XY Ungelöst
Gedankenschwer umgibt mich ein Schleier von Nacht und wieder erwacht das Spiel der Sehnsucht, wenn ich abends in meinem Bett liege. Was um alles in der Welt habe ich getan? Genau dieser Gedanke beschäftigt mich schon den ganzen Tag und ich musste heute feststellen, dass Gefühle schmerzen können. Ganz still holt mich meine Phantasie ein, die heute eher trostlos erscheint. Gebrochen ist das Herz, wenn der Schmerz die Liebe bezwingt. Gibt es zu viele Dinge, die einfach immer zwischen uns stehen werden? Meine Gefühle, die mir einst die Stärke gaben, sind Trümmer meiner selbst. Mutlos stehe ich vor den Ruinen der letzten Tage. Ein großer Schritt in die Zukunft und ich ließe alles hinter mir. Doch da ist die Angst, einen Menschen zu verlieren, den ich liebe. Manchmal laufen kleine Kullertränen über meine Wangen. Jedoch weiß sie davon nichts. Geborgenheit erscheint mir heute Nacht eher als eine entleerte Begrifflichkeit, die im Sein den Abgrund meiner Seele hinabstürzt, immer in der Hoffnung, weich und zärtlich zu landen. Ich ziehe die Decke über meinen Kopf, atme tief durch und versuche die Schäfchen zu zählen, die sich zu einer wunderschönen Frauengestalt formen. Sie.
Entkommen möchte ich dem Alltag. Entführen möchte ich ihr Herz und ertrinken möchte ich in ihren Armen. Verdammt. Aufhören. Die Last meiner blühenden Phantasie wird mir eindeutig zuviel, weil mein Kopf im Chaos ertrinkt. Zählen. Eins. Zwei. Drei und so weiter. Irgendwann sortiert sich das Laub meiner Gedanken neu und ich schlafe ein.
Erst am Morgen danach realisiere ich, dass es vorbei ist. Alles. Für immer. Die letzte Nacht sitzt mir tief im Gedächtnis. Gestern war so ein Tag, den es in meinem Kalender nicht hätte geben müssen. Eigentlich hatte ich den perfekten Plan, doch dann kam eine unkalkulierbare Variable x ins Spiel. Diese große Unbekannte trägt den Namen Frau Buchhold und entriss mir das Gedicht, was auf galantem Wege, gepaart mit einer roten Rose, sein Ziel nicht verfehlen sollte. Es hätte alles sehr viel einfacher gemacht, wenn ich nicht auf dem Lehrerparkplatz versucht hätte, dieses Gedicht unfehlbaren Inhalts samt roter Rose an ihr Auto zu heften. Auf einmal stand sie vor mir, wo ich mich doch hundertmal vergewissert hatte, dass wirklich niemand in der Nähe war. Nicht sie, die Frau meiner Träume, sondern Frau Buchhold, meine Mathelehrerin. Sie erfragte die näheren Umstände – wieso, weshalb und warum. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so ins Stottern geraten bin und dann noch diese Rose und das Auto meiner Traumfrau. Ich war fertig. Frau Buchhold ebenfalls. Sie redete irgendetwas von meiner Deutschlehrerin, ob sie es schon wüsste. Mir kamen nur noch die Tränen und ich negierte ihre Frage und war perfekt im Lügen. Irgendwie hatte ich wohl keinen Mutterinstinkt geweckt, der mir aus der Misere hätte helfen können. Sie nahm mich an die Hand und zerrte mich über den Schulhof bis in das Vorbereitungszimmer meiner Deutschlehrerin. Unterwegs redete sie auf mich ein, ich sollte jetzt ganz stark sein. Wer A sagt, muss auch B sagen können und ich würde diese eine Deutschlehrerin doch nur in Schwierigkeiten bringen. Ich glaube, diese Frau war noch der Meinung, sensibel genug zu sein. Davon keine Spur. Ob ich wollte oder nicht, jetzt musste ich. Schon einmal einen schlechten Film gesehen? Genau so einer spielte sich nämlich ab und ich hatte auch noch das bittere Vergnügen, die Hauptrolle zu besetzen. Zu gerne wäre ich Regisseurin gewesen und hätte das Drehbuch umgeschrieben oder einfach in den Papierkorb geworfen. Nach einem kurzen energischen Klopfzeichen seitens Frau Buchhold standen wir nun zu zweit im Türrahmen vom Vorbereitungszimmer. Der Blick meiner Lehrerin ließ erahnen, dass sie wusste, es konnte nichts Gutes auf sie zukommen. Auch nach mehrmaliger Aufforderung von Frau Buchhold protestierten meine Worte, die Lippen zu verlassen. Trotzdem war mir immer noch mehr als übel, als Frau Buchhold begann, meine Deutschlehrerin aufzuklären. Sie wusste es ja, wie es um mich und meine Gefühle bestellt war. Dessen ungeachtet platzte nun eine Rose und ein Gedicht auf den Schreibtisch meiner Lehrerin. Sie las es nicht. Nicht hier. Nicht jetzt. Die Tragödie nahm ihren Lauf, als meine Deutschlehrerin davon zu reden begann, dass sie es nicht fassen konnte und mir erklärte, dass eine Beziehung niemals möglich sei. Niemals. Dieses eine Wort knallt immer noch gegen meine Schädeldecke. Es tut einfach nur weh, obwohl es ungewiss war, wie viel Ehrlichkeit ich in diesem Monolog erwarten konnte. Immerhin stand da noch Frau Buchhold, die alles penibel beäugte und im Traum nicht daran dachte, das Zimmer zu verlassen. Ich war nur am Nicken, eine Geste der bestätigenden Einvernahme. Insgeheim von wegen, doch in diesem Moment überlebenswichtig. Mir missfiel die Höflichkeitsform in der Anrede. Schließlich waren wir schon weiter. Spielte sie nur oder war alles echt? Meine Augen flehten sie an, endlich mit dem Reden aufzuhören und so nahm einer der schrecklichsten Tage meines Lebens seinen Lauf. Irgendwann wurde ich nach Hause entlassen. Wie ferngesteuert lief ich heim und hoffte insgeheim darauf, dass sie sich noch einmal bei mir meldet, denn ich selbst war nicht mehr in der Lage, nur ein Wort zu schreiben. Ich wurde noch ferngesteuert, von wem auch immer und konnte diese Endlosschleife auch an diesem Abend nicht mehr verlassen. Tatsächlich kam noch eine Nachricht auf meinem Handy an. Allerdings machte ihre nachträgliche SMS diese Sache für den Moment auch nicht besser. Ich weiß selbst, dass wir reden müssen. Allein.