Beim Thema Missbrauch kehrt sich das alles um. Warum das so ist, weiß ich leider nicht.
Ich denke, das ist eine kulturgeschichtliche Entwicklung und hängt mit dem Partriachat zusammen, dass wir über Jahrhunderte hatten.
In manchen islamischen Länder wird heute noch über Frauen die Todesstrafe verhängt, nachdem sie vergewaltigt wurden. Ich denke, das sagt eigentlich alles über die Rolle der Frau in patriachalischen Gesellschaften aus.
Nicht nur als der Minirock und der Bikini aufkamen, gab es einen handfesten Skandal, sondern nur wenige Generationen davor als die Kleider der Frauen kürzer wurden und diese ihre Knöchel zeigten. In den zwanziger Jahren schnitten sich Frauen zum ersten Mal die Haare kurz und trugen Männerkleidung.
Frauen mussten schon immer keusch sein und nachdem sie sich von dieser Last befreit hatten, blieb an ihnen trotzdem das Stigma der H*** hängen.
Daher kommt der Gedanke, dass die Frau selbst schuld ist, dass sie gereizt hat, dass sie es ja so wollte.
In den siebziger Jahren kam das Thema Missbrauch zum ersten Mal auf. Davor war das "Benutzen" der Kinder eher kein Thema. Sie wurden zum Beispiel in Heimen in schlimme Arbeitsdienste gesteckt. Da gibt es ganz viele traurige Geschichten.
Die alten Gedankenmuster stecken immer noch in den Leuten drin.
Aber es hat sich schon viel verändert. Opfer nennen sich heute nicht mehr gerne Opfer sondern Betroffene. Der Umgang mit vergewaltigten Frauen ist in der Ausbildung von Ärzten und Polizisten immerhin schon Thema. Auch wenn der Gang ins Krankenhaus und zur Polizei immer noch Spießrutenlauf ist.
Die Gesellschaft dreht es leider immer noch oft so, dass die Betroffenen die Schuldigen sind.
Das passiert oft ganz subtil. Kaum hört man, dass die Männer sich zu beherrschen haben, sondern man hört immer nur, dass die Frauen sich schützen müssen.
Wieso ist sie überhaupt mit ihm ins Wohnzimmer gegangen. Wieso hat sie nicht ihren Mann geweckt (als Frau war sie ja auch völlig mit der Abwehr des Mannes überfordert!
🙄). Er hat sie ja nur sexuell belästigt. Sie hat falsch reagiert.
Drehen wir die Sache doch mal um. Sagen wir der Typ wäre schwul gewesen und hätte den Mann belästigt. Wer hätte denn hier geschrieben, er hätte seine Frau wecken müssen? Und dass der Typ ihm dann im Wohnzimmer noch mal an die Eier gegriffen hat, ja Mensch, da hätte er sich halt wehren müssen! Da hätte nicht einer gefragt, warum er so blöd war mit ihm ins andere Zimmer zu gehen!
Wobei ich nicht sagen will, dass Männer die "besseren Opfer" sind (also im Sinne von, ihnen wir eher geglaubt). Sie kämpfen erst Recht gegen's Kleinmachen. Einem Mann passiert so was ja nicht. Im Gegenteil, es heißt sogar, einen Mann kann man nicht vergewaltigen. Der will sowieso immer...
Ich persönlich finde "unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils" (wie es ja in Amerika ist) schon einen großen Fortschritt in der Justiz. Aber trotzdem muss noch viel für den Schutz der Betroffenen getan werden und es muss noch viel Umdenken innerhalb der Gesellschaft stattfinden.
Tuesday