Für Kinder ist es nicht immer "einfach" zu erkennen und vor allem zu akzeptieren, dass die eigenen Eltern bei genauerem Hinsehen ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden. Im Alter wird das selten besser. Die sogenannte "Altersmilde" erwischt nicht jeden. Und dann ist da auch noch die Erfahrung beim "alt werden", dass sich nicht wenige Fähigkeiten und Selbstverständlichkeiten schleichend oder in Schüben einfach "davon machen". Manch einem fallen bislang problemlose Dinge scheinbar über Nacht schwer und die Antwort auf das "Warum" klingt irgendwie nach Ausrede.
Und so holt einen als Kind dann zuweilen wie ein Schlag ins Gesicht die Erkenntnis ein, dass die Eltern von einem mehr verlangt oder erhofft haben, als sie selbst zu bringen bereit waren oder heute sind. Das kann so richtig sauer machen und ist auch durchaus nachvollziehbar.
@Nina: Du scheinst sauer zu sein. Das ist verständlich und oft der Punkt, an dem man den eigenen Standpunkt erst einmal überdenken sollte. Deine Argumente klingen vernünftig. Aber was wird jetzt? Ja, einige der Entscheidungen Deines Vaters lassen Zweifel aufkommen und er "sollte" und "müsste" und "könnte" doch! Sich nicht "gehen" zu lassen, sich zu "straffen", oder wie immer man das nennen will, ist doch selten falsch! Du hast das vielleicht von ihm auch schon zu hören bekommen und sicher waren einige dieser "Ratschläge" mehr Schläge, als ein guter und mitfühlender Rat.
Aber nur mal angenommen: was wäre, wenn er wirklich nicht "mehr" kann? Was, wenn die Kraft einfach nicht mehr da ist, um sich zu "straffen"? Der Körper baut immer mal wieder genau an den Stellen ab, an denen man nicht damit rechnet und der Aufwand, dem entgegen zu treten wird immer höher. Diese Erkenntnis wird auch Dir einmal nicht erspart bleiben. Vielleicht lebst Du gesünder, aber der Moment wird kommen.
Nicht selten drängen sich in dieser Phase des Lebens einer Familie die alten Konflikte wieder auf und die Rollen werden getauscht. Nun bist Du
@Nina "oben" und er ist es nicht mehr. Das Vertrauen und die Selbstverständlichkeit der eigenen Kinder kann einem das eigene Selbstbewusstsein in einer Form stärken, die man erst erkennt, wenn das Vertrauen schwindet und das ist bei euch nun der Fall.
Du scheinst einen scharfen Verstand und auch einen geschärften Blick für eure Situation zu haben und das ist gut so. Du führst zurecht an, dass auch Du nun Verpflichtungen hast, die Du nicht einfach "canceln" kannst. Vermutlich hat sich Dein Vater mit ähnlichen Worten immer mal wieder "davon gemacht", oder?
Aber ein guter Vater lässt manchmal auch einfach "Milde walten", ist freundlich, wo andere nicht mehr freundlich sind und sieht mehr sein Kind, als das "Problem" und entscheidet hoffentlich eher zu Deinen Gunsten, als nach rationalen Überlegungen. Und nun kehrt sich auch das um. Du kannst "einen alten Esel" mit verbalen "Stockschlägen" zum schneller laufen bewegen. Das geht schon. Er ist an der frischen Luft und zu was nütze, also was spricht dagegen?! Frag mal den Esel.
Ja, vielleicht lügt Dein Vater, manipuliert und drangsaliert Dich und eure Familie. Dann geh auf Abstand, denn dazu hat er kein Recht. Aber vielleicht hat er nun "seine Karre" in den Graben gesetzt und kommt alleine nicht mehr raus und ist zu stolz oder zu verbohrt, um das zuzugeben. Auch das entschuldigt nicht viel, ich weiß. Aber vielleicht wäre etwas mehr "Gnade" mit einem alten Esel angezeigt, der Dir schon so manchen Karren gezogen hat und nun einfach müde und auch ängstlich wird, weil er seine Sicherheit verliert.
Schau, ob da nicht noch mehr an Groll in Dir brodelt und woher dieser Groll wirklich kommt. Dann kannst Du vielleicht etwas "gnädiger" sein oder ganz bewusst Grenzen ziehen, denn auch Du musst nicht alles verstehen und alles hinnehmen. Esel hin oder her.