Als ich den Bericht über Enkes Tod gesehen habe, kamen mir die Tränen und ich bin immer noch schockiert. Ich fühle mich auch verbunden zur Trauerfeier am Sonntag zu fahren oder sie mir zumindest anzuschauen, auch wenn ich ihn persönlich nicht kannte, mit Außnahme durch Fernsehbilder und den zahlreichen Stadionbesuche.
Ich hatte selbst nie Depressionen, kann mir aber vorstellen, wie verlassen sich Enke gefühlt haben muss. Die Angst zu Versagen, die ja häufig in diesen Zusammenhang genannt wird, kenne ich in schwächere Form aus eigener Erfahrung. Wenn sie mein Leben langfristig geprägt hätte, hätte ich jetzt kein Bacherlorabschluss, kein Abitur, hätte 3-4 Ausbildung abgebrochen, würde auf der Straße sitzen und von Hartz IV. leben.
Da ich nie ein Partygänger war und zu Hause rumzusitzen auch nicht das Nonplusultra war (zu meiner Schulzeit, beim Studium hat man gerne mal ne Ruhepause), habe ich mir irgendwann mal einen Tageskarte für das Stadion gekauft. Die Anzahl der Besuche war zunächst sporadisch, aber irgendwann habe ich mir dann eine Dauerkarte zugelegt und nebenbei noch gejobbt, wenn Hannover mal ein Auswärtsspiel hatte. Im Stadion fällt es in der Masse nicht so auf, wenn man allein ist und eher ein ruhiger Typ. Manchmal kommt man aber gerade dort mit Leuten ins Gespräch, was mir außerhalb nie so richtig gelungen ist zu der Zeit.
Im Stadion habe ich dann viel erlebt und irgendwie die "Erkenntnis gezogen", dass es sich lohnt zu kämpfen, auch wenn man kein Selbstbewusstsein hat. Rückstände kann man aufholen. Das Potential war ja bei mir da, es fehlte nur das Selbstvertrauen. Robert Enke habe ich insbesondere als prägenen Charakter erlebt. Er hatte eine vorbildliche Persönlichkeit, war ein fairen Sportler und immer bescheiden und auch etwas ruhiger, was ich sehr angenehm wahrgenommen habe in Relation zu anderen "Proleten", die häufig in der Gesellschaft auffallen.
Allerdings konnte er in den richtigen Momenten die Aktzente setzen und überzeugen. Ich habe es mir dann irgendwann abgewöhnt zu schnell aufzugeben. Mein Leben hat sich um 180 Grad gedreht. Ich nahm das Leben als positive Herausforderung, habe angefangen zu arbeiten und damit Erfolge gehabt, sowohl in der Schule, wie auch nebenbei im Job, da ich endlich mit Leuten ins Gespräch kam und gewandter im Umgang wurde durch das "Training im Stadion und im Nebenberuf". Die Noten verbessert sich auch, ich konnte plötzlich freie Vorträge halten und das Ganze gab mir sowas wie Selbstvertrauen. Ich hatte zwar immer noch ein klein wenig Prüfungsangst, die ist aber im Rahmen des üblichen, da man ja vor jeder Prüfung etwas nervös ist. In der Schule war es viel schlimmer als jetzt im Studium. Ich fange rechtzeitig an zu arbeiten und die Zeit effektiv auszunutzen nach dem Motto: "Wenn ich mich vorbereite, dann passt auch das Ergebnis". Das Abitur habe ich dann auch gut gemeistert.
Im Studium lief dann am Anfang auch nicht alles rund, aber irgendwie hat mich bei den weiteren Stadionbesuche das Team weiterhin inspierirt und imponiert, was übrigens für die ganze Mannschaft galt, aber Enke war einer der Kultfiguren von früher, die immer direkt oder indirekt dabei war und jedes Angebot, auch wenn es noch so gut war, von anderen Vereinen ausgeschlagen hat. Nach dem 1. Semester, das ziemlich mässig lief, habe ich angefangen Volgas zu geben und mein Potential endlich mal zu nutzen und abzurufen. Mir hat nie jemand etwas zugetraut, ich kam dann aber doch in Fahrt, was mein eigener Verdienst war, aber gefühlsmäßig waren die Stadionebesuche lehrreicher im sozialen Umgang als viele Vorlesungen. Am Ende habe ich den erfolgreich Bachelor absolviert und bin nun im Masterstudiengang und ich habe irgendwann im Stadion sogar mal Leute von der Uni getroffen, mit denen ich dann auch mal Lerngruppen gebildet habe usw. An der Uni ging man ja mehr oder weniger in der Masse unter, im Stadion war es familärer.
Die Besuche im Stadion waren ein Superausgleich zum tristen Unialltag und ich kam mit vielen Leuten ins Gespräch, die ich vorher nie kannte. Natürlich war das, was auf dem Platz passierte, recht wichtig um etwas mehr Gesprächsstoff zu haben für den Anfang. Es war eine schöne Zeit. Neben den Sportlichen hatte Enke viele Aktionen für Leute und auch für Tiere unterstütz, die eben nicht auf der Sonnenseite des Lebens standen.
Man hat viel drüber gelesen und ich fand das immer vorbildlich. Ich hatte auch den Eindruck, dass er sich dafür wirklich eingesetzt hat, bei anderen "Promis" sind solche Aktion ja häufig reine Heuchelei.
Mit Robert Enke verlässt uns ein fairer Sportler und ein wunderbare Mensch.
Ich finde es traurig, dass es so enden musste und niemand etwas gemerkt hat und es in diesen Geschäft so wenig Verständnis für entsprechende Probleme gibt.
Enke war noch so jung und hatte viele Visionen. Ich hätte es ihn gegönnt, wenn er nächste Jahr an der WM gewonnen hätte, danach nochmal in der CL bei einen großen Verein spielen könnte und dann vielleicht seine letztes Jahr bei Hannover oder im Portugal, seiner 2. Heimat ausklingen lässt.
Doch dazu ist es leider nicht gekommen und sein Karriere nahm ein tragische Ende. Ich wünsche der Familie alles Gute für die Zukunft und die Kraft, diesen schweren Schicksalsschlag zu verkraften.
Gleichzeitig sollte uns dieser schreckliche Verlust zu denken geben:
In unsere Gesellschaft werden Leute, die offen über Depressionen reden, als verrückt oder Weicheier abgestempelt. Nicht zuletzt waren es bei anderen Vereinen doch die eigene Mitspieler und Fans, die einen Deisler als Deislerin verspottet haben. Jeder kann durch traumatische Erlebnisse oder hohen Druck in eine ähnlich Verfassung geraten und niemand sollte deswegen gleich abgestempelt werden.