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Schwieriger Vater

G

Gast

Gast
Hallo,

ich will hier mal was loswerden. Ich weiß, es ist viel ...

ich (w) bin mittleren Alters. Die Beziehung zu meinem Vater (jetzt knapp 80, geistig fitt, sieht deutlich jünger aus) war fast immer schwierig. In der Kindheit und Jugend: Desinteresse an mir, Lieblosigkeit, Prügel, autoritäre Erziehung, wichtig war nur, dass ich alle meine Pflichten erfüllte und in der Schule gut war. Vertrauen, Zärtlichkeit, emotionale Sicherheit – totale Fehlanzeige. Ich bin mir heute sicher, dass er damals psychisch krank war u. teilweise heute auch noch ist. Für meine Mutter gilt das ebenfalls. Bin als Kind auch schon psychisch krank geworden, nach außen sichtbar dann als junge Erwachsene, als irgendwann gar nichts mehr ging, in keinem Bereich des Lebens mehr, und das für lange Zeit. Meine Eltern wollten sich all die Jahre nie eingestehen, dass sie krank sind und wir keine normale Familie waren. Mein Geschwister wird mit seinem Leben wesentlich besser fertig als ich, ist aber auch beziehungsunfähig. Inzwischen geht es mir nach viel Therapie und vielen Anstrengungen deutlich besser. Meine Eltern haben damals angefangen, sich zum ersten Mal ernsthafte Gedanken über Beziehungen, Kindererziehung, über ihre Ehe, über ihre Eltern und über psychische Krankheit und Gesundheit zu machen. Mein Vater ist heute deutlich offener und menschlicher als damals. Daher habe ich nach Jahren des Kontaktabbruchs wieder angefangen, mit ihm zu reden. Inzwischen haben wir ein paar Jahre gute Gespräche und immer größeres Vertrauen gehabt. Er hat sich wirklich deutlich geändert. Allerdings fanden klärende Gespräche nur manchmal zwischendrin statt. Ich bin bereit, ihm zu verzeihen, aber nur, wenn er anerkennt, dass er mit schuld an meinem langen und schweren Leidensweg ist. Vor einem Jahr hatten wir ein Gespräch, in dessen Verlauf er zum Schluss zugestimmt hat, dass er früher mit Psychologie und schwierigen Gefühlen jeder Art absolut nichts zu tun haben wollte und daher mit schuld an meiner Krankheit ist. Aber anscheinend hat er das nur gesagt, damit die Diskussion aufhört. Ich dachte, es ist so ziemlich alles in Ordnung. Habe mir was vorgemacht.
Vor kurzem hatten wir wieder eine Diskussion über ein ähnliches Thema. Er schwenkte selbst auf dieses Schuld-Thema über. Wir redeten nur kurz darüber, weil ich die andere, harmlosere Diskussion zu Ende bringen wollte. Zum Thema Schuld meinte er, wenn ich ein genetisch gesünderer Mensch gewesen wäre, hätte ich mich von seiner Wut, von den Prügeln, von seiner autoritären Art nicht so einschüchtern lassen, hätte mehr auf meinen Wünschen und Gefühlen bestanden, hätte mich daher öfter von ihm prügeln lassen – wäre aber innerlich nicht eingeknickt, also hätte nicht mit Depressionen und Minderwertigkeitsgefühlen reagiert. Vielleicht hätte er ja auch aufgehört zu prügeln, meinte er. Das halte ich für einen Witz. Er hat wieder zitiert, was er auch früher immer wieder gesagt hat – dass er damals geglaubt hat, dass Kinder nichts zu sagen haben. Er wollte herrschen. Punkt. Seiner Meinung nach ist er nicht schuld an meiner Krankheit, denn er habe einfach nicht gewusst, dass so ein Erziehungsstil krank machen kann. Er denkt schon auch, dass sein Verhalten mich mit krank gemacht hat, aber da er nicht wusste, was er tat, kann er nichts dafür.

Diese Meinung akzeptiere ich nicht, denn es gibt viele Anzeichen dafür, dass er von allem Psychologischen eben auch nicht das Geringste wissen wollte, er hat das Thema aktiv verdrängt oder beiseite geschoben. Er hatte in seiner Ausbildung sogar Psychologie, hat aber nichts gelernt, sagte er mir, weil er nichts damit zu tun haben wollte. Ich nehme an, weil es ihm zu unangenehm war. Meine Mutter hatte mit ihm in meiner Kindheit Diskussionen, weil sie nicht wollte, dass wir so verprügelt werden. Aber Ohrfeigen hat sie auch verteilt. Er wusste also, dass es andere Erziehungsstile gibt. Wir kannten in meiner Kindheit eine Familie, in der die Kinder antiautoritär erzogen wurden. Er hatte körperliche Symptome über viele Jahre, zum Teil bis heute, die letztlich psychosomatisch waren. Sie wurden besser, als meine Mutter die Trennung von ihm vorschlug und sie dann geschieden wurden. Er war zu feige, sich von ihr zu trennen, obwohl er das schon längst wollte. Weil die Leute reden würden. Er argumentiert dauernd mit den anderen Leuten: „Aber alle haben damals Kinder geschlagen. Aber niemand hat damals über Gefühle geredet.“ Was es bedeutet, ein vernachlässigtes, geprügeltes Kind zu sein ohne positiven Kontakt zu seinem Vater, das weiß er sehr wohl, hat er selbst als Kind erfahren. Er sagte mir, dass er früher dachte, er sei perfekt. Er wusste aber natürlich, dass er ein Einzelgänger war, er fand schwer oder gar keine Freunde, und bei den Frauen kam er auch nicht gut an. Also ein perfekter Mann, der keine Freunde und keine Frau findet?! Es gehört sehr viel Willen zur Verdrängung dazu, diese beiden Sätze nicht irgendwann mal zusammen zu denken und den Widerspruch zu merken.
Und irgendwann gab es dann jede Menge Bücher und Sendungen über nicht-autoritäre Erziehung, Beziehungen etc. Er wusste davon. Er hat auch immer wieder gesagt: Man kann sich nicht ändern. Man kann sich nicht ändern.
Als ich noch sehr klein war, habe ich zeitweise oft offen geweint und gesagt, dass ich bei anderen Leuten leben will. Und ich hab auch klar geäußert, dass es mir egal wäre, wenn ich meine Eltern kaum noch sehen würde. Niemand hat das alles ernst genommen, mein Vater auch nicht.

Mein Vater ist jetzt eigentlich in allen anderen Bereichen mir gegenüber sehr freundlich, großzügig und kooperativ. Er selber sieht sich nicht ein für alle mal seelisch teilweise gestört. Ich habe das Gefühl, dass er sich jetzt ausschließlich als der gütige, freundliche Vater sieht, der haushoch über seiner kranken Tochter steht, die eh nie mehr gesund und normal wird. Er oben, ich unten. Aber ich will keine Beziehung zu einem Vater, der in seiner "großen Güte" – fast – alles für mich tut und mir gleichzeitig nebenbei erzählt, ich hätte halt seine Schläge und Lieblosigkeit besser verkraften sollen, wie normale Kinder.

Der Punkt ist, dass mein Vater nicht leiden will. Um nichts in der Welt. Seine vermutlich schmerzhaften Kindheitsgefühle will er nicht fühlen. Eine Tochter, die ihren Willen manchmal durchsetzt und ihn kritisiert, das hätte auch Leiden für ihn bedeutet, denn er wollte es um jeden Preis bequem haben. Und wenn er heute zugeben würde, dass sein Nicht-Wissen-Wollen meine Krankheit, unter der ich noch heute leide, mitverursacht hat, würde er vermutlich leiden müssen – und dazu ist er sich zu gut.
Es spricht zu viel dafür, dass er sehr wohl gespürt hat, dass mit unserer Familie vieles nicht gestimmt hat – vieles hab ich hier gar nicht aufgeschrieben.

Er weigert sich, auch nur ein bisschen zu leiden, und ein großer Teil meines Lebens war Leiden. Ich will keinen dramatischen Kniefall, sondern einfach Gerechtigkeit.

Mich interessiert es, was andere Leute fühlen, wenn sie so etwas lesen. Und wie sie die Sache sehen.

Danke fürs Lesen.
 
Um da wirklich Stellung zu nehmen zu können, wäre es schon interessant zu wissen, was du denn unter "Prügel" verstehst und welche "Krankheit" du dir zugezogen hast. Mittleren Alters bedeutet 50+, denke ich mal. Du bist also in den Sechzigern großgeworden. Anitautoritär war damals noch ziemlich unbekannt und wenn man sich die Auswüchse in der heutigen Zeit anschaut, auch nicht gerade da Gelbe vom Ei. Aber, wie schon geschrieben, Stellung nehmen würde ich erst, wenn ich etwas mehr zu hören bekomme.
 
Prügel: Mein Vater hat mich etliche Male übers Knie gelegt und mich so geschlagen. Dazu gab es Ohrfeigen. Insgesamt nicht besonders viele Schläge. Misshandlung im engeren Sinn war das nicht. Aber es hat gelangt, mir zu zeigen, dass er absoluten Gehorsam erwartet. Die Drohung mit noch mehr Schlägen kam oft, die hing immer über uns. Mein Geschwister hat er mit einem Gegenstand geschlagen. Wenn er auf mich zu kam, um mich zu schlagen, hat er immer ausgesehen, als wollte er mich umbringen. Vor ein paar Jahren habe ich ihn gefragt, was er denkt, wenn er wirklich wütend ist. Antwort: Den würde ich jetzt am liebsten umbringen wollen. Vor einiger Zeit hat er mir ungefragt erzählt, dass er in seiner Jugend mal den Wunsch und den Plan hatte, einen Menschen sehr schlimm zu schädigen. Das wäre überall auf der Welt schwer kriminell gewesen. Ich habe ihn gefragt, ob er damals wirklich wusste, was er da vorhat. Seine Antwort: Ja. Weiß nicht, wie er sich von dem Plan hat abbringen lassen. Ich bin überzeugt davon, dass er mich richtig schwer misshandelt hätte, wenn ich nicht nachgegeben hätte. Aber auch so haben mir die Schläge sehr weh getan. Und wenn man die ganze Zeit spürt, dass man eh nur geduldet und kein Interesse an mir da ist, dann reizt man denjenigen nicht. Auf Diskussionen hat er sich damals nicht eingelassen.
Außer ihm gab es noch zwei andere Menschen in meiner Kindheit, die mich seelisch geschädigt haben.

Krankheiten: chronische leichte Depression spätestens ab dem Kindergartenalter, durchgehend bis heute (diagnostiziert). Macht einen bei den Menschen sehr beliebt. Mittelschwere Depressionen ab und zu für Monate in der mittleren Kindheit, in der Pubertät, in der Jugend. Schwere Depressionen ab dem frühen Erwachsenenalter, viele Jahre lang (diagn.). Etliche Jahre mit täglichen Selbstmordgedanken. Angststörung, Angst vor Menschen (diag.). Aber ich vermute eher, dass ich eine unsicher-ängstliche Persönlichkeitsstörung habe. Jahrelang arbeitsunfähig, daher auch viele Jahre an der Armutsgrenze. Alle Freundschaften sind zerbrochen, alle Beziehungsversuche ebenfalls.
Einige Bekannte finde ich nett und sie mich auch.

Den Lebensmut habe ich trotzdem nicht verloren. Aber ein leichtes Leben ist was anderes.
 
Hallo Gast,
da Du wissen möchtest, was andere Leute fühlen – und wie die Sache gesehen wird, schreibe ich Dir.

Dein Vater hat sich an Dir und Deinen Geschwistern schuldig gemacht. Es scheint, als ob er ein Unrechtsbewusstsein hätte, stellt sich aber nicht seiner Schuld sondern flüchtet sich in Ausreden. Damalige Unwissenheit, was er besser hätte tun und was lassen sollen, schützt nicht davor, Unrecht zu tun. Es ist ein neues, zusätzliches Unrecht, sein Unrecht von damals nicht einzusehen oder sich vor der Verantwortung für eigenes Tun zu drücken.

Es gibt verschiedene Gründe, warum sich ein Mensch seiner Schuld nicht stellt. Im einen Fall ist es Stolz, im anderen Fall die innere Schwachheit, mit eigener Schuld umzugehen. Dafür spricht, dass er Dich zum Sündenbock machen möchte. Aber den Schuh brauchst Du nun wirklich nicht anziehen. Ich selbst bin Christ und neige daher dazu, Menschen ihre Schuld an mir zu vergeben. Aber wenn jemand keine Schuld zugibt und daher keine Vergebung will, bin ich auch etwas ratlos. Es ist so, als ob Du jemandem etwas schenken möchtest, der die Annahme verweigert. Vielleicht könntest Du dieses Bild verwenden, um ihm zu helfen, den Schritt von Schuld und Vergebung zu gehen. Ob es erfolgreich sein wird, sei dahingestellt, aber wenn Du ihm das Angebot machst – er ablehnt – ist es ein vergebliches Entgegenkommen, für das Du keine Schuld trägst.

Wichtig ist mir die Frage, was sein schuldhaftes Verhalten mit Dir „heute“ noch macht? Was es in der Vergangenheit mit Dir machte, hast Du ja beschrieben. Wenn Du in Dein Herz schaust, Deine Gefühle und Gedanken betrachtest, wirst Du „Gutes“ oder „Schlechtes“ sehen oder beides. Und dann solltest Du überlegen, was davon Du behalten und was davon Du loswerden möchtest. Das Schlechte, was Du erlebt hast, kann nichts Gutes hervorbringen. Also sollte das Schlechte Deines Vaters, das Schlechte Deiner Vergangenheit, nicht an Deinem Herzen kleben, wie Dreck an den Schuhen. Wenn Du durch Dreck gelaufen bist, egal aus welchem Grund, machst Du ja auch die Schuhe sauber. Diese Erkenntnis sollte Dich veranlassen, Dich von dem Schlechten soweit zu distanzieren, dass Du Dich davon abwenden kannst. Aber wie macht man das? …indem Du umso mehr das Gute suchst, für Dich und für andere Menschen in Deinem Lebensumfeld. Je mehr Du Dir und anderen Menschen mit Liebe begegnest, je besser wirst Du das Schlechte aus und von Dir vertreiben.

Du bist ein liebenswerter Mensch, auch wenn Du das evt. nicht oder zu wenig erfahren hast.

Alles Liebe und Gute,
Nordrheiner

 
Hallo Gast!

Es ist schon bedauerlich so ein Leben gelebt zu haben, es tut mir echt leid, weil, das hätte nicht sein müssen.

Ich denke auch, daß sich ein Mensch insofern "nicht ändert", daß er sein Leben meist so verbringt, wie er charakterlich geprägt ist. So denke ich, ändern sich die Umstände unter denen die unterschiedlichen Charakterzüge unterschiedlich stark wirken können und/oder - was seltener ist - von einem Menschen bewußt betont werden (in Opposition zu den Eltern evtl.). Jeder Mensch hat gute und schlechte Seiten, die unter der öffenlichen Moral, öffentliche Ansichten (heute: Mainstream) unterschiedlich "gefördert" werden.

Bitte bedenke die Zeit, in der Dein Vater seine Kindheit verbrachte, welche Art Denken ihn geprägt hat. Wahrscheinlich hast Du seinen Vater/Mutter nicht kennengelernt oder doch, und je nach dem wirst Du wohl auch wissen, oder eben nicht wissen (aber vermuten können), unter welchem Einflüssen er stand.

Noch die 50er Jahre waren schon recht anstrengend, was Moral (in jedern Hinsicht) betraf. Quasi hatten "alle" Überlebenden ein Trauma oder eigentlich mehrere zu überwinden, was halt jeder auf seine Weise tat.
Das "einfachste " war wohl sich den Tagesaufgaben zu stellen und das, was war, zu vergessen, zu verdrängen.

Da ich die Kindheit und die Lage Deiner Eltern in ihrer Kindheit nicht kenne, erlaube ich mir also blind von der allgemeinen Lage vor und nach 1945 auszugehen. Ich nehme also an, daß sich aus Betrachtung und Kenntnis der Erziehung und dem sonstigen Einfluß auf Deine Eltern (wie auf alle damalige Zeitgenossen) so manche Antwort geben ließe.

Ich -(respektive: Dein Vater Jahrgang 1934)-, für meinen Teil, stelle mir vor, wie schlimm es für mich wäre, wenn plötzlich alles was ich 11 Jahre lang gelernt habe, alles Lüge und Verbrechen gewesen sein soll, daß ich daher dann schwer wieder Vertrauen aufbringen könnte. Dazu kämen nun die Erfahrungen des Schwarzmakts und des massenhaften Sterbens ringsum, durch Mangelkrankheiten begünstigt. Wenn man das alles überlebt, dann kann es schon sein, daß sich Flintipsen (doofe Ideen, überzogene Vorstellungen) in so einem Kopf festsetzen. Aber das weiß ich alles nicht, wie es bei Deinen Eltern war, es sind nur allgemeine Vorstellungen von mir, wie es hätte sein können.

Bringt es Dir wirklich so viel, daß Du auf seinem Bekenntnis bestehst? Einen Menschen mit 80 kannst Du wirklich nicht mehr ändern und das Gewesene auch nicht. Wenn Du ihm im Angesicht eindeutig Deine Meinung sagen kannst, ist das doch schon mal viel Wert, wie auch, daß Du eine eigne Meinung entwickeln kannst und ihm auch, wie schon gesagt, noch persönlich sagen kannst. Ich glaube, das kann Dich im Bewußtsein aus dieser Zwangslage etwas befreien. Vielleicht kannst Du seine (finanazielle?) Hilfe innerlich als Wiedergutmachung akzeptieren? Schön wäre, könntet Ihr Euch beide noch so beistehen, wie Ihr es schon Euer Leben lang hättet tun sollen.
Besse spät, als nie.

Lieber Gast: ich wünsche Dir ein weites Herz und die richtigen Worte zur rechten Zeit!

FG Gelinda

Lieber Gast - es wäre nett, würdest Du Dir als Gast, einen erkennbaren Namen geben -z.B. Themeneröffner- oder Dich anmelden, wenn Du magst und kannst, damit man, wenn andere Gäste hier schreiben, Dich, als TE, erkennen kann.
 
Er ist über 80 und wird sich nicht ändern.
Du musst versuchen, deinen Frieden auch OHNE irgendein erhofftes Verhalten seinerseits zu finden.
 
Ich glaube, es bringt überhaupt nichts, ein Schuldeingeständnis "erzwingen" zu wollen. Das muss von der Person selbst kommen. Und im Zweifel wird es bei einem 80-Jährigen eben nicht mehr kommen. Ein solcher Mensch hat sich über ein langes Leben hinweg Mechanismen aufgebaut, die man nicht ohne Weiteres aufgibt und teilweise auch gar nicht mehr aufgeben kann.

Ich verstehe dich sehr gut. Ich weiß, wie es ist, wenn man sich danach sehnt, dass der andere einfach nur einmal von Herzen sagt: Bitte verzeih mir, ich weiß, ich habe große Fehler gemacht, die ich heute nicht mehr tun würde.

Aber wie ich schon eingangs schrieb: Viel Hoffnungen würde ich mir darauf nicht machen.

Und irgendwann muss man sich im Leben auch hinstellen und sagen: Es war, wie es war. Es bringt mir nichts, weiter in der Vergangenheit zu verharren. Damit schade ich nur mir selbst am meisten.

Was du dich natürlich fragen solltest, inwieweit dir der Kontakt zu deinem Vater guttut. Ich denke, diesen Kontakt solltest du sorgfältig dosieren. Es hat keinen Sinn, wenn man alte Wunden immer wieder aufs Neue aufreißt. Dann kommst du nie aus diesem Teufelskreis heraus.
 
Meine Mutter ist ebenfalls 80. Meine Eltern sind geschieden. Zu meinem Vater habe ich seit 25 Jahren keinen Kontakt.

Letztes Wochendende hat meine Mutter mal wieder über ihn hergezogen und ihn als brutal geschildert, der rücksichtslos seinen Weg geht und dazu auch Gewalt ausübt.

Ich habe sie freundlich daran erinnert, daß das nicht meine Erfahrung mit meinem Vater ist. Daß er mir nur gelegentlich eine Ohrfeige gegeben hat. Was sehr wenig ist, angesichts der Tatsache, daß er als Kind von meinem Großvater ständig geschlagen wurde. Und daß ich es ihm hoch anrechne, daß er den Kreislauf der Gewalt durchbrechen konnte und sich mir gegenüber nicht so verhalten hat.

Ich habe meine Mutter aber auch daran erinnert, daß sie es war, die mich mehrmals windelweich geprügelt hat. Und die mit dem Prügeln nicht aufhören konnte bis sie komplett erschöpft war und keine Kraft mehr hatte zum Weiterschlagen. Sie behauptet sich nicht zu erinnern. Ich glaube ihr das. Die Erinnerung ist gnädig zu ihr. Und ich gönne ihr diese Gnade.

Vor dem Hintergrund ihrer Lebensgeschichte spreche ich nicht von Schuld. Ich habe meine Erinnerung an das, was geschehen ist. Das ist meine Wahrheit. Ihre Wahrheit ist eine andere. Ich kann die Angst und den Schmerz des Kindes betrauern. Aber als erwachsene Frau kann ich auch ihre Lebensleistung anerkennen und ihr Verhalten einordnen.

Was bringt Dir einen Entschuldigung? Es nimmt den Schmerz des Kindes nicht weg. Und es ändert nichts daran, wie es Deine Persönlichkeit geprägt hat und wie es Dein Verhalten, Fühlen und Denken noch heute lenkt.

Aber Du hast heute die Chance als erwachsene Frau nicht länger in dem Schmerz des Kindes zu verharren. Du darfst aufhören auf Erlösung zu warten.Und auf Anerkennung deines Leids von außen zu warten. Du darfst Dein Leben unabhängig von dem Verhalten Deines Vaters leben. Unabhängig davon, wie seine Erinnerung an die Vergangeheit ist.

Der Lebensweg Deines Vaters ist bald zuende. Gönne ihm die Gnade seiner verklärten Erinnerung und seiner Schutzmechanismen.

Aber Dein Leben darfst Du unahängig von seiner Wahrheit leben. Denn Du kennst Deine eigene Wahrheit.
 
Hallo Nordrheiner,

danke für deinen Beitrag und deine freundlichen Worte. Sie haben mir gut getan.

Mir tut es besonders gut zu hören, dass du von der Schuld meines Vaters bezüglich seiner Handlungen in meiner Kindheit und von der Schuld, sein Unrecht nicht richtig einsehen zu wollen, schreibst. Zu oft habe ich von anderen Leuten zu hören bekommen, dass ich in erster Linie Nachsicht mit meinen Eltern haben soll und es eben Pech war, in so einer Familie aufzuwachsen. Als wäre ich das Opfer einer Naturkatastrophe.
Danke!

Was das Verzeihen anbelangt: Das, was ich mir wünsche, wäre, dass mein Vater diese Schuld voll und ganz akzeptiert, auch eine Weile Schuldgefühle hat u. versucht, nachzufühlen, was sein Verhalten bei mir in den letzten Jahrzehnten ausgelöst hat. Es geht mir also letztendlich darum, dass er sich eine Weile schlecht fühlt. Sich nicht mehr hinter der Betonmauer versteckt, die er bei diesem Thema um sich gezogen hat. Dann würde ich ihm verzeihen. Ich könnte mir vorstellen, dass du diesen Punkt etwas anders gemeint hast als ich. Ich bin mir aber nicht sicher.

Was sein Verhalten heute noch mit mir macht u. wie ich den "Dreck" losbekomme: Ich bin sehr dünnhäutig, also trifft mich eine Ungerechtigkeit sehr stark. Zuerst fühle ich den Schmerz, dann die Wut. Am Anfang fühlt sich Wut für mich richtig an - für mich ist das die emotionale Vorbereitung darauf, zum Gegenangriff überzugehen. Man muss seine Grenzen schützen u. dem Aggressor klarmachen, dass er Übergriffe gefälligst bleiben zu lassen hat. Wenn das getan ist, schaue ich wieder in eine andere Richtung und versuche, wieder an Gutes und Schönes zu denken, denn du hast natürlich Recht, dass Wut auf Dauer kein schöner und heilsamer Zustand ist.
Ja, mein Ziel ist auch, auf lange Sicht gesehen, mit mir und anderen immer liebevoller umzugehen, was ein langer Lernprozess ist. Ich bin dabei und bin auch ein ganzes Stück weitergekommen. Allerdings werde ich Übergriffe niemals dulden.
Nochmals Danke für deine lieben Worte!
 
Hallo Gelinda,

danke dir für deine lieben Worte! Ich kann nur wiederholen, was ich auch Nordrheiner geschrieben habe: Sie haben mir wirklich gut getan.

Ich habe oft an die Geschichte meines Vaters gedacht. Er ist deutlich öfter geschlagen worden als ich. Eine unmittelbare Kriegsbedrohung hat er nicht erlebt.
Ich bin mir bewusst, dass es in meiner frühen Kindheit nur wenig Literatur und wenig öffentliche Auseinandersetzungen über Erziehungsstile gab. Sicher ist er von der damals vorherrschenden Meinung sehr geprägt worden (Autoritätsprinzip in der Gesellschaft, gesellschaftlich niedrige Stellung der Kinder, Überbetonung der genetischen Anlagen, Sozialdarwinismus u. a.). Insofern bin ich nicht mehr so wütend wie früher über seinen Umgang mit mir in den 60er Jahren. Aber in den 70er Jahren gingen die Diskussionen über gesellschaftliche Werte dann auch in der Allgemeinheit los, und mein Vater hat sich innerlich bis zum Anfang der 90er Jahre praktisch nicht von der Stelle bewegt. Ich habe in den letzten Tagen sehr viel über seine und unsere Geschichte nachgedacht, und es könnte sein, dass ich jetzt besser verstehe, was in ihm vorgeht - was nicht bedeutet, dass ich ihn entschuldige: Für ihn war es von größter Wichtigkeit zu hören, dass die Genetik einen großen Einfluss auf das innere Erleben ausübt. (evtl. ab den 1940er/1950er Jahren) Er ist darüber hinaus auch der Meinung, dass "die Gene das Verhalten" bestimmen, was natürlich in der Absolutheit Unsinn ist. Zusammen mit seiner großen Ängstlichkeit gegenüber allen unangenehmen Gefühlen, gegenüber dem, was "die anderen" sagen, und der Tatsache, dass er immer Tätigkeiten ausüben konnte, die ihm großen Spaß machen, hatte er die anscheinend perfekte theoretische Basis dafür, um alle unangenehmen Erkenntnisse verdrängen und sich Angenehmerem widmen zu können: "Ich bin nun mal so, ich kann nicht anders." "Die Gene bestimmen, ob jemand psychisch krank wird." Er hat sich seit den 1990er Jahren in Richtung Menschlichkeit verändert - aber ich glaube jetzt, nur in einem Bereich, wo es für ihn nicht ans Eingemachte geht. D. h. er ist nur gewillt, neuere wissenschaftliche Erkenntnisse anzunehmen, wenn sie ihm erlauben, das Verdrängte in ihm weiter in der Versenkung zu lassen. Und ich finde, es gehört zum Erwachsensein dazu, neue Erkenntnisse zu akzeptieren. - Also, natürlich ist jeder von seiner Zeit geprägt und hat auch seinen eigenen Charakter - aber wenn mir neue Erkenntnisse egal sind, dann lebe ich m. E. teilweise nicht mehr in der "Realität" - auch wenn die Realität immer etwas teilweise Subjektives ist.

Wie ich schon an Nordrheiner geschrieben habe: Es geht mir eigentlich nicht so sehr um einen Satz/ein Bekenntnis, sondern um das Bewusstsein und das Fühlen, dass er Schuld auf sich geladen hat.

Einen anderen Menschen kann man nie ändern, das sehe ich auch so. Man kann sich nur selbst ändern.

Du schreibst, du wünschst mir ein weites Herz ... Ich glaube, ich werde seine liebenswerten Züge nie vergessen, und meine Tür wird offen bleiben für den Fall, dass er seine Schuld eingesteht. Aber jemand, der auf dem hohen Ross sitzt, in mir in erster Linie "die Kranke" sieht, nicht richtig wahr haben will, dass er mich selbst dazu gemacht hat, von mir verlangt, dass ich totale Rücksicht auf die große Ängstlichkeit eines gestandenen Mannes nehme und der gleichzeitig von mir erwartet hätte, dass ich als kleines Kind gegen einen übermächtigen Vater hätte Mut beweisen, mich gegen ihn wehren und mich öfters hätte schlagen lassen sollen - das ist einfach nur unverschämt und zynisch! Wenn die eine Hand Geschenke austeilt und die andere mir eine runterhaut, dann ist das keine Freundschaft. (Ich spreche nicht von berechtigter Kritik an meinen Verhaltensweisen.)

Ich werde ihm schreiben, dass ich nicht mehr glaube, dass er sich in dieser Hinsicht ändern wird/will, und dass ich mich von ihm zurückziehen will. Werde ihm Material schicken, das meine Sicht belegt (habe heute gelesen, dass gerade bei Menschen mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung sehr oft der Vater nicht anwesend war oder als Bezugsperson ausgefallen ist.) Vielleicht wacht er dann auf, aber ich glaube, eher nicht. Das bleibt ihm überlassen.

Danke nochmal für deinen Beitrag, Gelinda, und ich wünsche dir auch alles Gute!
 

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