich vom ersten Anblick in mein Gedächtnis gebrannt. Nach einem langen Fußmarsch und ein paar Busstationen bin ich fast am Ziel. Ich habe nur ein Problem. Der kleine Schisser in mir meldet sich und veranlasst einen riesengroßen Umweg. Okay, ich spaziere nachts gerne ein wenig durch dunkle Gassen. Da überschlägt sich in mir wenigstens dieses beklemmende Gefühl von Verfolgungswahn, was mich letzten Endes doch zu dem Club treibt. Ein letztes Mal durchschnaufen. Ich trete ein und eine Woge des Andersseins strömt mir entgegen. ‚Siehst du’ meldet sich mein Gewissen ‚Alles halb so schlimm’. Die Bar – wo ist die Bar? Noch etwas verklemmt schmeiße ich mich auf einen Barhocker und fange nach meiner Bestellung ganz langsam an, das Lokal mit meinen Blicken zu analysieren. Verdammt! Was meine Augen gerade vorgesetzt bekommen, ist für sie unverbesserlich schrecklich und ich klammere mich nur so an mein Getränk. Sie, in der letzten Ecke sitzend und eine andere Frau legt den Arm um ihre Schultern. Nein, mich entdeckte sie noch nicht. Aber jetzt kann ich Feldstudien betreiben, auch wenn sie schmerzen. Recht angeregt scheint die Diskussion am Tisch in der letzten Ecke. Ich benötige mehr – mehr Alkohol. Sie lächelt. Ob sie sich wirklich wohl fühlt? Warum ist sie hier? Aus dem gleichen Grund wie ich auch? Neben mir lächelt mich eine Frau an und fragt mich, ob ich zu meinem Alkoholpensum eine Zigarette rauchen möchte. Warum eigentlich nicht. Schlimmer kann ja alles nicht mehr werden.
-„Danke, die Dame. Wenn du noch Feuer hättest, wäre ich sehr erfreut. Rauchen kann ich dann allein. Versprochen!“
-„Ja klar, ich bin übrigens Katrin.“
Sie reicht mir Feuer und meine Augen brennen, weil sie heute Abend schon genug davon abbekommen haben.
-„Du siehst irgendwie nicht gut aus. Sorry, wenn das kein Kompliment ist.“
-„Nicht gut. Ja, so könnte man es nennen.“
-„Einen schweren Tag gehabt?“
-„Der ist erst heute Abend schwer geworden. Aber ich komme schon klar.“
-„Bist du öfters allein in der Szene unterwegs?“
-„Nein, ich bin zum ersten Mal hier und sonst habe ich diese Clubs auch gemieden.“
-„Na, heute Abend das erste Mal hier zu sein, ist auch keine Kunst.“ und sie grinst mich dabei an. „Ich bin öfters in solchen Lokalitäten unterwegs und dich habe ich eben noch nie gesehen. Soviel Auswahl hat Frau diesbezüglich nicht. Die Szene ist eher klein aber fein.“
-„Ich kenne mich da weniger aus. Aber vielleicht wird das ja noch.“
-„Lass dich nicht mit den Frauen hier ein. Die kennen sich alle. Siehst du die Eine da hinten am Tisch in der Ecke?“
-„Ja, ich sehe sie.“ und wie ich sie sehe. In mir brodelt es und ich warte nur noch auf den Vulkanausbruch.
-„Das ist Spike. Sie ist die Chefin mit einem ausgeprägte Revierverhalten, wenn du verstehst, was ich meine. Leg dich niemals mit ihr an.“
-„Spike… so würde ich höchstens meinen Hund nennen.“
-„Du gibst mir Spaß, Kleine.“ und Katrin wendet sich zur Bedienung. „zwei Martini bitte“.
-„Soll ich mich jetzt schon mit Schnaps zukippen?“
-„Auf den heutigen Abend und dein Wagnis, allein in die Szene zu gehen.“
-„Stößchen, die Dame.“ Langsam fühle ich mich wohler und ein Dorn im Auge wird bleiben.
-„Wie heißt du eigentlich, wenn ich fragen darf?“
-„Nicola“
-„Schöner Name“
-„Ich werde es meinen Eltern ausrichten.“
Unerwartet tut sich etwas am Tisch von Spike. Sie steht auf und geht Richtung Bar. Jetzt erblickt sie mich und setzt ihren erdachten Weg nicht fort, sondern begibt sich zu mir.
-„Du auch hier?“ fragt sie mehr beschämt als verwundert.
-„Wie du siehst, ja.“
-„Ich weiss gar nicht recht, was ich jetzt sagen soll.“
-„Frag mich mal.“
Katrin wirft unterdessen ein „Kennt ihr euch?“ in die Runde und wir antworten synchron mit „Ja, tun wir“. Nun wird es spannend und ich werde alles daran setzen, sie nicht wieder an den Tisch von Spike zu entlassen. „Es tut mir weh, dich so zu sehen“ gebe ich ganz offen preis. „Willst du reden?“ entgegnet sie mir. „Gerne, aber nicht hier drin.“ „Dann lass uns einfach gehen, oder?“ Meine Mundwinkel verziehen sich vorsichtig zu einem Lächeln. „Gute Idee“. Sie geht zurück zu Spike, um ihren Abschied zu verkünden. Innerlich triumphiere ich. Jetzt fällt mir auch die Hunderasse ein. Deutsche Dogge. Ja, das passt und ich muss fürchterlich grinsen. Ich verabschiede mich von Katrin, die mir zuzwinkert. Wir sind gerade zusammen im Dunkel der Nacht angekommen, als mir bewusst wird, dass Deutsche Doggen ein äußerst ausgeprägtes Revierverhalten haben können. Spikey samt Anhang ist uns nämlich gefolgt und ich finde mich an einem Gartenzaun gepresst wieder. Missliche Lage, wie mir meine Empfindungen bestätigen.
-„Spannst du mir etwa die Frau aus?“ bellt sie mich an.
-„Nein, das unternimmst du gerade selbst, denke ich.“
Sie versucht, mich zu schützen, doch irgendwie will Spikey nicht hören und die Leckerlis zur Beruhigung hat wohl auch niemand dabei.
-„Willst du mich für dumm verkaufen?“
-„Hatte ich nicht vor. Aber jetzt, wo du es sagst, werde ich darüber nachdenken.“
-„Ich kann richtig, richtig böse werden, wenn du nicht deine dämliche Klappe hälst.“
-„Ja, mach das. Ich bitte dich darum, mich zu schlagen. Schieß dich selbst ins Abseits. Damit könntest du mir einen wahnsinnigen Gefallen tun.“
Nun ja, nach diesen Worten kann auch der Körpereinsatz meiner Traumfrau nichts mehr daran ändern, dass ich mit dem Gesicht gegen eine Hauswand knalle. Überall nur Blut. Allein der Adrenalinüberschuss hindert mich, den Schmerz noch nicht zu fühlen, doch Operation Spikey ist gelungen. „Aggressionen – heute billig“ kommentiere ich mein ‚wieder auf die Beine kommen’ und ich habe mein Ziel erreicht. „Irgendwann hättest du es sein können. Kommst du mit mir oder willst du hier bleiben?“ frage ich sie im Vorbeilaufen. Spikey meldete sich auch noch einmal zu Wort, doch ich möchte nichts mehr verstehen. Sie läuft mir nach. Ich laufe weiter. Sie folgt mir zwei, drei Häuserblocks weiter. Ich bleibe endlich stehen und lehne mich an eine Hauswand, weil der Schmerz langsam aber sicher spürbar ist. „Lass dich mal ansehen“ erklingt ihre Stimme besorgt.
-„Das sieht nicht gut aus.“
-„Wird schon wieder werden.“ Mit diesen Worten halte ich meinen Kopf.
-„Warum hast du diese Frau so provoziert?“
-„Ich? Mich grundlos gegen einen Zaun zu drücken ist auch nicht gerade die feine englische Art.“
-„Ich weiss… aber du hättest sie einfach reden lassen sollen.“
-„Keinesfalls wollte ich, dass du wieder zu ihr an den Tisch gehst, wenn sie dich genug eingewickelt hätte. Es war einfach die sicherste Methode. Schmerzhaft, doch überaus wirksam. Lass uns bitte von hier verschwinden. Bist du mit Auto?“
-„Nein, bin ich nicht. Gehen wir ab der letzten Busstation zu Fuß? Wir können zu mir. Ich bin allein und so, wie du aussiehst, entlasse ich dich nicht in die Nacht. Vielleicht sollten wir ins Krankenhaus. Immerhin hat dein Kopf gelitten und ich mache mir Sorgen.“
-„Musst du dir nicht machen. Es ist alles okay soweit. Das gibt nur ein blaues Auge und eben viele, viele Fragen. Egal. Lass uns gehen.“
Im Bus angekommen, verfasse ich noch eine SMS an meine Ma, dass ich diese Nacht nicht zu Hause aufkreuzen werde. Marina scheint mir als Ausweg nahezu ideal. An der Endstation ausgestiegen, setzen wir unseren Weg zu Fuß fort. So bescheiden der Verlauf dieser Nacht, so fröhlich klopft mein Herz im Augenblick. Entlang des Weges versucht sie, mich noch mehrmals in Richtung Krankenhaus zu bewegen. Man könne ja nie wissen. Es sei gefährlich. Ich entgegne ihr immer wieder, dass sie mir gerade verdammt wichtig ist und ich keinesfalls diese Nacht von ihr weg möchte. Endlich bei ihr angekommen, kümmert sie sich um mein blutverschmiertes Gesicht, ob ich möchte oder nicht. Sie ist so liebevoll zu mir und es gefällt mir, keine Wahl zu haben. Daran könnte ich mich gewöhnen.
-„Ich erzähle dir jetzt, warum ich in diese Bar gegangen bin. Also…ganz ehrlich…Ich wollte herausfinden, ob ich andere Frauen anziehend finde, weil ich zur Zeit einfach nicht weiss wohin…So, jetzt hast du eine Antwort auf eine Frage, die dich brennend interessiert hat.“
-„Ich bin in die Bar gegangen, um herauszufinden, ob ich eine andere Frau genauso anziehend finden kann wie dich und eigentlich wusste ich die Antwort vorher schon. Du scheinst mir so unerreichbar und doch so nahe.“ gebe ich von mir.
-„Was erwartest du von mir?“
-„Nichts! Ich habe keine Erwartungen. Es wäre überaus schön, welche zu haben. Dann könnten wir uns in endlosen Diskussionen darüber verlieren. Ich hätte einen Anhaltspunkt, um dich nach dem ‚Warum, Wieso und Weshalb’ zu fragen. Habe ich aber nicht. Das Schlimme sind nicht die Erwartungen, sondern die geheimen Wünsche, die niemals in Erfüllung gehen werden, denn täglich werden sie mit ‚geht nicht’, ‚darf nicht’ und ‚wird nie sein’ abgestempelt.“
-„Welche geheimen Wünsche?“ Ihr Blick ist auf einmal so eindringlich.
-„Könnte ich es sagen, wären sie nicht mehr geheim. Vielleicht wären sie dann schon Erwartungen und das möchte ich nicht.“
-„Rede mit mir, Süße.“
-„Ich kann es nicht. Heute Nacht kann ich mich einfach nicht bei dir auskotzen. Verstehst du das nicht?“ Tränen über Tränen schießen über meine Wangen und versickern in ihrem Pullover. Wir halten uns gegenseitig fest und ich spüre dieses behagliche Gefühl, was niemals weggehen wird.
-„Danke, dass du da bist. Es ist schön.“
-„Schreibe mir einen Brief mit all deinen Gedanken – ist das ein Deal?“ Sie streicht mir dabei über meine Wangen.
-„Wäre denkbar. Aber was ist, wenn in diesem besagten Brief steht, dass ich dich will?“ frage ich vorsichtig nach.
-„Trau’ dich. Ich antworte dir auch gerne per Brief. Du könntest genauso viele Abgründe von mir erfahren wie ich von dir.“
-„Okay, das Argument überzeugt mich.“
Wir reden die ganze Nacht und ich muss sagen, es hilft mir so wahnsinnig sehr. Ich habe auch Fragen, die nach einer Antwort suchen und ich nehme mir ganz fest vor, ihr diese Fragen in geschriebener Form zu stellen. Die Nacht ist nun vorbei. Der Tag ruft. Die Schule fängt in wenigen Stunden an und sie fährt mich noch schnell heim, damit ich den Schulbus schaffe und niemand einen Verdacht schöpfen könnte. Was ich allerdings mit meinen Schürfwunden und dem blauen Auge anfange, steht in den Sternen, die ich in der kommenden Nacht befragen werde, auch wenn ich die Antworten in ein paar Stunden bitter nötig hätte. Was soll’s. Die ganze Nacht waren wir am Pläne schmieden, was wohl die glaubhafteste Ausrede wäre. Noch warte ich auf die perfekte Eingebung. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Attentat.
LG,
*.*Gast*.*