Ja ja, die Bestie Islam. Einmal mehr der Abendländer im Exklusionsmodus. Die von Demagogen perhorreszierte Islamisierung verunsichert überforderte Menschen soweit, dass sie nur noch die "Andersartigkeit" muslimischer Mitbürger wahrnehmen. Ihr "Wir" schließt Moslems als "Andere" aus.
Das hat verschiedene Gründe. Zum einen scheint noch immer die "Türkengefahr" in der abendländischen Kultur veranlagt zu sein, zum anderen gibt es internalisierte Stereotypen, die das Islambild des Verunsicherten konstituieren. Die Muslima wird automatisch mit dem Hidschab als diskriminierendes Element assoziiert, der Kuran auf seine Hass-Suren reduziert (dabei übrigens oft semantisch inkorrekt übersetzt!).
Problematisch ist vor allem, dass Moslems von Verunsicherten als homogene Masse wahrgenommen werden. Das kommt dem Rassismus in den USA nahe. Dem Schwarzen wird dort per se ein hohes Kriminalitätspotential beigemessen; der Moslem gilt als potentieller Terrorist. Das wird im großen Stile durch Mediendarstellungen unterstützt; gerade um die Zeit des 9/11-Vorfalles wurden fortwährend von islamistischem Terror berichtet und dabei klassische Fehldiagnosen gestellt (s. Anthrax), die jedoch - nicht korrigiert - keinen Einfluss auf das kritische Bewusstsein der Verunsicherten hatten. Bildsprache und Rhetorik waren derart sorgfältig ausgearbeitet, dass sie von Anfang an zu einem Konsens für den Krieg beitrugen. Karl Marx sprach bei sowas vom "ewigen Alp", der auf den "Gehirnen der Lebenden lastet". Man war nicht in der Lage, das Phänomen 9/11 sprachlich singulär oder neuartig zu fassen, längst waren Bilder und Rhetorik wider des Anderen (Islam, (Kommunismus) ...) etabliert. Die Traditionen alter "Namen, Schlachtparolen, Kostüme" (Marx) verhindern, dass Ereignisse wie 9/11 den Blick - wie durch ein geöffnetes Fenster - auf Neues freigeben. Und das beziehe man nun auf sämtliche aktuellen Vorfälle: Alles, was in diesem Format geschieht, wird durch die bereits vorhandene Sprache und existierenden Bildern verarbeitet. Es entsteht die Karrikatur der "ewigen Bombe".
Übrigens hat Mike mehrfach etwas sehr Wichtiges angeführt: Die Attentäter in Paris waren Franzosen. Und das stimmt! Es ist bemerkenswert, wie viele Terroristen in einem europäischen Land aufwuchsen, "verwestlicht" wurden und vor dem Hintergrund solcher kulturellen Erfahrung zum Extremismus greifen. Das war auch bei den schiitischen 9/11 Attentätern der Fall. Der religiös motivierte Märtyrertod spielt im schiitischen Islam eine untergeordnete Rolle. Er wird in Passionsspielen und Geisslerprozessionen zwar rituell inszeniert. Diese Frömmigkeit feiert jedoch den Opfertod des Propheten-Enkels Imam Hussein Ibn Ali (680 n.Chr.) in Kerbala, was den Bezugspunkt schiitischen Glaubens darstellt und sich heute als ausgeprägter Altruismus äußern würde, welcher vor allem europäische Reisende beeindruckt.
Der entscheidende Punkt hierbei ist: Der Märtyrekult ist konkret schiitisch und hat sich in Opposition zur islamischen Mehrheit herausgebildet. Die Ideologie der Terroristen ist dagegen dezidiert sunnitisch. Der selbstmörderische Opfertod gehört für Sunniten wie Mohamed Atta zu einer Tradition, die sie für "herätisch" halten und die auf zorotrastische oder gar katholische Ursprünge verweist! Kamikazeflieger Japans bezogen sich übrigens mit Vorliebe auf den Nihilismus Nietzsches oder die deutsche Romantik; das Dritte Reich wollte Selbstmordflieger bauen lassen (s. auch Ernst Jünger) - die Selbstmordlogik bleibt vor allem ein westliches Element und verweist nicht auf das religiöse Denken des sunnitischen Islam.
(nachzulesen in Navid Kermani: Dynamit des Geistes, S. 21.)
Für den Westler scheinen die Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten zwar marginal zu sein; der Blick sollte jedoch umgekehrt und auf den Westen selbst gelenkt werden. Sämtliche Attentäter waren Angehörige der verwestlichten Mittel- und Oberschichten Ägyptens und Saudi-Arabiens, die in Deutschland un den USA vollständig integriert gewesen sind. Sie gingen ins Kino, in die Disco und rauchten ab und zu einen Joint.
Außerdem ein aufschlussreicher Artikel aus dem
Spiegel. Die Beweggründe der dinslakener IS-Unterstützer scheinen auf der Hand zu liegen: Frustriert vom Identitätskampf, aufgewachsen in einem Land, das ihre Kultur als Gefahr begreift, gesellschaftlich gescheitert und auf der Suche nach Werten, zogen sie in den Krieg.
Studien zeigen übrigens: Diskriminierung und die Wahrnehmung einer islamophoben Gesellschaft führen dazu, dass in Europa lebende Muslime sich stärker mit ihrer Religion und weniger mit dem jeweiligen europäischen Staat identifizieren. Außerdem wirkt sich die zunehmende abweisende Haltung negaitv auf die Gesundheit (körperlich, psychisch) von Mitgliedern muslimischer Minoritäten in Europa aus.