Hallo Andreas,
es geht mir teilweise ähnlich wie dir, daher ein paar Anregungen von meiner Seite.
Ich bin immer darauf aus, dass mich jeder mag. Soziale Kontakte machen mir eher Angst. Ich lächel aus Verlegenheit und bin blitzschnell gestresst, bereits bei alltäglichen Dingen mit Bekannten und Kollegen. Negative Erlebnisse trage ich oft wochenlang gedanklich vor mich her, träume davon, ärger mich.
Du lächelst aus Verlegenheit. Warum bist du verlegen? Wohl, weil du dich für etwas schämst. Wofür schämst du dich? Wohl für dich selbst. Für das Bild, das du abgibst.
Warum ist es dir so wichtig, dass dich jeder mag oder dass es keine negativen Rückmeldungen gibt? Weil negative Reaktionen dir bestätigen, dass es stimmt, was du befürchtest: dass du nicht okay bist, nicht liebenswert, kein guter Mensch oder kein angenehmer Zeitgenosse.
Generell habe ich (...) ein Problem zu meiner Meinung zu stehen. Ich rudere hin und her.
Du fürchtest den Konflikt, die Konfrontation. Warum? Weil du verletzbar bist. Dein Gegenüber könnte was Böses sagen und das würde dich treffen. Warum könnte dich das verletzen? Eben weil es dir wieder bestätigen würde, dass du nicht okay bist.
D.h. letztlich ist das alles eine Sache des niedrigen Selbstwertgefühls.
Wie gelangst du zu dem Gefühl eines hohen bzw. guten Selbstwerts?
Es ist das Bild, das du dir selbst von dir machst. Was du von dir selber denkst und hälst.
Wie kannst du es zu einem besseren, schöneren Bild machen?
Erstens, indem du dir bewusst machst, was dir an dir selber nicht gefällt. Was du an dir kritisierst, von was du denkst, dass es anderen an dir nicht gefällt oder dass es den Umgang mit dir schwer macht. Zweitens, indem du diese Dinge überprüfst. Manches sehen andere an dir vielleicht gar nicht so negativ wie du selbst. Drittens, indem du Dinge, die nicht so toll an dir sind, zu ändern versuchst.
Das hört sich vielleicht zu einfach oder banal an. Vielleicht sagst du, du kannst dich schon ganz gut selber einschätzen. Aber ich glaube, dass es gar nicht so einfach ist. Oft fühlen wir uns im Alltag schlecht, weil wir in einer ganz konkreten Situation denken, dass etwas von dem, was wir denken, sagen oder tun (v.a. gegenüber anderen) nicht gut ist. Das geschieht oft nicht bewusst, weil es so schnell geht. Außerdem sehen wir die Dinge oft nur mit unseren Augen. Wir sind aber meist in einem Trott, in unseren (Denk-) Gewohnheiten. Also z.B. wenn du einen bestimmten Modegeschmack hast, der z.B. ein bisschen langweilig ist, dann denkst du vielleicht so was wie: Ist vielleicht jetzt nicht toll, aber okay, und das passt auch zu mir, denn ich bin ja kein Supermann oder toller Hecht, also gibt es auch keinen Grund, daran was zu ändern. Gleichzeitig kann es aber sein, dass du jedes Mal, wenn du über Kleidung nachdenkst (z.B. wenn ein cooler gekleideter Mann anwesend ist), dich das in deinen Minderwertigkeitsgefühlen bestätigt. Oder dass deine Kolleginnen denken: Der ist nicht nur ein bisschen langweilig, kriegt den Mund nicht auf, sondern zieht sich auch so an. D.h. es kann sich durchaus lohnen, in diesem Punkt Veränderungen anzustreben, nur im Alltag fällt dir das gar nicht so auf. Das war jetzt nur EIN Beispiel, und ich weiss nicht, ob es für dich das passende war.
Nochmal zurück zu dem Selbstbild, der Selbsteinschätzung und dem Ändern von Dingen. Wenn du den Eindruck hast, einer bestimmten Person in einem bestimmten Punkt haushoch überlegen zu sein, dann wirst du dich - zumindest in diesem einen Punkt - auch nicht als nicht okay empfinden. D.h. je mehr Schwachstellen du bei dir beseitigst, desto seltener kommst du in diese Situationen, wo du dich unzulänglich fühlst. Natürlich wäre es toll, sich auch MIT seinen Schwächen okay zu finden. Ich hab nur gemerkt, dass das bei mir nicht so richtig funktioniert. Denn du kannst dich ja nicht selber täuschen: Wenn dein Bild von dir ist, dass du nicht so toll bist, dann kannst du dir auch nicht einreden, dass du toll seiest. Von außen können das wohl Menschen. Wenn du Milliardär, König oder Popstar wärst und dir ständig jeder signalisiert, wie toll du bist, dann ginge das wohl. Aber in der Lage sind wir ja nicht.
An der Stelle mal ein Feedback von mir, um deine (neue) Selbsteinschätzung voranzutreiben:
Positiv: Ich schätze deine Intelligenz, dein Wissen, deine Interessen (Politik, Geldanlage), deine sachkundigen Beiträge, deine nette Art.
Neutral: Mit Games und Nerd-Dingen kann ich nicht viel anfangen. Kommt mir tatsächlich ein wenig kindisch vor.
Negativ: Du wirkst - ganz Beamter - ein bisschen langweilig. Du schreibst gute, sachliche Beiträge, aber mehr als Fakten und Meinung kommt auch nicht. Es fehlt ein bisschen die Emotion, der Pep, vielleicht auch mal ein bisschen Zähne zeigen. Vielleicht kontrollierst du dich selber stark. Könnte das sein? Selbstbeherrschung als weiterer Weg, der Konfrontation oder der Kritik aus dem Weg zu gehen? In deiner Kontaktanzeige hast du mal anders geschrieben, hast deinen Humor rausgelassen, und auch wenn nicht jeder Gag gezündet hat, war das mal erfrischend anders und sympathischer. (Und selbst in den meisten Hollywood-Komödien zündet nur ein kleiner Teil der Gags.)
Ich schreibe das nicht aus einer überheblichen Position, denn das meiste von dem, was ich schreibe, trifft vermutlich bis zu einem gewissen Grad auf mich selbst zu. (Mir hat man auch schon gesagt, dass ich am Telefon viel lockerer wirke als in meinen Beiträgen.)
Ich denke, dass du ein einigen Dingen dein Licht unter einen Scheffel stellst:
Ich bin sicherlich kein 08/15 Mensch. Alles, was mich von der Norm abhebt, ist mir als Thema aber oft unangenehm.
Faktisch fühle ich mich aber vermutlich weniger Wert, weniger erfolgreich und vor allem anders. Ich sehe oft in eine Runde und denke "ich bin der einzige hier, der ..... nicht hat".
Es gibt immer zwei Wege, wie man Menschen beurteilen kann, die anders sind als die Mehrheit:
"Der ist doch nicht normal."
"Der ist was Besonderes."
Kommt halt drauf an, ob man Armin Meiwes oder Karl Lagerfeld ist.
Was deine Themen und Interessen angeht,
Da spricht Person A über ihre Haustiere, B über ihren Urlaub, C über Pflanzen und D über ihr Pferd. Ich stehe schweigend daneben und überlege, welche Themen ich habe, die andere interessieren könnten. Ich könnte über die Wirtschaft sprechen, Politik, über Geldanlagen ... nein zu heikle Themen. (...) Wie wäre es mit meinem Garten? Ne lieber nicht. Den habe ich naturnah angelegt und damit kann keiner was anfangen oder mitreden.
so finde ich sie weit interessanter als die der erwähnten Leute (evtl. mit Ausnahme des Urlaubs, wenn es dabei um ein interessantes Land geht, das auch wirklich erlebt wurde). Politik, Wirtschaft und Geldanlage finde ich weitaus spannender als das meiste banale Zeug, das die Leute so reden. Wenn du mal analysierst, was die Leute so reden, stellst du fest, dass der Großteil der Gespräche sich um Konsum und um Lästern über Dritte dreht. Oder, endlos, die Kinder, das Haus, das Auto, der Verein, das Dorfgespräch. Gähn. Da sind deine Themen doch viel interessanter. Dein Problem ist vielleicht, dass du irgendwo sitzt, wo du wenig Gleichgesinnte findest. In einer Großstadt hättest du evtl. mehr Leute, die so ticken wie du.
Ich finde einen naturnahen Garten (oder eine Permakultur) auch viel spannender als einen normalen. Warum soll das nicht interessant sein? Ein Garten, der gleichzeitig ökologisch vorteilhaft ist, wenig Pflege braucht und gut aussieht, so was fände ich hochspannend.
Das, was alle machen, ist doch meistens nicht interessant, sondern langweilig, weil es eben so stinknormal ist. Und vieles, was die Leute tun, weil man es schon immer so getan hat (also anders gesagt, weil die Leute zu denkfaul sind, Dinge mal infrage zu stellen oder was Neues auszuprobieren), ist doch ziemlich bescheuert.
Und schau dir an, was viele tun, was aber eigentlich auch total bescheuert ist, aber als normal gilt: dieses wöchentliche Mitfiebern mit einem Fußballclub, mit dem man eigentlich überhaupt nichts zu tun hat. Ähnlich Formel Eins. Beklopptes Fernsehprogramm, womit Millionen Menschen ihre Zeit verschwenden. Usw.
Wenn dann noch Alkohol getrunken wird, ist für mich eh alles vorbei, weil ich nicht trinke. Irgendwann ist das Gespräch vorbei und ich bin einfach nur froh, dass ich der Situation entkomme.
Na ja, wenn alle angeheitert sind, passt man als Nüchterner da nicht mehr richtig rein. Entweder mittrinken oder rechtzeitig gehen.
Aber generell gilt: Wenn dein Schwachpunkt ist, dass du in Gesellschaft nichts zu sagen hast, dann überleg dir, was du in Zukunft sagen könntest oder wie du mit der Situation umgehen könntest. Small Talk und Gesprächsführung (-lenkung) kann man lernen. Du kannst auch mit Leuten, die nicht so sind wie du, Interessantes erfahren, und sei es nur, dass du testest, wie die Leute auf bestimmte Reize (z.B. eine steile These von dir, eine Provokation) reagieren.
In Rollenspielen kann man lernen, seine Position zu verteidigen. Wenn du nichts zu erzählen hast, weil dein Leben so langweilig und einsam ist, nun, dann unternimm halt mal was Interessantes, Verrücktes. Eine Reise in ein exotisches Land, ein Bungee-Jump, ein Fallschirmsprung.
Wenn du dich für Politik interessierst, du das als Thema aber unpassend findest, dann wandele es ein wenig ab zu Zeitgeschehen, Dinge, die gerade passiert sind (wie z.B. die Passauer Armbrust-Morde oder der Mord mittels Straßenbahn).
So kannst du an jedem Punkt arbeiten. Zu jedem Punkt an dir arbeiten.
Du hast einen großen Vorteil: Du bist gesund (soweit ich weiss), du hast Geld und du kannst somit Dinge gegen deine Misere unternehmen. Ich denke da z.B. an
- Psychotherapie (als Begleitung auf deinem Weg, zur Besprechung von Schritten u. Erfahrungen)
- Seminare wie Schlagfertigkeitstraining, Rhetoriktraining, Schauspieltraining oder Verkäuferschulung (irgendwas, wo dein Auftreten mit Video analysiert wird z.B.), Modeberatung etc.
- Bücher über Selbstwertgefühl ("Leben kann auch einfach sein", "Die sechs Säulen des Selbstwertgefühls" etc.), Freunde finden (Dale Carnegie), Small Talk, Sympathie usw.
- Kampfsport
- Reisen (du lernst dich neu kennen, erlebst Neues und hast was zu erzählen; wenn du ein Sabbatical machen kannst, mach eine Weltreise oder geh den Jakobsweg, und du kommst als anderer Mensch zurück)
- soziale Kontakte (es gibt unzählige Threads in diesem Forum, wo gesagt wird, wo man auf Leute treffen kann), auch zur Übung. Es gibt überall (v.a. in Städten) wöchentliche Stammtische/Treffen zu verschiedenen Themen, auch Theaterübungen usw. Solange du zulässt, dass die Angst all das verhindert, wirst du nichts verändern. Du bist ja auch einsam, und das dürfte einen großen Teil der Leere und Unzufriedenheit in deinem Leben ausmachen. Also versuche, daran etwas zu ändern. Hier im Forum eine Partnerin zu suchen, ist ja schon ein guter Schritt. Aber du schaffst es auch, ein oder zwei mal pro Woche zu einem Stammtisch (z.B. Sprachen) oder Training zu gehen, das schaffen andere Berufstätige ja auch.
Wenn du zu wenig Zeit hast, schau mal, ob du nicht die Arbeitszeit verkürzen kannst. Es gibt Leute, die arbeiten auf dem Amt nur vier Tage die Woche. Nimm dir für den Urlaub immer was vor, ein Projekt. Das kann eine Reise sein (auch ein Städtetrip an einem langen Wochenende), eine neue Erfahrung, ein Seminar, eine Wanderung usw.
Dieses An-sich-arbeiten ist nur EIN Weg, andere Wege wurden schon vorgeschlagen. Entscheide selber, was zu dir passt.
Ich wünsch dir viel Erfolg, und halt uns auf dem Laufenden.