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Schäme mich manchmal für meine Emotionen

Hallo zusammen,

erstmal vielen lieben Dank für die netten Worte, das hat mir wirklich geholfen.
Ich denke, dass der Grund, warum ich mich manchmal ärgere, keine Kontrolle über meine Gefühle zu haben, die Reaktionen meiner Mitmenschen sind.

Natürlich verstehen alle (Arbeitgeber, Freunde, Kollegen), was für einen schrecklichen Schicksalschlag man erlitten hat, aber können das irgendwie nicht so nachvollziehen. In unserer Gesellschaft ist irgendwie kein Platz für Trauer, so kommt es mir vor. Gefühlt akzeptieren alle, dass man so ein, zwei Monate trauert, aber dann muss es auch wieder gut sein und man soll wieder normal in der Arbeitswelt/ im Freundeskreis "funktionieren". Dass die Verarbeitung der Trauer gerade erst anfängt, verstehen die meisten Leute gar nicht, wenn sie nicht selber schonmal sowas erlebt haben.

Gerade in der Arbeitswelt hat man wieder zu funktionieren, zumindest habe ich die Erfahrung gemacht. Sogar eine richtig gute Kollegin, vor der ich sogar im Büro geweint hatte, hatte nach einem Monat schlichtweg verdrängt, was mir passiert war, da sie mir im Plauderton seelenruhig von ihrem an einem Herzinfarkt verstorbenen Vater erzählte und wie schlimm das für sie war, blablabla... Der Mann war 91 und ist in Frieden gestorben. Als ich sie dann darauf hinwies, dass ich weiß, wie sich Trauer anfühlt, war sie total erschrocken - sie hatte schlichtweg vergessen, dass mein Vater gestorben war.
Eine ältere Kollegin erzählte mir nach zwei Monaten, dass ihre Katze vor ihren Augen gestorben wäre, wie ganz ganz schlimm das für sie gewesen sei, sie hätte ja so ein Trauma davon, etc, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was mir wiederfahren war und dass mein PAPA vor meinen Augen gestorben war. Ich saß in dem Moment wirklich fassungslos da und dachte mir, das ist nicht ihr Ernst.

Ein anderer Kollege zog mich danach immer auf, dass ich ständig müde aussehen würde. Logisch, ich konnte wochenlang vor Trauer kaum noch schlafen, hatte jeden Tag schreckliche Albträume, aus denen ich weinend aufwachte. Als ich ihm mit einem kurzen Satz sagte, dass ich seit dem Tod meines Papas nicht mehr richtig schlafen konnte, war ihm das total unangenehm und er vermied es den ganzen restlichen Tag, mit mir zu reden.
Ähnliche Erfahrungen hatte ich auch mit anderen, eigentlich sehr lieben Kollegen, was mich sehr erschüttert hat.

Auch musste ich feststellen, dass es vielen Kollegen und Freunden total unangenehm ist, wenn ich eben nach dieser "gesellschaftlich festgelegten" Trauerzeit nochmal auf das Thema zu sprechen kam, um z.B. zu erklären, warum ich an dem Tag schlecht drauf war. Viele waren zutiefst verunsichert, vermieden es, mit mir zu reden, wechselten schnell das Thema und wussten gar nicht, wohin mit sich.
Dabei bin ich doch noch immer ich! Sicher, vielleicht habe ich mich ein bisschen verändert, aber mein Charakter ist doch gleich geblieben! Ich reiße doch niemand den Kopf deswegen ab.

All diese Erfahrungen haben in mir wohl diesen Druck aufgebaut, meine Emotionen besser kontrollieren zu müssen, obwohl ich eigentlich weiß, das muss ich nicht. Weil die Gesellschaft es verlangt.

Hallo TE,
Ich wünsche dir mein aufrichtiges Beileid. Ich selbst habe meinen Vater verloren als ich 14 Jahre alt war. Das war am 15.02.2000 und gestern der 21. Todestag daher bei mir gerade auch wieder ganz aktuell.
Eines solltest du wissen und auch dein Bruder und eure Mutter,ihr werdet den Rest eures Lebens trauern. Das klingt erschreckend aber nach einer gewissen Zeit,die für jede Person unterschiedlich lang ist, wird es einfacher damit umzugehen. Dennoch wird es immer wieder mal Momente geben, in denen die Gefühle einen übermannen.
Dafür musst du dich nicht schämen, es ist aber für Außenstehende auch nicht wirklich nachvollziehbar bis sie selbst einen ähnlichen Verlust erlitten haben. Zumal je wichtiger die Person für einen ist umso schwerer fällt es damit fertig zu werden.
Ich persönlich habe mein erstes Tattoo u.a. in Erinnerung an meinen Vater stechen lassen. U.a. deswegen da ich mehrere Tiefpunkte hatte und dadurch mit allem abschließen wollte.
Abschließen in dem Sinne es zu akzeptieren und als den Weg des Lebens zu begreifen. In meiner Erinnerung und in meinem Herzen lebt mein Vater dennoch weiter.

Vielleicht solltest du dir zu Hause einen Platz suchen an dem du einen kleinen Altar aufbaust. Meinetwegen ein kleiner Tisch mit Kerzen und einem Bild von deinem Papa und frischen Blumen,den du täglich siehst. Dann kannst Du ihm auch immer wenn dir danach ist, deine Sorgen und Nöte aber positives aus dem Alltag berichten. Bis der Schmerz und die Erinnerung an den Verlust deines Vaters dich nicht mehr so stark emotional aufwühlen.
Ausserdem versuche trotz des Verlustes und der schrecklichen Erfahrung "glücklich" zu sein,denn dein Papa hätte sicher nicht gewollt dass du für immer unglücklich bist.

In diesem Sinne wünsche ich dir und deiner Familie viel Kraft und alles Gute für die Zukunft.

Gruß Pollux
 
Hallo D.,

ich fand es für mich sehr erhellen, dass du offen(siv) mit der Sache umgehst und den Menschen zu verstehen gibst, dass sie dir gegenüber unangebracht reagieren. Aber ich würde ihnen dennoch keine Vorwürfe machen!
Ich kann verstehen, dass es für dich nicht nur frustrierend ist, sondern wirklich deine Gefühlswelt angreift. Manche Menschen sind wirklich taktlos. Aber andere finde ich haben doch gezeigt, dass sie es nicht besser verstehen und sich falsch verhalten haben. Und sich wohl dafür entschieden haben sich doch besser etwas zurück zu ziehen. Weil es ist sehr schwierig mit diesem großen emotionalen Unterschied umzugehen.
Ich weiß, dass Menschen, die so etwas nicht selbst erlebt haben, gar nicht wissen können, wie man sich fühlt. Das verlange ich auch nicht. Für mich selber war das Thema "Tod durch Herzinfarkt" bei anderen Menschen auch einfach nur tragisch, bis ich es selbst erlebt hatte. Man macht sich einfach keine Gedanken über sowas, man will es nicht. Außer "Wie tragisch...Zum Glück ist mir das nicht passiert." Und ich erwarte auch nicht, dass die Leute wissen, wie sie sich zu verhalten haben.
Denn jeder trauert anders.
Aber auch, als ich selber noch nicht "betroffen" war, habe ich mir immer gemerkt, wenn Kollegen oder Freunde ein Familienmitglied verloren haben und habe mein Verhalten dementsprechend angepasst. Die Enkelin eines Kollegen starb durch einen Autounfall - ich hätte nie im Leben danach mit ihm über plötzliche Todesfälle, Autorennen oder ähnliches geplaudert, da ich ja wusste, dass er deswegen seine Tochter verloren hat!
Daher hat es mich sehr geschockt, dass manche Leute so "vergesslich" sein können. Dass sie mir nicht weh tun wollen, weiß ich, aber in den Situationen half es mir nicht.

Hallo TE,
Ich selbst habe meinen Vater verloren als ich 14 Jahre alt war. Das war am 15.02.2000 und gestern der 21. Todestag daher bei mir gerade auch wieder ganz aktuell.
Eines solltest du wissen und auch dein Bruder und eure Mutter,ihr werdet den Rest eures Lebens trauern. Das klingt erschreckend aber nach einer gewissen Zeit,die für jede Person unterschiedlich lang ist, wird es einfacher damit umzugehen. Dennoch wird es immer wieder mal Momente geben, in denen die Gefühle einen übermannen.
Dafür musst du dich nicht schämen, es ist aber für Außenstehende auch nicht wirklich nachvollziehbar bis sie selbst einen ähnlichen Verlust erlitten haben. Zumal je wichtiger die Person für einen ist umso schwerer fällt es damit fertig zu werden.
Auch von mir herzliches Beileid und danke für die lieben Worte. Den Todestag haben wir dieses Jahr zum Glück schon wieder überstanden, aber die Zeit darum ist immer sehr schlimm, grade weil er kurz davor Geburtstag hatte.
Eine kleine Erinnerungsecke haben wir schon aufgebaut.
 
Dass du Alpträume hast deswegen zeigt schon, wie schlimm für dich diese Erfahrung ist. Vielleicht solltest du mit jemandem darüber reden, der dir helfen kann diese Sache besser zu verarbeiten. Ich hätte da nicht unbedingt an einen Psychologen gedacht, wobei es schon toll wäre, wenn es Spezialisten für Trauerarbeit geben würde in diesem Bereich. Gibt es zwar bestimmt, aber ich denke nicht, dass das auf einem Schild steht. Vielleicht wäre ein Pfarrer da angebrachter. Oder ein Bestatter. Kein Witz. Oder doch ein bisschen, weil unrealistisch. Aber ich habe vor ein paar Wochen ein Interview mit einem Bestatter angehört, der mich irgendwie beeindruckt hat. Und er hat geschildert, wie sehr er sich mit dieser Sache auseinander setzt und seelsorgerisch geredet hat. Das würde für mich ein wenig zu deinem Fall passen.
Ich hoffe aber, dass du inzwischen besser mit der Sache klar kommst. Oder hast du noch immer Alpträume? Ich kenn mich zwar mit Träumen ein wenig aus, aber mit Alpträumen nicht so. Aber sie drücken wohl schon aus, wie schrecklich es für einen Menschen ist, dass es vor seinen Augen passierte!?!

Die Albträume sind zum Glück viel weniger geworden. Ich habe sie nur noch an für mich sehr belastenden Tagen (Todestag, Geburtstag, Weihnachten rum). Mittlerweile ist in meiner "Traumwelt" wieder weitgehend Ruhe eingekehrt. Es gab eine Zeit nach dem Albträumen, da häuften sich die Träume, in denen mein Papa einfach vorkam. Das war iwie schön, da er dort so lebendig erscheint, aber gleichzeitig wusste/weiß mein Unterbewusstein mittlerweile, dass da was nicht stimmen kann und weckt mich dann auf. Ich bin oft sehr traurig danach. Diese Träume haben aber auch abgenommen, was ich als Fortschritt deute. Mein Hirn verabeitet das wohl langsam.

Therapie hatte ich kurzzeitig probiert, habe mich aber nicht wohlgefühlt und abgebrochen. Und mit Bestattern hatte ich ab und an in der Arbeit zu tun (das war nach der Beerdigung die Hölle für mich). Das sind nette Leute, aber ich bin einfach zeitlebens froh, wenn ich nie mehr einen Bestatter sehen muss, da mich das zu sehr erinnert...
Ich denke aber insgesamt, dass ich auf einem guten Weg bin. Langsam, Stück für Stück.
Jetzt muss ich nur noch lernen, dass ich mich nie für meine Gefühle schämen muss - und auch das werde ich schaffen, irgendwie.
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo, ich möchte dir auch noch mein Herzliches Beileid aussprechen.

Man braucht sich für Gefühle nie zu schämen, egal welcher Art.

Wenn man jemanden verliert, ist es ein Verlust, der nicht zeitlich begrenzt ist.
Man behält eine geliebte Person im Herzen und es kommen auch nach Jahren Situationen, in denen alles hochkommen kann.

Bitte schäme dich nicht für deine Trauer.

Ich wünsche dir und deiner Familie viel Kraft und Alles Liebe
 
Auch musste ich feststellen, dass es vielen Kollegen und Freunden total unangenehm ist, wenn ich eben nach dieser "gesellschaftlich festgelegten" Trauerzeit nochmal auf das Thema zu sprechen kam, um z.B. zu erklären, warum ich an dem Tag schlecht drauf war. Viele waren zutiefst verunsichert, vermieden es, mit mir zu reden, wechselten schnell das Thema und wussten gar nicht, wohin mit sich.
Das hab ich nach dem Tod meines Bruders genauso erlebt. Mein Lieblingskollege ging nicht mehr mit mir in Rauchpause (er hatte allerdings seinen Vater recht früh verloren, vielleicht hat ihn Trauer getriggert).

Von einer eigentlich guten Freundin hab ich nach einem halben Jahr gehört, jetzt müsse es aber mal gut sein.

Die wenigsten Menschen können mit Schmerz, Trauer und Tod umgehen. Auch ich weiß bei anderen nicht, was ich sagen soll, es gibt ja nichts, was wirklich tröstet. Ich kann nur anbieten, ihnen zuzuhören, wenn sie drüber sprechen wollen.

Wie schon jemand schrieb, du wirst ihn immer vermissen und trauern, aber man lernt, damit umzugehen und gewöhnt sich daran. Deine Gefühle sind ganz normal und berechtigt. Sei froh, dass du deine Mutter und deinen Bruder hast, die dich verstehen, weil sie dasselbe empfinden.
 
Hallo D.,

ich finde deine Gesellschaftskritik sehr gut und finde, dass du ein gutes Menschenverständnis hast. Das ist eine Fähigkeit, die ich sehr schätze! Ich denke manche Menschen sind so, weil sie gut darin sind etwas zu überspielen oder sich vor Ernsthaftigkeit flüchten. Und deshalb auch vor diesen Themen und daher keinen guten Umgang oder Auferksamkeit für solche Themen haben. Schön, dass es bei dir nicht so ist! Da kann man sehr gut von dir denken!
Du kannst auch sehr gut darüber schreiben und deine Gedanken sind sehr schlüssig und deine Emotionen scheinst du auch sehr gut einordnen zu können. Auch dass du so gut trauern kannst ist eine sehr gute Fähigkeit. Du brauchst dich nicht zu schämen. Und wenn du es doch tust und es dir nicht angemessen erscheint, dann wirst du meiner Einschätzung nach auch damit umgehen können.
Aber sich zu schämen ist denke ich auch eine wichtige Eigenschaft. Ein Zeichen. Ein Signal, dass vielleicht nur etwas anderes anzeigt. Vielleicht dass du deine Trauer doch etwas zu offen austragen könntest, was ja eigentlich nur bedeutet, dass du noch nicht so weit bist damit, dass du damit gut umgehen kannst.
Du solltest dich nicht schlecht fühlen, dass du noch daran zu knabbern hast. Aber Scham ist bei dir bestimmt ein guter Impuls für deine Gefühlswelt sich ordnen zu können. Es ist ein Zeiger für dich und gibt eine Entwicklungsrichtung an denke ich. Du wirst wegen diesem Gefühl aufmerksam und reflektierst dich und die Situation. Aber du solltest nicht darunter leiden!
Was für eine Arbeit machst du denn, dass du regelmäßig mit Bestattern zu tun hast?
lg
 
da sie mir im Plauderton seelenruhig von ihrem an einem Herzinfarkt verstorbenen Vater erzählte und wie schlimm das für sie war, blablabla...
Warum sollte das "blablabla" sein?

Eine ältere Kollegin erzählte mir nach zwei Monaten, dass ihre Katze vor ihren Augen gestorben wäre, wie ganz ganz schlimm das für sie gewesen sei, sie hätte ja so ein Trauma davon, etc,
Verstehst Du denn nicht, was Leid bedeutet?

Auch musste ich feststellen, dass es vielen Kollegen und Freunden total unangenehm ist, wenn ich eben nach dieser "gesellschaftlich festgelegten" Trauerzeit nochmal auf das Thema zu sprechen kam, um z.B. zu erklären, warum ich an dem Tag schlecht drauf war. Viele waren zutiefst verunsichert, vermieden es, mit mir zu reden, wechselten schnell das Thema und wussten gar nicht, wohin mit sich.
Ja natürlich, denn der Tod ist immer noch ein Tabu. Und viele Menschen können nicht mit ihren Emotionen umgehen, je tiefer sie ihr eigenstes Wesen angehen.

Trauer ist ein Prozess, der bei den einen in sanftem Traurigsein geschehen kann, während es bei anderen grosse anhaltende Konflikte auslöst. Je nachdem, wie man seine Beziehung zu dem Verstorbenen ge- und erlebt hat. Vielleicht kommst Du besser darüber hinweg, indem Du Deine Erinnerungen mit Deinem Papa sortierst und Dich bewusst auf all die guten Erlebnisse mit ihm konzentrierst. Rufe sie Dir ins Gedächtnis, erinnere Dich an all die Momente, wo Du ihm Freude bereitet hast. Ich denke, das wird Deinen Schmerz lindern. Auf jeden Fall kannst Du nicht drumherum, Dich mit diesem Ereignis auseinanderzusetzen.
Du bist sicher noch sehr jung, da ist solch eine plötzliche und unerwartete Trennung besonders schwer zu verarbeiten. Du bist damit aber nicht allein, falls das Dir ein Trost ist. Ich drück' Dir die Hände!
 
Verstehst Du denn nicht, was Leid bedeutet?
Was für eine unglaublich dämliche und unempathische Bemerkung.

Die TE berichtet ja von ihrem Leid, und bei aller Liebe für Haustiere, der Tod des eigenen Vaters ist ja wohl ein anderes Kaliber. Ich nehme mal an, die Kollegin hat das gleichgestellt, das geht gar nicht.

Ich erinnere mich an eine Freundin, die einen Freund hatte, der geistig etwas eingeschränkt war. Sie hat ihm viel geholfen und er starb kurz nach meinem Bruder. Als ich ihr erzählte, wie schlimm es für meine Eltern war, ihr Kind zu verlieren, meinte sie "Ja, genau, für mich war dieser Freund auch wie mein Kind", was einfach nur absoluter Blödsinn und überhaupt nicht zu vergleichen war.
 

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