Ich habe das als Kind/Jugendliche auch getan. Geld gestohlen und auch immer wieder den Schmuck meiner Mutter zu mir rübergeholt und auch Teile davon versteckt. Oder heimlich in der Schule getragen. Hab sogar einen Ring verschenkt.
Erklären konnte ich es meiner Mutter nicht, weil ich keine Erklärung hatte, warum ich das gemacht habe.
Langeweile und Einsamkeit spielten eine Rolle. Als Hilfeschrei erschien mir das nicht wirklich. Eher ein Nervenkitzel. Natürlich spielte auch unsere dysfunktionale Familie eine Rolle bei meinem Verhalten. Das weiß ich heute. Aber damals wußte ich nur so ganz unbestimmt, daß irgendwas nicht stimmte. Ich war in keinem emotionalen Kontakt zu meinen Eltern. eine Therapie oder Gespräche mit irgendwelchen Profis hätte mich in dem Alter und meinem damaligen Zustand wohl nicht erreicht.
Gebraucht hätte ich ganz viel emotionale Nähe und viel gemeinsame Beschäftigung.
Daß alles in der Schule gut läuft und ich mich dort wohlfühle, stimmte übrigens auch nicht. Ich habe diesbezüglich meine Mutter angelogen und sie hat es nur zu gern geglaubt. Tatsächlich sah es von außen so aus, als sei alles ok, aber in mir drin fühlte sich alles nicht gut an und ich fühlte mich nicht gut genug und nicht dazugehörig.
Ich glaube heute, es wäre gut gewesen, wenn meine Eltern mehr Zeit mit mir verbracht hätten, wir alle etwas fröhlicher und unbeschwerter gewesen wären, wir einander näher gewesen wären.
Aber meine Eltern hatten ihre eigenen Themen und so lange sie diese nicht ansehen wollten und im Unbewußten blieben, so waren sie auch für mich gar nicht wirklich präsent und ich fühlte mich nicht verbunden...
Bei Dir fällt mir auf, daß du schon sehr früh Hilfe von außen gesucht hast. eine Psychotherapie für ein 6jähriges Kind, das mal gestohlen hat, ist ungewöhnlich, finde ich. Dann noch eine weitere Therapie als Kind/Jugendliche. Gab es für die Psychotherapien tiefere Gründe?
Dein Satz, daß Du Unangenehmes gerne verdrängst, fällt mir auf und findet sich in Deinem Text auf unterschiedlich Art mehrmals. Einmal sagst Du, Du hast das Talent nach einiger Zeit einfach weiterzumachen als ob nichts gewesen sei. Dann schreibst Du, Du wolltest eigentlich nicht nach dem Schmuck sehen. Dann ist Deine Beschreibung Deiner Tochter als tolles Mädchen, das überall gut ankommt etc. auch eine Form von Nichtwahrnehmung der kompletten Persönlichkeit Deiner Tochter. Dann erwähnst Du, daß Deinen Mann das alles nicht so tangiert. Das erscheint mir schon als eine auffällige Häufung von verdrängen und nicht hinsehen wollen.
Ich finde es immer schwierig, in Beziehungen/Familien den anderen ändern zu wollen, ohne eigene Anteile zu sehen. Gerade in der Eltern-Kind-Beziehung ist das sehr schwer. Arbeiten kann man, meine ich, besser an den eigenen Anteilen, als den anderen zu ändern. Ich würde daher wahrscheinlich am ehesten bei mir schauen, wie ich mit den Verletzungen und Enttäuschungen umgehe, wie ich im Kontakt zu meiner Tochter bin. Wie ich auch im Kontakt mit mir selbst bin. wie sehr ich den Schmerz fühlen kann, wenn meine Tochter mich bestiehlt. Wie aktiv ich unser Verhältnis und Zusammenleben gut gestalten kann. Wie gern ich oberflächliche Lösungen anstrebe, um nicht unter die Oberfläche sehen zu müssen. Und welche Gründe es vielleicht in meiner Lebensgeschichte gibt, um gut verdrängen zu können und Schmerz nicht so stark wahrnehmen zu können. Und wenn ich spüre, daß da was ist, würde ich für mich Hilfe und Unterstützung suchen. In der Hoffnung, daß es Auswirkungen hat in der Familie, wenn ich durch Arbeit an meinen Themen bewußter und aufmerksamer sein kann.
Das wäre ein Teil meiner Strategie. Daneben würde ich versuchen so viel und so oft im Kontakt zu der Tochter zu sein. und den Kontakt möglichst ehrlich und innig zu gestalten. Den Gesprächs- und Beziehungsfaden zur Tochter nicht abreißen zu lassen. Versuchen, sie realistisch ohne oberflächliche Scheuklappen zu betrachten und Hinweise auf die Gedanken- und Gefühlswelt der Tochter zu bekommen. Ohne von ihr zu erwarten, daß sie wirklich in Worte fassen kann, was genau welche Rolle in ihrem Verhalten spielt. Das hätte ich als Kind und Jugendliche auch nicht gekonnt. Ich hätte auch immer ungefähr das gesagt, was mir in der Situation gerade hilfreich erschien, auch gelogen, mit den Schultern gezuckt, weiß nicht geantwortet. Ich war gar nicht so weit in dem Alter, mein Verhalten wirklich zu analysieren und zu hinterfragen. Das hatte auch was damit zu tun, daß das in unserer Familie gar nicht eingeübt war. Meine Eltern waren dazu auch nicht fähig, sich selbst zu analysieren und zu hinterfragen. Wollten auch gar nicht wirklich hinsehen bei sich. Und waren mir deshalb irgendwie nie wirklich präsent und greifbar
Aus mir ist übrigens ein einigermaßen rechtschaffender Mensch geworden, mit einem heute guten Verhältnis zu meiner Mutter und gelegentlichem Kontakt zum Vater. Versuche zuversichtlich zu bleiben.
Unabhängig von all dem würde ich an Deiner Stelle sehr gut für mich selbst sorgen. Schauen, daß der eigene Kummer, der durch das Verhalten der Tochter aufkommt, gut verarbeitet wird und nicht im Unbewußten bleibt oder unter den Tisch gekehrt wird.
Und wenn mir mein Schmuck wertvoll ist, dann würde ich ihn gut sichern. Unabhängig von allem anderen, würde ich meinen schönen Schmuck, vielleicht noch Erinnerungsstücke, behalten wollen und würde ihn z.B. in einem Schließfach sichern. Das wäre ich mir wert, da gut für mich zu sorgen und kein Risiko einzugehen.