Hallo Gast, (Beitrag heute, 00
🤐7)
danke für deinen Beitrag.
Für mich gilt voll und ganz der Satz: Kein Frieden ohne Gerechtigkeit. Ich kann nicht anders. Wenn ich mich dazu zwingen würde, so zu tun, als wenn alles in Ordnung wäre zwischen meinem Vater und mir, dann würde ich innerlich immer wieder kochen vor Wut und Schmerz, weil ich dann rein äußerlich anerkennen würde, dass es ausschließlich meine Gene waren, die meine Krankheiten verursacht haben und dass es wirklich meine Pflicht gewesen wäre, mich öfters gegen ihn zu wehren und noch mehr Schläge und Abneigung zu kassieren. Es ist einfach nicht wahr, was er sagt und was er will.
Die Vergangenheit ist vorbei, aber deren Schatten nicht - ich leide heute noch unter den Folgen, und er will heute noch, dass ich alle Schuld auf mich nehme und ihn freispreche. Offensichtlich können andere Leute das tun. Sie sind vermutlich anders gestrickt sind als ich.
Ich habe mittlerweile ja eingesehen, dass er in den 1960er Jahren kaum eine Chance gehabt hätte, sich anders zu verhalten. Ich habe einen Schritt auf ihn zu gemacht. Aber ich bin nicht der Meinung, dass seine Generation sich generell gar nicht weiterentwickeln kann.
Ich habe mich eben wieder an ein Buch erinnert - durch deinen Beitrag -, das ich letztes Jahr gekauft habe. Hartmut Radebold: "Abwesende Väter und Kriegskindheit. Alte Verletzungen bewältigen" Ich hatte eine Radiosendung gehört, die mich unglaublich beeindruckt hat. (Podcast:
http://mp3-download.swr.de/swr2/tan.../swr2tandem-20130821-kriegskindheit.6444m.mp3) Ein Feature und Interview mit Hartmut Radebold, seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn. Radebold selber ist ein Kriegskind, etwa im Alter meines Vaters. R.s Vater starb an Kriegsverletzungen. Die Mutter ließ ihre Tränen nicht zu. Der Sohn erstarrte. Radebold wuchs unter den ständigen emotionalen Ansprüchen seiner Mutter und mehrerer Tanten auf. Er studierte Medizin und wurde Psychoanalytiker. In seiner eigenen Analyse schaffte er es, sich von den Frauen in seiner Familie zu distanzieren, er heiratete und bekam Kinder. Wie ein Vater sich gegenüber seinen Kindern verhält, wusste er nicht. Die Tochter versuchte oft, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber der Vater blieb uninteressiert an ihr. Sie wurde psychisch krank. Durch ein Forschungsprojekt fing Radebold an, sich mit der Psychotherapie älterer Patienten zu beschäftigen. In seine Praxis kamen Anfang der 1990er Jahre vermehrt ehemalige Kriegskinder, bei denen die Trauer um die Väter hoch kam - und Radebold merkte, dass er selber immer trauriger und depressiver wurde. Es ging in den Therapien um abwesende Väter und die Kriegskindheit, und endlich spürte er seine eigene Trauer um den verlorenen Vater und die Leerstelle in seinem Leben. Es folgte ein intensiver Verarbeitungsprozess. Diskussionen mit seiner Tochter und schließlich ein Riesenkrach, nach dem beide weinten. Heute scheint sein Verhältnis mit seiner Tochter sehr gut zu sein, und es scheint auch ihm selber besser zu gehen.
Vermutlich werden die meisten Männer, die im Krieg ihre Väter verloren, diesen Weg nicht gehen. Aber er ist möglich. Man kann nicht von vornherein sagen, dass es unmöglich ist.
Ich werde meinem Vater unter anderem dieses Buch und den Podcast schenken. Sein Vater ist für ihn auch nie wirklich da gewesen, und seine Mutter hatte auch überhöhte Ansprüche an ihn.
Vielleicht bewegt sich doch was ...