Mich stört an sozialen Netzwerken (hier: Facebook) am meisten der unübersehbare Zwang zur Selbstdarstellung.
Laut Facebook lebt jeder das perfekte Leben, ist immer glücklich und inszeniert sich selbst (am besten mit Selfies) als einen coolen, erfolgreichen Menschen, den man doch gefälligst beneiden sollte.
Den Eindruck habe ich auch. Ich bin zwar auch bei Facebook, aber eigentlich nur, weil ich aufgrund der Auswanderung eines Verwandten (schon vor Jahrzehnten, der Betreffende lebt nicht mehr) sehr viele Verwandte in dem entsprechenden Erdteil habe und auf diese Weise mit ihnen am einfachsten korrespondieren und man gegenseitig am Leben des jeweils anderen teilnehmen kann.
Natürlich stoße ich dabei aber auch auf die Facebook-Auftritte ehemaliger Klassenkameraden und sonstiger früherer Bekannter und habe bei der Lektüre auch ganz oft den Eindruck, dass diese sich nur selbst inszenieren, egal, ob es um die Zahl der Kinder, die Häufigkeit der Reisen (natürlich möglichst Fernreisen) oder den beruflichen Erfolg geht. Vor allem zwei Frauen, die ich aus meinem Heimatort kenne, inszenieren sich dort als Supererfolgsfrauen. Alles vom Feinsten, egal, ob beruflich oder privat. Nur tolle Events, weite Reisen, freudige Ereignisse und Auszeichnungen. Keine Herausforderung zu groß, keine Versagensängste, keine Krankheiten, Pflegefälle, Sorgen, Enttäuschungen oder Misserfolge.
Wenn ich mir das über einen längeren Zeitraum geben würde, dann empfinde ich es als relativ logisch, dass dann Minderwertigkeitsgefühle entstehen, obwohl ich weiß, dass ein Großteil Fassade ist und fast ausschließlich positive Dinge gepostet werden.
So geht es mir auch. Es ist nicht so, als ob ich nichts im Leben erreicht hätte. Aber eben nicht in allen Lebensbereichen. Vor allem habe ich in den letzten 15 Jahren etliche private Schicksalsschläge verkraften müssen, für die ich nichts konnte. Ich habe sogar nach Kräften versucht, die schlimmsten Folgen abzuwenden oder wenigstens abzumildern, aber es lag eben nicht allein in meiner Macht, sondern war auch vom Verhalten anderer Personen abhängig. Das war mehr als eine Dekade chronischer Stress und sehr belastend. Und obwohl dennoch bei mir wenigstens beruflich bisher alles einigermaßen gut gegangen ist, halte es ich für möglich, dass ich vielleicht dem dortigen Stress auf Dauer auch nicht mehr bzw. nicht bis zum regulären Rentenalter gewachsen sein könnte.
Muss zwar nicht passieren,
kann aber. Finanziell wäre ich dann immer noch relativ gut abgesichert, es gäbe sicherlich schlimmere Katastrophen.
Wenn ich dann aber diese Erfolgsstorys lese von Leuten, die sich offenbar nicht nur nie gestresst fühlen, sondern auch noch mühelos eine Superkarriere als Unternehmerin oder zumindest als Ärztin hingelegt haben, mit ihrem Traummann seit über 25 Jahren im großen Eigenheim mit Garten wohnen und sechs Kinder bekommen haben, die ihrerseits erfolgreich im Ausland studieren oder sich dort im Schüleraustausch befinden (bezeichnenderweise muss es immer Australien sein, die USA oder Kanada besitzen offenbar schon nicht mehr genügend Angeberpotential, da nicht weit genug weg), ihr Medizinstudium im Ausland "mit Bravour" bestanden und gleichzeitig promoviert haben, dann zieht mich das nur noch mehr herunter. Manche verstehen es wirklich blendend (vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes), sich und ihre engsten Angehörigen in jeder Hinsicht als die Tollsten darzustellen. Obendrein wird von der Facebook-Gemeinde noch erwartet, dass sie dies bestaunen, bewundern und beklatschen soll.
Mal ehrlich: Wer freut sich denn wirklich aufrichtig darüber, wenn es
anderen wesentlich besser geht als ihm selbst? Und das offensichtlich nur, weil sie in mehrfacher Hinsicht bessere Rahmenbedingungen für ihre persönliche Entwicklung hatten.
Vielleicht sollten die Leute auf Facebook eher mal posten, mit welchen Widrigkeiten, Enttäuschungen und Schicksalsschlägen sie denn überhaupt seit dem Abitur fertig werden mussten oder auch nicht. Das würde mit Sicherheit vieles relativieren, was andere einem - unter wesentlich günstigeren Bedingungen - (scheinbar) voraus haben, und das, was die (scheinbar) bloßen Zweit- oder Dritt"ligisten" in diesem Konkurrenzkampf erreicht haben, in dem einen oder anderen Fall als umso beachtlicher erscheinen lassen.
Deshalb denke ich, dass solche Netzwerke die Menschen teilweise sehr unter Druck setzen, indem ein Ideal vermittelt wird, dass eigentlich niemand erreichen kann.
Jeder sollte selber einschätzen, wie für ihn das persönliche Schaden/Nutzen-Verhältnis ist.
Da hast du Recht. Für mich wäre es in Anbetracht meiner Biografie wahrscheinlich das Beste, ich würde Facebook ausschließlich nutzen, um mich mit meinen Verwandten in Übersee auszutauschen, und mir die Profile gewisser Bekannter gar nicht mehr anschauen. Das erfordert natürlich sehr viel Selbstdisziplin.