@ Emma: Nein, für mich war es mit Sicherheit keine einfache Zeit. Trotz der Sehnsucht und Traurigkeit, trotz der vielen Tränen war es aber auch die schönste Zeit meines Lebens, eine Zeit, die mich geprägt und zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin.
Wir sehen uns noch ab und an. Inzwischen spricht sie sogar wieder mit mir. Es ist nur Smalltalk, aber ein Fortschritt ist es allemal. Schließlich hat sie vor ein paar Monaten noch den Raum verlassen, wenn sie mich gesehen hat. Anfang des Monats hab ich es gewagt, ihr mal wieder eine Mail zu schreiben. Ich konnte es kaum glauben, als ich am nächsten Morgen eine Mail von ihr in meinem Postfach entdeckt habe. Zu deiner Frage also, ob ich glaube, dass die Freundschaft nochmal eine Chance hat: Ich weiß es nicht. Sie redet zwar wieder mit mir, aber es ist einfach komisch: Wie sie mit mir spricht, wie sie mich ansieht…und sie zieht es immer noch vor, mir aus dem Weg zu gehen, wenn sie eine Möglichkeit sieht.
@ Emma, Herzchen: Ich habe sie sehr lange durch die rosarote Brille gesehen. Für mich war sie lange die, die für alles und jeden Zeit findet, jedem zuhört und Verständnis entgegenbringt. Ich dachte immer, sie könne sich besonders gut in andere einfühlen und würde sich selbst hinten anstellen, wenn es um andere geht. Sie war in meinen Augen sehr lange die toughe, starke Frau, der nichts etwas anhaben kann, die für jedes Problem eine Lösung parat hat. Ich habe sie auf ein Podest gestellt, sie war quasi mein Inbegriff der Perfektion. Dieses Bild von ihr verblich mit der Zeit. Sie kennt meine Schwächen, ich kenne ihre „Macken“, z.B. bin ich mir darüber bewusst, dass sie manchmal sehr um sich kreist und gar nicht merkt, wie es anderen Menschen geht bzw. wie das, was sie sagt oder tut, auf andere Menschen wirkt. Das aber hat meinen Gefühlen für sie keinen Abbruch getan, es hat ihnen vielmehr eine ganz andere Tiefe und Intensität, ja, eine andere Qualität gegeben. Mit ihren Ecken und Kanten ist sie für mich viel liebenswerter, als wenn sie perfekt wäre. Ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen machen sie zu dem einzigartigen Menschen, den ich sehr genau kenne und deswegen so sehr liebe.
Heute habe ich sie wiedergesehen. Unglaublich, was es wieder in mir ausgelöst hat: Ein flaues Gefühl im Magen, das Gefühl, dass mir gleich die Beine „wegknicken“, zitternde Hände, die Unfähigkeit, klar zu denken und vor allem: die Unfähigkeit, einigermaßen mit ihr zu kommunizieren. Seit sie es weiß, fällt es mir wieder so schwer, mich ganz normal mit ihr zu unterhalten… ich habe das Gefühl, dass sich alles wiederholt, dass wir gerade wieder von ganz vorne beginnen…ein komisches Gefühl.
Im September fliege ich nach Irland. Ich werde dort ein halbes Jahr arbeiten, bevor ich mein Studium beginne. Ich weiß nicht, wie ich fliegen soll, ohne mich von ihr verabschiedet zu haben. Sie ist doch der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich wäre so gern mit dem Gefühl gegangen, dass sich alles fügen und gut werden wird. Meine Psychologin sagt, es gebe nur einen Weg für mich, einen Weg ohne sie. Nur dann könne ich glücklich werden. Für mich gibt es den nicht mehr. Sie gehört inzwischen einfach zu meinem Leben, auch wenn das niemand verstehen will...