Ich habe nun dieses endlos lange Thema gelesen und möchte mich zu Wort melden.
Ich bin 38 Jahre alt, weiblich, seit 16 Jahren in fester Beziehung, seit 10 Jahren verheiratet in guter Ehe, zwei Kinder.
Meine eigene Sexualität war früher eher aggressiv und häufig war Lust da. So habe ich es zumindest gesehen. Die Lust schlief recht zügig ein. Es dauerte nur 2-3 Jahre, dann fühlte ich ein Ungleichgewicht in Bezug auf die Häufigkeit unserer Sexualität. Mir hätte einmal im Monat gereicht, meinem Mann 2-3 mal die Woche. Wir haben dieses hier genannte Problem also seit 13 Jahren etwa. Jahrelang habe ich mich überwunden zu Sex, in der Regel, um meinen Mann zu befriedigen, zu halten. Wir hatten also die ganze Zeit etwa 1-2 Mal in der Woche Sex. Es entwickelte sich zum einzigen Problem unserer Beziehung, das standhaft da war. Ich konnte meine Lustlosigkeit nicht erklären.
Seit zwei Jahren mache in eine Therapie, um meine Kindheit aufzuarbeiten. Es gab sexuellen Missbrauch, immer wieder kleinere sexuelle Übergriffe und eine Vergewaltigung (oral), als ich 16 war. Trotz dieses Wissens konnte ich mich nicht erklären. Jetzt kann ich es. Seit wenigen Wochen.
Sexualität, bei der ich passiv bin (d.h. der Mann macht den Anfang, will verführen, macht Anmerkungen etc) stellen für mich eine lebensbedrohliche Bedrohung dar. Die Ängste, die damit verbunden sind, sind massiv. Das Unterdrücken dieser Ängste hat mich massiv Kraft gekostet, über Jahre hinweg. Trotzdem -muss ich dazu sagen- bin ich dankbar, dass mein Mann nie aufgegeben hat. Dass er mich immer noch begehrt, obwohl er schon seit vielen Jahren mit meiner traumatisierten Sexualität konfrontiert ist.
Das Erkennen meiner Ängste und Gefühle war sowohl für mich als auch für meinen Mann Gold wert.
Nun haben wir eine Vereinbarung getroffen, um möglichst unser beider Bedürfnisse zu befriedigen. Im 5 Tages Wechsel gibt es GV und einen Zärtlichkeitsabend, bei dem Sex keine Rolle spielen DARF. Alle sexuellen Annäherungen außerhalb des GV-Tages sind meinem Mann VERBOTEN. Sollte ich Lust haben und er auch, dann gerne auch Sex außer der Reihe.
Nun, was bringt uns das? Mir gibt es eine Sicherheit, mich nicht täglich mit meiner Sexualität und den Schuldgefühlen bei einer Ablehnung meinerseits auseinandersetzen zu müssen. Es nimmt den gesamten Druck von mir und ich kann meine Sexualität abseits der Angst entdecken. Meinem Mann gibt es die Sicherheit, mindestens alle 10 Tage Sex zu haben und auch zärtlich sein zu dürfen, ohne dass ich mich davon bedroht fühle. Fazit dieser Vereinbarung: wir haben seitdem viel öfter Sex 🙂
Laut Studien ist jede 4. Frau sexuell traumatisiert. Meine Vergewaltigung habe ich über 20 Jahre komplett verdrängt, ich hatte keinerlei Wissen dazu. Wenn eine Frau sich ekelt, hat das in meinen Augen GRÜNDE.
Ich kann verstehen, dass sich nicht jede betroffene Frau der Aufgabe gewachsen fühlt, sich mit ihren sexuellen Traumata zu beschäftigen und sie zu verarbeiten. Es fordert sehr viel Mut und Kraft. Aber ich bin dankbar, den Mut gehabt zu haben und einen Partner an meiner Seite zu haben, der Verständnis hat und mir hilft, diesen Weg zu gehen.
Das wollte ich nur mal als Gedanken hier lassen, vielleicht kann der ein oder andere etwas damit anfangen.
Grüße
Gänseblümchen