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Gast
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Hallo,
ich will hier mal was loswerden. Ich weiß, es ist viel ...
ich (w) bin mittleren Alters. Die Beziehung zu meinem Vater (jetzt knapp 80, geistig fitt, sieht deutlich jünger aus) war fast immer schwierig. In der Kindheit und Jugend: Desinteresse an mir, Lieblosigkeit, Prügel, autoritäre Erziehung, wichtig war nur, dass ich alle meine Pflichten erfüllte und in der Schule gut war. Vertrauen, Zärtlichkeit, emotionale Sicherheit – totale Fehlanzeige. Ich bin mir heute sicher, dass er damals psychisch krank war u. teilweise heute auch noch ist. Für meine Mutter gilt das ebenfalls. Bin als Kind auch schon psychisch krank geworden, nach außen sichtbar dann als junge Erwachsene, als irgendwann gar nichts mehr ging, in keinem Bereich des Lebens mehr, und das für lange Zeit. Meine Eltern wollten sich all die Jahre nie eingestehen, dass sie krank sind und wir keine normale Familie waren. Mein Geschwister wird mit seinem Leben wesentlich besser fertig als ich, ist aber auch beziehungsunfähig. Inzwischen geht es mir nach viel Therapie und vielen Anstrengungen deutlich besser. Meine Eltern haben damals angefangen, sich zum ersten Mal ernsthafte Gedanken über Beziehungen, Kindererziehung, über ihre Ehe, über ihre Eltern und über psychische Krankheit und Gesundheit zu machen. Mein Vater ist heute deutlich offener und menschlicher als damals. Daher habe ich nach Jahren des Kontaktabbruchs wieder angefangen, mit ihm zu reden. Inzwischen haben wir ein paar Jahre gute Gespräche und immer größeres Vertrauen gehabt. Er hat sich wirklich deutlich geändert. Allerdings fanden klärende Gespräche nur manchmal zwischendrin statt. Ich bin bereit, ihm zu verzeihen, aber nur, wenn er anerkennt, dass er mit schuld an meinem langen und schweren Leidensweg ist. Vor einem Jahr hatten wir ein Gespräch, in dessen Verlauf er zum Schluss zugestimmt hat, dass er früher mit Psychologie und schwierigen Gefühlen jeder Art absolut nichts zu tun haben wollte und daher mit schuld an meiner Krankheit ist. Aber anscheinend hat er das nur gesagt, damit die Diskussion aufhört. Ich dachte, es ist so ziemlich alles in Ordnung. Habe mir was vorgemacht.
Vor kurzem hatten wir wieder eine Diskussion über ein ähnliches Thema. Er schwenkte selbst auf dieses Schuld-Thema über. Wir redeten nur kurz darüber, weil ich die andere, harmlosere Diskussion zu Ende bringen wollte. Zum Thema Schuld meinte er, wenn ich ein genetisch gesünderer Mensch gewesen wäre, hätte ich mich von seiner Wut, von den Prügeln, von seiner autoritären Art nicht so einschüchtern lassen, hätte mehr auf meinen Wünschen und Gefühlen bestanden, hätte mich daher öfter von ihm prügeln lassen – wäre aber innerlich nicht eingeknickt, also hätte nicht mit Depressionen und Minderwertigkeitsgefühlen reagiert. Vielleicht hätte er ja auch aufgehört zu prügeln, meinte er. Das halte ich für einen Witz. Er hat wieder zitiert, was er auch früher immer wieder gesagt hat – dass er damals geglaubt hat, dass Kinder nichts zu sagen haben. Er wollte herrschen. Punkt. Seiner Meinung nach ist er nicht schuld an meiner Krankheit, denn er habe einfach nicht gewusst, dass so ein Erziehungsstil krank machen kann. Er denkt schon auch, dass sein Verhalten mich mit krank gemacht hat, aber da er nicht wusste, was er tat, kann er nichts dafür.
Diese Meinung akzeptiere ich nicht, denn es gibt viele Anzeichen dafür, dass er von allem Psychologischen eben auch nicht das Geringste wissen wollte, er hat das Thema aktiv verdrängt oder beiseite geschoben. Er hatte in seiner Ausbildung sogar Psychologie, hat aber nichts gelernt, sagte er mir, weil er nichts damit zu tun haben wollte. Ich nehme an, weil es ihm zu unangenehm war. Meine Mutter hatte mit ihm in meiner Kindheit Diskussionen, weil sie nicht wollte, dass wir so verprügelt werden. Aber Ohrfeigen hat sie auch verteilt. Er wusste also, dass es andere Erziehungsstile gibt. Wir kannten in meiner Kindheit eine Familie, in der die Kinder antiautoritär erzogen wurden. Er hatte körperliche Symptome über viele Jahre, zum Teil bis heute, die letztlich psychosomatisch waren. Sie wurden besser, als meine Mutter die Trennung von ihm vorschlug und sie dann geschieden wurden. Er war zu feige, sich von ihr zu trennen, obwohl er das schon längst wollte. Weil die Leute reden würden. Er argumentiert dauernd mit den anderen Leuten: „Aber alle haben damals Kinder geschlagen. Aber niemand hat damals über Gefühle geredet.“ Was es bedeutet, ein vernachlässigtes, geprügeltes Kind zu sein ohne positiven Kontakt zu seinem Vater, das weiß er sehr wohl, hat er selbst als Kind erfahren. Er sagte mir, dass er früher dachte, er sei perfekt. Er wusste aber natürlich, dass er ein Einzelgänger war, er fand schwer oder gar keine Freunde, und bei den Frauen kam er auch nicht gut an. Also ein perfekter Mann, der keine Freunde und keine Frau findet?! Es gehört sehr viel Willen zur Verdrängung dazu, diese beiden Sätze nicht irgendwann mal zusammen zu denken und den Widerspruch zu merken.
Und irgendwann gab es dann jede Menge Bücher und Sendungen über nicht-autoritäre Erziehung, Beziehungen etc. Er wusste davon. Er hat auch immer wieder gesagt: Man kann sich nicht ändern. Man kann sich nicht ändern.
Als ich noch sehr klein war, habe ich zeitweise oft offen geweint und gesagt, dass ich bei anderen Leuten leben will. Und ich hab auch klar geäußert, dass es mir egal wäre, wenn ich meine Eltern kaum noch sehen würde. Niemand hat das alles ernst genommen, mein Vater auch nicht.
Mein Vater ist jetzt eigentlich in allen anderen Bereichen mir gegenüber sehr freundlich, großzügig und kooperativ. Er selber sieht sich nicht ein für alle mal seelisch teilweise gestört. Ich habe das Gefühl, dass er sich jetzt ausschließlich als der gütige, freundliche Vater sieht, der haushoch über seiner kranken Tochter steht, die eh nie mehr gesund und normal wird. Er oben, ich unten. Aber ich will keine Beziehung zu einem Vater, der in seiner "großen Güte" – fast – alles für mich tut und mir gleichzeitig nebenbei erzählt, ich hätte halt seine Schläge und Lieblosigkeit besser verkraften sollen, wie normale Kinder.
Der Punkt ist, dass mein Vater nicht leiden will. Um nichts in der Welt. Seine vermutlich schmerzhaften Kindheitsgefühle will er nicht fühlen. Eine Tochter, die ihren Willen manchmal durchsetzt und ihn kritisiert, das hätte auch Leiden für ihn bedeutet, denn er wollte es um jeden Preis bequem haben. Und wenn er heute zugeben würde, dass sein Nicht-Wissen-Wollen meine Krankheit, unter der ich noch heute leide, mitverursacht hat, würde er vermutlich leiden müssen – und dazu ist er sich zu gut.
Es spricht zu viel dafür, dass er sehr wohl gespürt hat, dass mit unserer Familie vieles nicht gestimmt hat – vieles hab ich hier gar nicht aufgeschrieben.
Er weigert sich, auch nur ein bisschen zu leiden, und ein großer Teil meines Lebens war Leiden. Ich will keinen dramatischen Kniefall, sondern einfach Gerechtigkeit.
Mich interessiert es, was andere Leute fühlen, wenn sie so etwas lesen. Und wie sie die Sache sehen.
Danke fürs Lesen.
ich will hier mal was loswerden. Ich weiß, es ist viel ...
ich (w) bin mittleren Alters. Die Beziehung zu meinem Vater (jetzt knapp 80, geistig fitt, sieht deutlich jünger aus) war fast immer schwierig. In der Kindheit und Jugend: Desinteresse an mir, Lieblosigkeit, Prügel, autoritäre Erziehung, wichtig war nur, dass ich alle meine Pflichten erfüllte und in der Schule gut war. Vertrauen, Zärtlichkeit, emotionale Sicherheit – totale Fehlanzeige. Ich bin mir heute sicher, dass er damals psychisch krank war u. teilweise heute auch noch ist. Für meine Mutter gilt das ebenfalls. Bin als Kind auch schon psychisch krank geworden, nach außen sichtbar dann als junge Erwachsene, als irgendwann gar nichts mehr ging, in keinem Bereich des Lebens mehr, und das für lange Zeit. Meine Eltern wollten sich all die Jahre nie eingestehen, dass sie krank sind und wir keine normale Familie waren. Mein Geschwister wird mit seinem Leben wesentlich besser fertig als ich, ist aber auch beziehungsunfähig. Inzwischen geht es mir nach viel Therapie und vielen Anstrengungen deutlich besser. Meine Eltern haben damals angefangen, sich zum ersten Mal ernsthafte Gedanken über Beziehungen, Kindererziehung, über ihre Ehe, über ihre Eltern und über psychische Krankheit und Gesundheit zu machen. Mein Vater ist heute deutlich offener und menschlicher als damals. Daher habe ich nach Jahren des Kontaktabbruchs wieder angefangen, mit ihm zu reden. Inzwischen haben wir ein paar Jahre gute Gespräche und immer größeres Vertrauen gehabt. Er hat sich wirklich deutlich geändert. Allerdings fanden klärende Gespräche nur manchmal zwischendrin statt. Ich bin bereit, ihm zu verzeihen, aber nur, wenn er anerkennt, dass er mit schuld an meinem langen und schweren Leidensweg ist. Vor einem Jahr hatten wir ein Gespräch, in dessen Verlauf er zum Schluss zugestimmt hat, dass er früher mit Psychologie und schwierigen Gefühlen jeder Art absolut nichts zu tun haben wollte und daher mit schuld an meiner Krankheit ist. Aber anscheinend hat er das nur gesagt, damit die Diskussion aufhört. Ich dachte, es ist so ziemlich alles in Ordnung. Habe mir was vorgemacht.
Vor kurzem hatten wir wieder eine Diskussion über ein ähnliches Thema. Er schwenkte selbst auf dieses Schuld-Thema über. Wir redeten nur kurz darüber, weil ich die andere, harmlosere Diskussion zu Ende bringen wollte. Zum Thema Schuld meinte er, wenn ich ein genetisch gesünderer Mensch gewesen wäre, hätte ich mich von seiner Wut, von den Prügeln, von seiner autoritären Art nicht so einschüchtern lassen, hätte mehr auf meinen Wünschen und Gefühlen bestanden, hätte mich daher öfter von ihm prügeln lassen – wäre aber innerlich nicht eingeknickt, also hätte nicht mit Depressionen und Minderwertigkeitsgefühlen reagiert. Vielleicht hätte er ja auch aufgehört zu prügeln, meinte er. Das halte ich für einen Witz. Er hat wieder zitiert, was er auch früher immer wieder gesagt hat – dass er damals geglaubt hat, dass Kinder nichts zu sagen haben. Er wollte herrschen. Punkt. Seiner Meinung nach ist er nicht schuld an meiner Krankheit, denn er habe einfach nicht gewusst, dass so ein Erziehungsstil krank machen kann. Er denkt schon auch, dass sein Verhalten mich mit krank gemacht hat, aber da er nicht wusste, was er tat, kann er nichts dafür.
Diese Meinung akzeptiere ich nicht, denn es gibt viele Anzeichen dafür, dass er von allem Psychologischen eben auch nicht das Geringste wissen wollte, er hat das Thema aktiv verdrängt oder beiseite geschoben. Er hatte in seiner Ausbildung sogar Psychologie, hat aber nichts gelernt, sagte er mir, weil er nichts damit zu tun haben wollte. Ich nehme an, weil es ihm zu unangenehm war. Meine Mutter hatte mit ihm in meiner Kindheit Diskussionen, weil sie nicht wollte, dass wir so verprügelt werden. Aber Ohrfeigen hat sie auch verteilt. Er wusste also, dass es andere Erziehungsstile gibt. Wir kannten in meiner Kindheit eine Familie, in der die Kinder antiautoritär erzogen wurden. Er hatte körperliche Symptome über viele Jahre, zum Teil bis heute, die letztlich psychosomatisch waren. Sie wurden besser, als meine Mutter die Trennung von ihm vorschlug und sie dann geschieden wurden. Er war zu feige, sich von ihr zu trennen, obwohl er das schon längst wollte. Weil die Leute reden würden. Er argumentiert dauernd mit den anderen Leuten: „Aber alle haben damals Kinder geschlagen. Aber niemand hat damals über Gefühle geredet.“ Was es bedeutet, ein vernachlässigtes, geprügeltes Kind zu sein ohne positiven Kontakt zu seinem Vater, das weiß er sehr wohl, hat er selbst als Kind erfahren. Er sagte mir, dass er früher dachte, er sei perfekt. Er wusste aber natürlich, dass er ein Einzelgänger war, er fand schwer oder gar keine Freunde, und bei den Frauen kam er auch nicht gut an. Also ein perfekter Mann, der keine Freunde und keine Frau findet?! Es gehört sehr viel Willen zur Verdrängung dazu, diese beiden Sätze nicht irgendwann mal zusammen zu denken und den Widerspruch zu merken.
Und irgendwann gab es dann jede Menge Bücher und Sendungen über nicht-autoritäre Erziehung, Beziehungen etc. Er wusste davon. Er hat auch immer wieder gesagt: Man kann sich nicht ändern. Man kann sich nicht ändern.
Als ich noch sehr klein war, habe ich zeitweise oft offen geweint und gesagt, dass ich bei anderen Leuten leben will. Und ich hab auch klar geäußert, dass es mir egal wäre, wenn ich meine Eltern kaum noch sehen würde. Niemand hat das alles ernst genommen, mein Vater auch nicht.
Mein Vater ist jetzt eigentlich in allen anderen Bereichen mir gegenüber sehr freundlich, großzügig und kooperativ. Er selber sieht sich nicht ein für alle mal seelisch teilweise gestört. Ich habe das Gefühl, dass er sich jetzt ausschließlich als der gütige, freundliche Vater sieht, der haushoch über seiner kranken Tochter steht, die eh nie mehr gesund und normal wird. Er oben, ich unten. Aber ich will keine Beziehung zu einem Vater, der in seiner "großen Güte" – fast – alles für mich tut und mir gleichzeitig nebenbei erzählt, ich hätte halt seine Schläge und Lieblosigkeit besser verkraften sollen, wie normale Kinder.
Der Punkt ist, dass mein Vater nicht leiden will. Um nichts in der Welt. Seine vermutlich schmerzhaften Kindheitsgefühle will er nicht fühlen. Eine Tochter, die ihren Willen manchmal durchsetzt und ihn kritisiert, das hätte auch Leiden für ihn bedeutet, denn er wollte es um jeden Preis bequem haben. Und wenn er heute zugeben würde, dass sein Nicht-Wissen-Wollen meine Krankheit, unter der ich noch heute leide, mitverursacht hat, würde er vermutlich leiden müssen – und dazu ist er sich zu gut.
Es spricht zu viel dafür, dass er sehr wohl gespürt hat, dass mit unserer Familie vieles nicht gestimmt hat – vieles hab ich hier gar nicht aufgeschrieben.
Er weigert sich, auch nur ein bisschen zu leiden, und ein großer Teil meines Lebens war Leiden. Ich will keinen dramatischen Kniefall, sondern einfach Gerechtigkeit.
Mich interessiert es, was andere Leute fühlen, wenn sie so etwas lesen. Und wie sie die Sache sehen.
Danke fürs Lesen.